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Als Tröster des Lokalmatadors Zverev spürt auf einmal Fan-Liebe

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Zverev ist der erste Tröster seines Gegners.

(Foto: imago images/LaPresse)

Alexander Zverev hat zum Auftakt des ATP-Finals nur einen Satz lang etwas sportlich zu tun. Danach tröstet er seinen verletzten Gegner und richtet warme Worte ans Publikum. Der Liebling der Massen ist der beste deutsche Tennisspieler trotz einer herausragenden Saison nicht immer.

Noch zwei Stunden vor Matchbeginn muss sich Alexander Zverev vorgekommen sein wie der Fan-Liebling der italienischen Massen. Hunderte Tifosi standen rund um Trainingscourt Nummer eins, der nur 25 Meter Luftlinie von den Centre-Court-Rängen entfernt liegt, und warteten auf den besten deutschen Tennisspieler seit Boris Becker. Als der Weltranglistendritte dann hinter einem Eckvorhang mit Bruder Mischa die Szenerie betrat, brandete temperamentvoller Jubel auf. Zverev schaute verwundert auf, grüßte in die Menge, stellte seine Tasche ab und spulte anschließend sein 30-minütiges Warm-up ab.

Spätestens um 21 Uhr beim Einlauf von Wimbledonfinalist Matteo Berrettini auf den Centre Court der Pala Alpitour zu Turin, der größten Indoorhalle Italiens, wusste Zverev aber, wie die Gemengelage wirklich aussieht. Rund 7000 Tifosi machten deutlich, wer den Auftakt der ATP Finals ihrer Meinung nach siegreich gestalten solle. Zverev wird später sagen: "Das war die originale Davis-Cup-Atmosphäre, die ich sehr vermisse."

Sportlich jedoch verlief alles genau so, wie es niemand in der Halle gewollt hatte. Nach einem sehenswert und ausufernd langen Satz (79 Minuten), den Zverev knapp mit 7:6 (7) für sich entschied, musste Lokalmatador Berrettini nach einer schmerzhaften Verletzung an den Bauchmuskeln unter Tränen aufgeben. Zverev umarmte und tröstete seinen Kontrahenten am Netz und fand anschließend warme Worte für den Italiener und das niedergeschlagene Publikum, das die Spieler mit anerkennendem Applaus bedachte.

Der 24-jährige Zverev hat bereits 18 Turniersiege auf der ATP-Tour gefeiert - alleine fünf gelangen ihm 2021. Der Olympiasieg in Tokio, als er den Branchenprimus Novak Djokovic im Halbfinale ausschaltete, überragte medial. In Abwesenheit der verletzten Roger Federer und Rafael Nadal hat sich Zverev hinter Djokovic und dem US-Open-Sieger Daniil Medvedev mit großer Konstanz als dritte Kraft im Welttennis etabliert. Bei den Grand Slams scheiterte er zweimal kurz vor dem Finale. Für Zverev ist es bereits die fünfte Teilnahme in Serie beim Jahresendturnier der besten acht Spieler. Zum unumstrittenen sportlichen Helden ist Zverev aber bislang nicht geworden. Zu viele kleinere und größere Probleme haben den gebürtigen Hamburger außerhalb der Tennisplätze immer wieder begleitet.

Zverev und die besonderen Centre-Court-Reden

Der Sonntagabend zeigte eindrucksvoll, was Zverev wie kaum ein anderer beherrscht. Da wären zum einen die Tennisfähigkeiten, bestehend aus harten, fehlerunanfälligen Grundlinienschlägen und einem der besten Aufschläge der Welt. Zum anderen weiß Zverev, wie sich große Siege und bittere Niederlagen auf großen Plätzen anfühlen und findet bei Centre-Court-Ansprachen zumeist den richtigen Ton.

"Ich fühle mich schon schlecht. Ich weiß gar nicht, wie sich Matteo jetzt fühlen muss", erklärte Zverev unmittelbar nach Match-Ende. Dann schob der 24-Jährige mit Blick aufs Publikum nach: "Ich hoffe, ihr Fans könnt ein weiteres Jahr auf ihn warten. Ich wünsche mir von Herzen, dass er dieses Turnier einmal gewinnt." Dann wurde der Deutsche unter warmem Applaus verabschiedet.

Zum anderen strotzt Zverev während einer Turnierwoche nur so vor Ehrgeiz. Kaum einer ist im Wettkampfmodus professioneller. Nach Berrettinis Aufgabe etwa tauchte Zverev zur großen Verwunderung der italienischen Ordner keine halbe Stunde später erneut auf dem Centre Court auf - mit Bruder Mischa und Physiotherapeut Hugo Gravil an seiner Seite. Dann wurde weitere 20 Minuten trainiert. Er habe sich auf zwei Sätze eingestellt und wollte noch etwas für sich tun, erklärte Mischa Zverev anschließend auf Anfrage.

"Wollte noch mehr meinen Rhythmus finden"

Alexander Zverev erklärte auf der Pressekonferenz um kurz vor eins in der Nacht: "Der Centre Court ist extrem viel schneller als die Trainingsplätze, und ich habe bislang noch nicht so viel darauf trainieren können. Deswegen wollte ich einfach noch ein bisschen mehr meinen Rhythmus finden. Deswegen habe ich mit Mischa noch ein paar Bälle geschlagen."

Zum Autor

Jannik Schneider ist freier Journalist und berichtet unter anderem über Tennis, Doping- und Sportpolitik sowie mentale Gesundheit. Aus Turin berichtet er auch täglich in seinem Podcast Advantage.

Mit dieser Einstellung dürften noch größere sportliche Erfolge nur eine Frage der Zeit sein. Nach dieser langen, elfmonatigen und kräftezehrenden Saison geht Zverev kurzfristig in Turin noch einmal an seine letzten Reserven. Das prestigeträchtige Event, das nach elf Jahren in London nach Italien wechselte und als inoffizielle Weltmeisterschaft gilt, hat Zverev bereits 2018 gewonnen. Damals besiegte er erst Federer, dann Djokovic.

Der Serbe, der den nächsten Rekord geknackt hat und das Jahr zum siebten Mal als Nummer eins der Welt beenden wird, gilt als Favorit in der anderen Gruppe. Für Zverev geht es am Dienstag gegen Medvedev bereits um den Gruppensieg, bevor der polnische Debütant Hubert Hurkacz zum Abschluss der Gruppenphase auf Zverev wartet.

Zverev über Angstgegner Medvedev

Gegen Medvedev hat Zverev die jüngsten vier Aufeinandertreffen verloren, unterlag zuletzt beim Mastersturnier von Paris mit 2:6 und 2:6. Anschließend legte Zverev den Schläger für fünf Tage aus der Hand. Von den Fragen nach einem Mittel gegen den Russen ist Zverev in Presserunden mittlerweile genervt. "Ich werde hoffentlich nicht mehr so müde sein wie in Paris. Ich habe meine Kräfte zurückerhalten und ich denke, es wird ein hochinteressantes Match", bekräftigte der Deutsche.

Leuchtet das Scheinwerferlicht nicht ganz so hell wie auf dem Centre Court, werden die Antworten oftmals kürzer, die Gemütslage ungeduldiger. Auch darin hat sich Zverev zwar schon verbessert. Gepaart mit vielen Problemen außerhalb der Courts hat sich in den vergangenen Jahren jedoch kein makelloses Bild in der Öffentlichkeit gebildet.

Vor allem in den sozialen Medien erhält Zverev seit mehr als einem Jahr konstanten und heftigen Gegenwind. Eine seiner Ex-Freundinnen, die russische Fotografin Olya Sharypova, hat ihn in zwei Longreads in den US-amerikanischen Magazinen "Raquet" und "Slate" im Herbst 2020 und 2021, jeweils vor den US Open, schwer beschuldigt. Es geht um physische und psychische Gewalt. Nach langem Schweigen hat sich mittlerweile sogar die ATP mit einer offiziellen Ermittlung eingemischt. Wie diese genau abläuft, dazu hält sich der Verband bedeckt. Sharypova soll bislang noch nicht kontaktiert worden sein. Zverev schweigt seit seinem letzten Statement am Rande der US Open und hatte damals eine einstweilige Verfügung durchgesetzt. Nach der Bekanntgabe der Ermittlungen griffen viele internationale Medien das Thema wieder auf. Zverev wird von vielen Seiten kritisch beäugt.

Bei den Tifosi hat er am Sonntag aber einen positiven Eindruck hinterlassen. Und auch Berrettini, der mit tief ins Gesicht gezogener Cap vom "schlimmsten Tennistag" seiner Karriere sprach, bedankte sich für Zverevs aufmunternde Worte.

Quelle: ntv.de

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