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Corona-Angst erfasst Skizirkus Wenn der Berg plötzlich bedrohlich schweigt

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Der Auftakt in Sölden ist geglückt, wenn auch unter skurrilen Bedingungen.

(Foto: dpa)

Der Start ist geglückt, doch die gewaltigen Zweifel und Sorgen bleiben. Der Skizirkus blickt angesichts der riesigen Herausforderungen in der Corona-Krise bang in die Zukunft. Und malt ein düsteres Bild, sollten die Weltcup-Veranstaltungen wegen der Pandemie demnächst ausfallen.

Felix Neureuther blutet das Ski-Herz, wenn er an den Winter denkt. "Wenn man es gewohnt ist, dass da 50.000 stehen in Kitzbühel oder Schladming - und auf einmal ist da niemand! Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt", sagt der ARD-Experte. Doch seit Corona ist nichts mehr wie es war, die "Geisterrennen" sind seit dem Saisonauftakt in Sölden die neue traurige Weltcup-Realität.

Als aktiver Ski-Rennläufer habe er "extrem von den Zuschauern gelebt", erzählt Neureuther, "ich habe es geliebt, diese Emotionen zu spüren." Doch jetzt ist da - nichts mehr. Wo sonst Tausende skiverrückte Fans ihre Helden bejubelten, herrschte beim Start am vergangenen Wochenende fast gespenstische Stille - und die neue Corona-Tristesse wird den Skizirkus durch den Winter begleiten.

Die Bundesregierung der Skination Österreich lässt bis 31. Dezember keine Zuschauer zu. Kitzbühel, Schladming, St. Anton und Flachau, wo im Januar gefahren wird, verzichten vorausschauend auf den Karten-Vorverkauf. An der berühmt-berüchtigten Streif im Skimekka "Kitz" werden nur Fans stehen, "wenn kurzfristig ein kleines Wunder geschieht", sagt OK-Chef Michael Huber. Doch daran glaubt kaum jemand, auch nicht in der Schweiz. Dort wird der Hexenkessel von Adelboden nicht mehr brodeln, der Hundschopf in Wengen verstummen.

"Dramatisch, wenn kein Wintersport stattfinden würde"

Da wirkte es trotzig bis an die Grenze zum Realitätsverlust, dass Gastgeber Cortina d'Ampezzo am Mittag den Ticketverkauf für die WM im Februar startete. "Wir wollen Hoffnung verbreiten", sagt OK-Chef Valerio Giacobbi, für "Anpassungen" sei man notfalls jederzeit bereit. So schwer es auch falle, sagt Neureuther, "wir müssen uns eben darauf einstellen", dass die Atmosphäre und mithin auch ein bisschen die Seele verloren gehe. Keine Rennen seien keine Alternative. "Es wäre dramatisch, wenn kein Wintersport stattfinden würde, da hängt einfach zu viel dran", sagt er. DSV-Alpinchef Wolfgang Maier wird drastischer: "In dem Moment, wo wir keine Weltcup-Veranstaltungen mehr haben, gibt es uns nicht mehr."

Sölden war daher ein Erfolg. Neureuther spricht von einem "sehr wichtigen Schritt für den Wintersport". ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel fand die Veranstaltung - abgesehen vom historisch schlechten Abschneiden seiner Rennläufer - "wirklich super" und beispielgebend für die folgenden Standorte. Das Konzept der totalen Abschottung habe "sehr, sehr gut funktioniert", meint auch Neureuther. Den Beteiligten verlangt es einiges ab. Maier spricht von "Einschränkungen, wie wir sie bisher nicht kannten". Wie Neureuther stellt er sich die Frage, ob die Sölden-"Blase" ohne Weiteres auch auf die anderen Weltcup-Orte übertragbar ist - vor allem dann, wenn dort auch der Skitourismus wieder Fahrt aufnimmt.

Wie allgegenwärtig das Virus ist, wurde in Sölden dem letzten Träumer klar. Betreuer aus zwei Teams wurden vor Ort positiv getestet. "Es geht schnell und kann jeden erwischen", sagt Lara Gut-Behrami. Die Schweizerin war selbst kürzlich in Quarantäne: Ihr Mann Valon Behrami, Fußballer in Genua, hatte sich infiziert.

Quelle: ntv.de, tno/sid