Fußball

Fußball-Zeitreise, 14.12.1974 Als Schalke dem falschen Sarg hinterherlief

8075280.jpg

Weltmeisterschaft 1934 in Italien: Paul Zielinski, Fritz Szepan, Willy Busch und Torhüter Willibald Kress verlassen abgekämpft, aber zufrieden das Stadion in Mailand. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat just am 31. Mai das Zwischenrundenspiel gegen Schweden mit 2:1 gewonnen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Heute vor 45 Jahren stirbt eine der größten Schalker Legenden. Gemeinsam mit Ernst Kuzorra führt Fritz Szepan die Königsblauen zwischen den Jahren 1934 bis 1942 zu sechs deutschen Meistertiteln. Aber auch als Trainer gelang ihm dieses Kunststück - überraschenderweise jedoch nicht mit dem S04.

Der Mythos Schalke lebt von seinen Anekdoten und Legenden. Ob jede Geschichte sich tatsächlich so zugetragen hat, wie man sie sich heute erzählt, darüber streiten sich sogar Leute, die bei den jeweiligen Ereignissen dabei gewesen sind. So ranken sich auch um einen der größten Schalker, Fritz Szepan, viele Geschichten. Heute vor 45 Jahren starb der Mann, der viel dazu beigetragen hat, dass der FC Schalke 04 einer der bekanntesten und beliebtesten Fußballvereine Deutschlands wurde, im Alter von 67 Jahren.

Der große Ehrenspielführer der deutschen Fußballnationalmannschaft Fritz Walter hat einmal gesagt: "Seit meiner frühesten Jugend war ich Fan von Schalke 04. Um Szepan und Kuzorra spielen zu sehen, bin ich sogar auf Bäume geklettert." Bis heute werden die beiden auf Schalke für ihre herausragenden sportlichen Leistungen verehrt. Sechs deutsche Meisterschaften zwischen 1934 und 1942 legten den Grundstein für den Mythos Schalke.

imago09552756h.jpg

Fernsehsendung 1964: Fritz Walter vom 1. FC Kaiserslautern, Torwart Heiner Stuhlfauth vom 1. FC Nürnberg und Fritz Szepan, dem Präsidenten des FC Schalke 04.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und auch nach der Karriere blieb Szepan seinem Verein treu. Im Jahr 1949 wurde er Trainer des FC Schalke 04 und in dieser Funktion konnte er sein Renommee für den Klub gemeinsam mit seinem Schwager Kuzorra voll ausspielen. In einem Interview mit dem Sporthistoriker Ralf Piorr schilderte der Abwehrrecke Günter Brocker einmal die entscheidenden Augenblicke seines Transfers im Jahr 1952 vom Duisburger FV 08 nach Gelsenkirchen. Eine Geschichte, die so viel über den Fußball früherer Zeiten erzählt wie kaum eine andere.

Nichts ahnend saß Brocker eines Abends an der Theke in seiner Vereinskneipe, als ein großer Kerl hereinkam und direkt auf den Duisburger zusteuerte. "Na, Günter, wie isset?", sprach der Mann ihn an, den Brocker erst auf den zweiten Blick als Werner Kisker identifizierte. Kisker, der zur damaligen Zeit in Hamborn spielte, war zuvor einige Jahre Torwart auf Schalke gewesen. Und das war auch der Grund für seinen Besuch in Brockers Stammkneipe. "Komm mal mit raus!", sagte Kisker und führte den immer noch überraschten Abwehrspieler zu einem Opel Admiral draußen vor der Tür. Brocker stockte der Atem. Vorne im Auto saßen der Präsident des FC Schalke 04, Albert Wildfang, und Hermann Eppenhoff, hinten Szepan und Kuzorra. Und die Schalker Legenden fackelten nicht lange: "Können wir mit dir reden?", fragten sie ihn gleich und duzten Brocker.

Meisterschaft mit Rot-Weiß Essen

Szepan und Kuzorra, dachte er und sein Herzschlag geriet für einen Moment außer Kontrolle. Die beiden großen Idole kamen nach Hochfeld, um ihn, den einfachen Abwehrspieler eines Zweitligisten aus Duisburg, zu verpflichten! Brocker war von der Situation überwältigt: "Da konnte man doch nicht 'Nein' sagen. Die haben einen Vertrag für mich fertig gemacht und mir den Handschlag drauf gegeben. Danach habe ich mir ein paar Wochen die Hände nicht mehr gewaschen." Und als Schalke 1958 Deutscher Meister wurde, stand Brocker, der Mann, den die königsblauen Legenden 1952 von der Theke weg engagiert hatten, hinten in der Abwehr und ließ gegen den Hamburger SV kein Tor zu.

imago31742623h.jpg

Training in London: Szepan vor einem Länderspiel gegen England am 3. Dezember 1935.

(Foto: imago/United Archives International)

1954 wechselte Szepan jedoch zum (verhassten) Nachbarn nach Essen - und brachte dort den Rot-Weißen Glück. Mit RWE gewann er als Trainer 1955 die deutsche Meisterschaft. 1956 verließ er Essen aber bereits wieder und widmete sich ab 1964 als Präsident seinem Herzensklub. Doch seine zwei Amtszeiten als Vorsitzender liefen nicht besonders glücklich ab. 1967 sollte sich Szepan sogar einem Misstrauensvotum stellen, doch sein späterer Nachfolger Oskar Siebert erhob sich empört von seinem Platz und rief der Menge zu: "Wir sollten uns alle schämen, dass gegen einen solchen Mann ein Misstrauensantrag gestellt wird."

Szepan war aber nicht mehr als Präsident zu retten. Seine Zeit als treibende Kraft auf Schalke war beendet. Doch auch nach seinem Tod am 14. Dezember 1974 sollte die Zeit der Mythen und Geschichten um seine Person nicht enden. Bei den Königsblauen erzählt man sich noch heute in geselliger Runde die Anekdote von Szepans Beerdigung. Über 1.500 Menschen zogen an diesem Tag in einem langen Trauerzug zum Friedhof. Gerade als die Gemeinde an der Leichenhalle eintraf, wurde der Sarg hinausgetragen. Weinend setzte man sich in Bewegung und ganz Schalke hinterher. Mit großer Vereinsfahne und einer Bergmanns-Kapelle folgte man schweigend dem Sarg. Nach einer Weile schaute Präsident Siebert zu seinem Vize Heinrich Orzewalla auf und sagte sichtlich irritiert: "Du, Onkel Heini, ich glaube, dass da vorne ist gar nicht die Witwe vom Fritz."

Auch Orzewalla reckte nun seinen Kopf nach oben und guckte anschließend angestrengt nachdenkend zu Siebert hinüber. "Mensch, Oskar, du hast recht. Wir sind auf der falschen Beerdigung." Der Zug wurde gestoppt, einmal im Kreis gedreht, bis man wieder an der Leichenhalle ankam - wo gerade der richtige Sarg mit dem unvergesslichen Fritz Szepan hinausgetragen wurde. Und wieder lief ganz Schalke hinterher.

Quelle: ntv.de