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Kapitän Gensheimer im Interview Wo es im DHB-Team bei der EM hapert

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"Wir müssen jeden Ball, jeden Block und jedes Tor feiern": Uwe Gensheimer.

(Foto: dpa)

Von einer Krise will er nichts wissen. Uwe Gensheimer, 31 Jahre alt und Kapitän der deutschen Handballer, die in Kroatien den EM-Titel verteidigen wollen, legt in seiner Vorrundenanalyse im Gespräch mit n-tv.de am Tag nach dem 25:25 gegen Mazedonien zwar den Finger in die Wunde und kritisiert Mängel im Angriffsspiel. Von einem Autoritätsverlust des Trainers Christian Prokop allerdings könne keine Rede sein. Dennoch ist die Stimmung angespannt. Das Team muss aufpassen, dass aus den #badboys nicht plötzlich die #sadboys werden.

n.tv.de: Die Vorrunde ist vorüber. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Uwe Gensheimer: Gemischt. Wir haben gegen Montenegro, Slowenien und Mazedonien phasenweise sehr gut gespielt, aber mindestens ebenso oft haben wir es nicht geschafft, unser Angriffsspiel konstant durchzuziehen und in unseren Lauf zu kommen. Unsere Chancenverwertung war teilweise sehr schlecht. Und auch unser Tempospiel aus einer geschlossenen Abwehr, um einfache Tore zu erzielen, haben wir noch nicht geschafft.

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Ein bisschen Spaß muss sein - hier mit Mazedoniens Torwart Nikola Mitrevski.

(Foto: imago/Heuberger)

Nehmen Sie sich die Möglichkeit zum Gegenstoß, weil Sie nicht ständig in der Deckung stehen?

Das sollte eigentlich anders sein. Mit einem Mittelmann, der in solchen Situationen das Tempo macht, wollten wir es schaffen, aus der zweiten Welle mehr Tore zu erzielen. Stimmt, das haben wir noch nicht gut genug gemacht.

Was muss besser werden?

Unser Potenzial ist lange noch nicht ausgeschöpft. Wir haben Spieler, die auf einem ganz anderen Level agieren können als bisher. Gelingt einem das nicht, lässt man natürlich den Kopf ein wenig hängen. Deshalb müssen wir uns rasch klarmachen, dass da noch viel übrig ist. Aber dazu brauchen wir eine positive Einstellung und eine gute Körpersprache.

Die Gegner in der Hauptrunde, vielleicht nicht Tschechien, aber Dänemark und Spanien, sind von anderem Kaliber.

Erst einmal ist es gut, dass, obwohl wir keine optimale Vorrunde gespielt haben, in der Hauptrunde noch alles offen ist. Fast alle Teams haben erst zwei Punkte.

Die Leistung in der Vorrunde drückt teamintern sichtlich auf die Stimmung, oder?

Natürlich sind wir nicht zufrieden, weil jeder mehr von sich erwartet. Die Ansprüche sind höher und wenn man das nicht direkt abrufen kann, geht die Stimmung runter. Das müssen wir aber nun beiseitelegen und über die kleinen Erfolge zurückkommen. Die Gegner haben Respekt vor uns, aber wir müssen ihnen auch zeigen, wer wir sind. Wir müssen jeden Ball, jeden Block und jedes Tor feiern und dürfen das nicht als selbstverständlich hinnehmen, nur weil die Ansprüche gewachsen sind.

Ein kleiner Schritt hätte ein erfolgreicher letzter Angriff im Spiel gegen Mazedonien sein können. Was ist da schiefgelaufen?

Es war so abgesprochen, dass die Entscheidung bei Philipp Weber liegen soll. Ob es dann der Pass auf Rechtsaußen sein musste, weiß ich nicht. Aber wir sind weit entfernt davon, ihm einen Vorwurf zu machen.

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"Er ist jemand, der viel kommuniziert": Trainer Christian Prokop.

(Foto: imago/Heuberger)

Trainer Christian Prokop war sichtlich angefressen nach dem Match. Hat er dem Team dazu etwas gesagt?

Klar, hat er. Aber das bleibt natürlich intern.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Prokop?

Gut. Er ist jemand, der viel kommuniziert und sehr viel Wert auf die Meinung der Mannschaft legt. Da läuft alles gut.

Die Außenwahrnehmung ist eine andere: Schon nach der Nominierung des Kaders sollen einige Spieler geschockt reagiert haben. Dann, im zweiten Spiel, stellte Hendrik Pekeler eigenmächtig die Abwehr um. Und in der Auszeit vor dem letzten Angriff gegen Mazedonien schien es, als ob das Team der Anweisung des Trainers nicht folgt.

Ich glaube, zu wissen, was er in der Auszeit gesagt hat. Wir haben sieben gegen sechs gespielt und dann liegt in dieser Situation die Entscheidung beim Ballführenden. Und dann gibt es verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten für ihn.

Drängender ist die Frage, ob die Außenwahrnehmung sich mit dem Innenverhältnis zischen Trainer und Mannschaft deckt.

Christian ist sehr nah an der Mannschaft und legt Wert darauf, was wir Spieler denken. Er hat natürlich seine klare Struktur, was die Taktik betrifft. Aber er verlangt auch das Feedback des Teams.

Ist der Rahmen für individuelle Entscheidungen zu eng gesteckt?

Christian ist offen für alles. Er gibt den Rahmen vor. Danach kann jeder seine Meinung sagen. Wichtig ist, dass wir am Ende einen gemeinsamen Weg finden.

Prokop ist ein Trainer, der im Laufe eines Spiels sehr häufig wechselt. Das scheint einige - vor allem die jungen - Spieler zu verunsichern. Nervt das?

Für den einen oder anderen ist das hier im Vergleich zum Verein eine andere Situation. Aber damit muss man schon klarkommen, wenn man bei der Nationalmannschaft spielt. Christian versucht mit seinen Wechseln, neue Impulse zu setzen, wenn es mal nicht so läuft. Kann ja auch mal ein Vorteil sein, den Gegner immer wieder vor neue Aufgaben zu stellen. Aber verunsichern? Weiß ich nicht …

2016 beim EM-Gewinn waren Sie verletzt und nicht im Kader. Sie waren aber dennoch sehr nah am Team. Wenn Sie einmal vergleichen: Wie viel ist von den #badboys noch übrig?

Das Gros der Mannschaft ist ja noch beisammen. Zufrieden sind wir aber nicht, weil wir uns mehr erhofft hatten. Aber mehr ist nicht passiert. Wir müssen jetzt einfach mal ein gutes Spiel machen und richtig einen raushauen. Dann läuft es wieder.

Mit Uwe Gensheimer sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: ntv.de