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Gnadenlose Hornets-AnarchieWie die ewige Gurkentruppe urplötzlich zum NBA-Superteam wurde

21.03.2026, 07:05 Uhr
imageVon Seb Dumitru
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Die Charlotte Hornets haben sich stabilisiert. (Foto: IMAGO/Anadolu Agency)

Trendige Fan-Lieblinge in den 90ern, dann lange unterstes Niveau: Fast 20 Jahre dümpeln die Charlotte Hornets in den Niederungen der NBA. Seit Januar aber sind sie kaum noch zu schlagen. Was ist da los?

Es ist kein Abend wie jeder andere in der NBA - erst recht nicht für einen der glücklosesten Klubs der Basketball Association: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde in Charlotte, North Carolina, die Trikotnummer 30 unter die Hallendecke gezogen. Die gehörte hier einst Dell Curry, Vater der beiden NBA-Ausnahmeschützen Steph und Seth. Die beiden Profis in Diensten der Golden State Warriors saßen mit ihren Familien auf dem blaugrün beleuchteten Parkett und honorierten den heute 61-Jährigen, der den Hornets als Kommentator und Botschafter treu geblieben ist.

Curry hält die Franchise-Rekorde für absolvierte Spiele, Treffer aus dem Feld und erfolgreiche Dreierversuche. Und ist erst der zweite Hornets-Spieler, dessen Nummer verewigt und künftig nie wieder vergeben wird. Bobby Phills' Nummer 13 wurde 2000 geehrt, nachdem er bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen war. Nach der Zeremonie ballerten sich die heutigen Hornets-Profis zu einer 130:111-Demontage gegen die Orlando Magic, es war ihr vierter Sieg aus den vergangenen fünf Partien und zehnte aus den vergangenen 15 seit der All-Star-Pause.

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LaMelo Ball ist ein hoch talentierter Chaos-Guard. (Foto: IMAGN IMAGES via Reuters Connect)

Die Charlotte Hornets sind die größte Überraschung dieser NBA-Saison. Sicherlich haben auch Teams wie die San Antonio Spurs, Los Angeles Lakers oder Boston Celtics ein paar Wörtchen mitzureden, zumal sie die Erwartungen zum Teil weit übertreffen. Im Gegensatz zu all diesen Klubs, die jeweils unter den Top-Drei ihrer jeweiligen Conference stehen, verfügt Charlotte aber weder über kollektive Championship-Erfahrung, noch über einen der zehn besten Spieler der Welt (Victor Wembanyama, Luka Doncic, Jayson Tatum).

Bobcats, Jordan, zwei Jahrzehnte Stümperei

Die Hornets sind lange das Synonym für fast alles, was in der National Basketball Association schiefgehen kann: Der einst verhasste Teambesitzer George Shinn verfrachtete das beliebte Team 2002 nach New Orleans. Zwei Jahre später erhielt Charlotte das bisher letzte Expansion-Team der Liga zugeteilt: Die Bobcats stellten zehn Jahre in Folge einen Negativrekord nach dem anderen auf -unter anderem den für die schlechteste Saison aller Zeiten und gewannen kein einziges Playoff-Spiel. Daran änderte auch die Umfirmierung zurück in Hornets nicht viel. Teambesitzer Michael Jordan scheiterte kläglich, seine Ägide (2010-2013) war von einem Fehlgriff nach dem anderen geprägt. Spieler, Coaches, Management ... die Liste stümperhafter Transaktionen kennt kein Ende.

Die Playoffs hat Charlotte das bisher letzte Mal vor zehn Jahren erreicht, dort eine ganze Serie zu gewinnen seit 2002 nicht geschafft. Zwei Mal reichte es fürs Play-In, mehr als eine Partie war aber weder 2021 noch 2022 drin. Zwischen 2016 und 2025 hat dieser Klub satte 434 Niederlagen kassiert - nur Detroit war im selben Zeitraum noch kläglicher. In den vergangenen drei Saisons vor der aktuellen gingen die Hornets am häufigsten als Verlierer vom Parkett - 179 Mal in 246 Partien.

Am Neujahrstag 2026 zählten die Hornets noch zu den schlechtesten Teams der Liga. Nur fünf Klubs hatten eine noch dünnere Bilanz als Charlottes 11:22 Siege akkumuliert. Die Defensive war eine der fünf löchrigsten, vieles deutete aus ein weiteres verlorenes Jahr in North Carolina hin. Tradegerüchte um den oft verletzten Star-Guard LaMelo Ball machten die Runde, chronische Skeptiker forderten einen Ausverkauf der etablierten Profis und den nächsten harten Reset.

Seit Januar im Attacke-Modus

Doch dann machte es plötzlich Klick. Seit dem 1. Januar zählen die Hornets urplötzlich zu den besten Teams der Liga, haben mehr als zwei Drittel ihrer Duelle gewonnen (25:12 Siege) - unter anderem gegen absolute Top-Teams wie Oklahoma City, San Antonio, die Lakers, Denver, Houston und Boston. Ihr Angriff ist seither der beste ligaweit, ihre Verteidigung erstickend gut (Rang sechs), ihr Net-Rating ebenfalls NBA-Spitze.

Charles Lee, der einst in der deutschen BBL für die BG Göttingen und die Artland Dragons aktiv war, gewann als Assistenztrainer in Milwaukee (2021) und Boston (2024) zwei NBA-Meisterschaften, bevor er von Charlotte als Head Coach verpflichtet wurde. Sein beharrlicher Fokus aufs defensive Ende brachte ihm zu Beginn seiner Amtszeit die Missgunst seiner Spieler ein, trägt weniger als zwei Jahre später aber reife Früchte. Lee hat es geschafft, sein Team zur nötigen Härte zu coachen, es Abend für Abend respektabel und kompetitiv aufzustellen.

Taktische Anarchie

Offensiv brillieren die Hornets mit einer Mischung aus Anarchie, Überraschungsmomenten und modernster Taktik. Unorthodoxe Blocksequenzen, wirre Winkel und spektakuläre Wurfversuche haben aus der einst schläfrigen Attacke die explosivste der Liga geformt. Anzahl und Quote der Dreier sind explodiert, Charlotte belegt Platz eins bei den Treffern (im Vorjahr 18.), Platz zwei bei den Versuchen (11.) und Platz drei bei der Treffsicherheit (28.). Zehn Profis im aktuellen Kader treffen mindestens einen Dreier pro Spiel, davon sieben besser als Ligadurchschnitt.

Die Starting Five ist die statistisch dominanteste Einheit ligaweit. Umgerechnet 13 Punkte pro 100 Angriffe sind die Hornets im Plus, wenn Ball, Kon Knueppel, Brandon Miller, Miles Bridges und Moussa Diabaté gemeinsam auf dem Hartholz stehen. Routinemäßig erspielen sie eine hohe Führung oder schaffen es noch, einen Rückstand aufzuholen. Dieses Quintett ist fast immer verfügbar und brilliert durch seinen Zusammenhalt und sein Wir-Gefühl. "Wir haben viel Spaß, verbringen gerne Zeit miteinander, und das zeigt sich eben auch auf dem Parkett", erklärt Rookie-Sensation Knueppel den Erfolg der Truppe.

Drittjüngstes Team mit viel Luft zum Fliegen

Ball und Knueppel bilden im Backcourt die perfekte Basketball-Symbiose. Ball ist das personifizierte Chaos, ein ultratalentierter, unberechenbarer Spielmacher, der endlich die passenden Puzzlestücke neben sich weiß. Der Rookie des Jahres 2021 hat mehr Partien mit mindestens 30 Punkten und 10 Assists erzielt als alle anderen Spieler in der Hornets-Geschichte zusammengenommen. Nur drei andere Akteure in der NBA kommen wie Ball auf mindestens 19 Punkte, sieben Vorlagen und drei Dreier pro Partie: Luka Doncic, James Harden und Jamal Murray. Nur Doncic, Nikola Jokic, Shai Gilgeous-Alexander und Cade Cunningham kreieren mehr Punkte pro 100 Ballbesitze - alle vier Superstars zählen zu den größten MVP-Kandidaten in diesem Jahr.

Knueppel ist der statistisch beste Rookie-Shooter aller Zeiten. Der 20-Jährige hätte nicht nur um ein Haar den Dreier-Wettbewerb beim All-Star-Wochenende gewonnen. Er erzielt starke 19,3 Punkte pro Partie und führt die Liga bei den Dreiern an. Er hat in dieser Saison mehr Dreier versenkt als Curry, Doncic, Donovan Mitchell und Ball. Zu seinen Rekorden bisher zählen die meisten Dreier aller Zeiten für einen Rookie, schnellster Spieler mit 100 und 200 Karriere-Dreiern in der Geschichte der NBA, und die meisten Partien als Frischling mit mindestens 20 Punkten bei 65 Prozent True Shooting - sogar mehr als der bisherige Rekordhalter, Michael Jordan. Seine Anziehungskraft mit und ohne Ball sowie unermüdliche Laufbereitschaft bereiten gegnerischen Defensiven Alpträume. "Er ist groß, spielt aggressiv an beiden Enden und macht die richtigen Plays. Er weiß einfach immer, was angesagt ist", sagt Ball über ihn.

Und dann ist da noch ganz viel Routine

Flügelspieler und All-Rounder Miller kam vor drei Jahren in die Liga, zeigte auf Anhieb exzellente Ansätze - und verpasste dann einen Großteil der Vorsaison verletzt. In dieser Spielzeit ist er wieder fit und legt 20,4 Punkte auf. Diabaté ist einer der besten Offensiv-Rebounder der Liga. Veteranen wie Bridges, Coby White, Grant Williams und Josh Green bringen die nötige Erfahrung von mindestens fünf oder sechs NBA-Saisons mit. Die wird vor allem in der Postseason vonnöten sein, wenn jeder Ballbesitz zählt.

Bis dahin müssen alle Gegner mit einer bitteren Realität leben: Die Hornets sind talentierter als sie - und das drittjüngste Team der NBA. In der Tabelle haben sie sich schon länger auf Rang zehn im Osten festgebissen, ein Play-In-Platz ist ihnen nur noch theoretisch zu nehmen. Der Blick geht aber schon seit Wochen weiter nach oben, selbst Platz sechs - der zur automatischen Playoff-Teilnahme berechtigen würde - scheint angesichts von nur zwei Siegen Rückstand bei zwölf ausstehenden Partien noch im Bereich des Möglichen. So oder so: die Charlotte Hornets scheinen nach mehr als zwei Jahrzehnten Pech und Schwefel endlich das Glück auf ihrer Seite zu haben. Und es endlich mal eine Weile halten zu können. "Ich sehe sie jeden Tag", sagt Dell Curry. "Ich sehe, wie hart sie arbeiten, wie hungrig sie sind. Die Klubkultur verändert sich in Echtzeit. Aus diesem Team kann etwas Großes werden."

Quelle: ntv.de

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