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Nach Untergang der Titanic Wie ein Überlebender die US Open gewann

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Zwei Jahre, nachdem er den Untergang der Titanic überlebt hat, gewinnt er am 1. September 1914 in Newport/Rhode Island die amerikanischen Tennis- Meisterschaften, das Vorgängerturnier der US Open: Norris Williams II.

(Foto: imago sportfotodienst)

Richard Norris Williams überlebt den Untergang der Titanic, unterkühlt und ausgezehrt. Ein Arzt will ihm die Beine amputieren, Williams sagt nein. Zwei Jahre später gewinnt er die Tennis- Meisterschaften der USA, das Vorgängerturnier der US Open.

Die grauenvolle Gewissheit kommt gegen zwei Uhr morgens. Seit mehr als einer Stunde haben Richard Norris Williams II. und sein Vater Charles Duane an diesem 15. April 1912 nicht an sich gedacht, sondern an Frauen, Kinder und Ältere. Es herrscht Chaos auf der Titanic, diesem angeblich unsinkbaren Luxusliner, der kurz vor Mitternacht im Atlantik einen Eisberg gerammt hatte und dessen Bug bereits im Wasser verschwunden ist. Menschen schreien, Metall bricht, und Hilfe ist nicht in Sicht. Dennoch haben Richard, 21 Jahre alt, angehender Harvard-Student und talentierter Tennisspieler, und Duane Williams, ein Anwalt aus Philadelphia, zahlreichen Passagieren in die Rettungsboote geholfen, selbstlos und selbstverständlich. Doch jetzt wird ihnen klar, dass für sie kein Boot mehr übrig ist und sie um ihr Leben schwimmen müssen.

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"Meine Beine brauche ich noch"

(Foto: imago sportfotodienst)

Bevor sie ins eiskalte Wasser springen, wird Duane Williams von einem einstürzenden Schornstein erschlagen. Richard Williams erstarrt, doch ihm bleibt keine Zeit zum Trauern. Alles muss jetzt ganz schnell gehen. Er klettert auf eine Brüstung, springt fünf Meter tief ins eiskalte Wasser und schwimmt "mit aller Kraft". Der Pelzmantel über seiner Rettungsweste erschwert das Entkommen. Aus einiger Entfernung sieht er schließlich, wie der Stahlkoloss um 2:20 Uhr untergeht - "ohne Lärm, völlig geräuschlos".

Williams erreicht ein Rettungsboot, das umgekippt im Wasser treibt. Neben ihm klammern sich etwa 30 weitere Personen an den hölzernen Rumpf. Nur 13 von ihnen überleben die Stunden im eiskalten Atlantik-Wasser. Als das Passagierschiff Carpathia Williams rettet, ist er ausgezehrt und völlig unterkühlt. Seine Beine sind rot-lila, er kann sie nicht mehr fühlen. Ein Schiffsarzt legt ihm eine Amputation nahe, Williams schüttelt energisch den Kopf. "Meine Beine brauche ich noch", entgegnet er. Richard Norris Williams hatte schließlich noch viel vor. Und er hat es tatsächlich geschafft. Zwei Jahre später, am 1. September 1914, gewinnt er in Newport/Rhode Island die amerikanischen Tennis- Meisterschaften, das Vorgängerturnier der US Open.

Wenn Quincy Williams über seinen Großvater Richard Norris Williams II., erzählt, wirkt er zögerlich. Er spricht von einem "bescheidenen Mann, der nicht gern über sich selbst redete". Aber so richtig erinnern kann sich der 59-Jährige an ihn nicht mehr. Wie auch. Schließlich war Quincy Williams neun, als sein Großvater 1968 starb. Das meiste, was er über ihn weiß, hat er aus dessen Memoiren erfahren. Die Tenniserfolge und seine Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg. Und wie er den Untergang der "Titanic" überlebte.

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Rettungsboote auf dem Weg zur Carpathia.

(Foto: Reuters)

Richard Norris Williams II. kommt 1891 in Genf zur Welt. Aufgrund gesundheitlicher Probleme seines Vaters sind die Eltern von Philadelphia in die Schweiz gezogen, um leichteren Zugang zu Heilbädern zu haben. Duane Williams bringt seinem Sohn das Tennisspielen bei, 1911 ist dieser erstmals Schweizer Meister. Im Herbst 1912 will er an der Harvard-Universität studieren und Tennis spielen. Um ihn auf beide Aufgaben vorzubereiten, planen die Eltern, ihn bereits im Februar in die Vereinigten Staaten zu schicken. Williams soll an den Sommerturnieren teilnehmen und an der Milton Academy lernen. Das Internat bei Boston ist für sein Prestige und überzeugendes, akademisches Programm bekannt. Doch Williams bekommt die Masern und muss die Reise verschieben.

"Eine der größten Überraschungen seit Ewigkeiten"

Als sein Vater von der Jungfernfahrt der Titanic hört, bucht er zwei Erste-Klasse-Tickets. Richard und Duane Williams gehören zu den 274 Passagieren, die am 10. April 1912 in Cherbourg an Bord gehen. Vier Tage später sitzen sie zum Abendessen am Tisch von Kapitän Edward Smith. Alle hätten sich die Mägen vollgeschlagen, schreibt Richard Williams später einem anderen Titanic-Überlebenden. Als das Schiff einen Eisberg rammt, werden er und sein Vater aus dem Schlaf gerissen. Panik, sagt Williams, sei aber nicht ausgebrochen. Duane Williams hatte Jahre zuvor auf dem Atlantik ein Schiffsunglück überlebt und versichert seinem Sohn: "Selbst wenn die Titanic stark getroffen ist, kann sie mindestens 12 bis 15 Stunden über Wasser bleiben."

Nur zwölf Wochen nach der Katastrophe spielt Richard Williams wieder ein Tennis-Turnier. Es kommt ihm entgegen, dass die Kleiderordnung weiße, lange Hosen vorschreibt. Denn seine Beine bleiben zeitlebens von den Erfrierungen gekennzeichnet. Trotzdem hat er Erfolg. Am 1. September 1914 gewinnt Williams die amerikanischen Meisterschaften. Im Finale besiegt er den Champion der beiden vorangegangenen Jahre, Maurice McLoughlin.

Die Berichterstattung in der "New York Times" über sein 6:3, 8:6, 10:8 kommt einer Hommage gleich. Von "einer der größten Überraschungen seit Ewigkeiten", einem "brillanten Spiel" und "einem völlig überforderten Titelverteidiger" ist dort zu lesen. Weitaus überraschender als Williams’ Sieg ist aus heutiger Sicht jedoch, dass es im Text ausschließlich um die sportliche Leistung des 23-Jährigen ging. Dabei hatte Williams seinen größten Sieg nicht an jenem Dienstag auf dem grünen Rasen des Newport Casino errungen, sondern am 15. April 1912 im Wasser des Atlantiks.

Aus jener Nacht vor 106 Jahren stammt der Flachmann, den Quincy Williams besitzt. Nachdem die Titanic den Eisberg gerammt hatte, war sein Großvater damit zu einer Bar gegangen, um ihn mit Alkohol füllen zu lassen. Der Schnaps, so Richard Williams' Hoffnung, könne ihn in den kommenden Stunden warm halten. Das Bordpersonal verweigerte jedoch den Ausschank mit der Begründung, die Bar sei geschlossen. Der Flachmann, sagt Quincy Williams, sei bis heute nie gefüllt worden.

Quelle: ntv.de