Fußball

Liverpools Fan-Vorsitzender "Besitzer haben Klopp vor den Bus geworfen"

dcc206e0bf8bc61c395a212b764b1c8e.jpg

Jürgen Klopp musste sich gegen Pläne verteidigen, die er selbst gar nicht unterstützte.

(Foto: AP)

Mit ihren Super-League-Plänen stießen die englischen Top-Klubs auf breite Ablehnung. Im Interview mit ntv.de spricht Joe Blott von der Dach-Organisation der Fans des FC Liverpool über Jürgen Klopps unglückliche Position, die Macht der Fans - und den Reformbedarf im englischen Fußball.

ntv.de: Der FC Liverpool gehörte zu den treibenden Kräften hinter der Super League. Wie fühlt man sich am Ende dieser Woche als Fan des Vereins?

Joe Blott: Ich bin zutiefst verärgert und enttäuscht über das Vorgehen der Eigentümer. Mit ihrer geplanten Teilnahme an der Super League haben sie den Fans signalisiert, nichts mehr wert zu sein. "With hope in our hearts" heißt es in unserer Hymne "You'll never walk alone". Ich hatte das Gefühl, dass uns die Hoffnung genommen wurde. So sollte sich der FC Liverpool nicht verhalten.

Richtet sich Ihr Zorn ausschließlich gegen die Klub-Besitzer, die Fenway Sports Group (FSG)?

Ja, zu 100 Prozent. Ich habe Mitleid mit den Angestellten des Vereins, mit Trainer Jürgen Klopp und den Spielern. Sie hatten mit der Entscheidung nichts zu tun.

Klopp ist bekennender Gegner der Super League. Er war nicht glücklich, rund um das 1:1 bei Leeds United am Montag Liverpools Teilnahme daran erklären zu müssen.

fba8fd99-455f-421c-a1c9-19b7cdd5a8bf.jpg

Joe Blott hat Mitleid mit Jürgen Klopp und seiner Mannschaft.

(Foto: privat)

Niemand von den Besitzern scheint mit ihm gesprochen zu haben. Es ist unverschämt, dass sie nach der Ankündigung der Super League abtauchen und Klopp vor die Kamera treten musste. Er musste eine Position verteidigen, die er selbst nicht teilt. Die Besitzer haben ihn vor den Bus geworfen, wie man in England sagt.

Der FC Liverpool gilt als besonderer Klub, mit seiner Geschichte, dem Zusammenhalt zwischen Verein und Fans und dem Anfield-Mythos. "This means more" - so lautet das Motto des Klubs. Wie glaubwürdig ist dieses Image noch?

Der Ruf ist beschädigt, ganz klar. Wir Menschen in Liverpool habe eine spezielle Kultur. Wir sind im Sozialismus verwurzelt, immer ein bisschen frech, immer für einen Spaß zu haben, aber auch hart gesotten. Wir sehen uns nicht als englisch, sondern als europäisch. Das zeichnet uns aus. Der Klub nutzt das gerne für sein Marketing. Aber man kann das nicht einfach ein- und ausschalten. Entweder, man trägt diese Werte in sich - oder eben nicht. Die Eigentümer müssen neue Brücken bauen. Sie müssen unsere Kultur nicht nur verstehen - sie müssen sie auch leben.

FSG galt immer als einer der besseren Besitzer in der Premier League. Sie hat dem FC Liverpool den Champions-League-Sieg und die erste Meisterschaft seit 30 Jahren gebracht, das Stadion ausgebaut und ein neues Trainingszentrum errichtet. Jetzt sieht Liverpool-Ikone Jamie Carragher keine Zukunft mehr für die Eigentümer bei dem Verein. Stimmen Sie ihm zu?

Es ist alles richtig, was Sie sagen: Mit FSG sind Stabilität und sportlicher Erfolg zurückgekommen. Das Problem ist, dass die Eigentümer gierig geworden sind. Nach dem sportlichen Erfolg wollten sie auch finanziellen Erfolg. In der Super League wäre es nur darum gegangen, noch reicher zu werden. Sportliche Integrität hätte keine Rolle mehr gespielt. Das ist aber nicht das, was Fans wollen. Fans wollen Erfolg auf dem Platz.

Also: Muss FSG weg?

FSG-Gründer John W. Henry hat nach dem Scheitern der Super League dieses Video-Statement abgegeben, in dem er die Fans um Entschuldigung bittet. Das finde ich ein bisschen dünn. Er sagt, man hätte eine Lektion gelernt - aber das ist in der Vergangenheit auch nicht passiert. Es gab Proteste gegen hohe Kartenpreise, FSG hatte zwischenzeitlich versucht, den Namen unserer Stadt markenrechtlich schützen zu lassen, vor einem Jahr gab es die Sache mit der Kurzarbeit …

… der FC Liverpool wollte die staatlichen Corona-Hilfen in Anspruch nehmen und wurde durch einen öffentlichen Aufschrei davon abgebracht.

Genau. Hinterher heißt es immer, man habe eine Lektion gelernt - aber geändert hat sich FSG nicht. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Reform oder Vergeltung. Viele Fans sagen: FSG raus! Aber ich denke, es wäre der bessere Weg, wenn die Besitzer versuchen, das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen.

Es wird viel davon gesprochen, dass das Scheitern der Super League ein Erfolg der Fans sei. War es das?

Ich tue mich damit schwer, es einen Sieg zu nennen, denn es fühlt sich nicht so an. Die Gier im Fußball ist immer noch da. Die großen Herausforderungen bleiben. Aber wenn Sie mich fragen, ob wir einen Erfolg über das Big Business erzielt haben? Ja, haben wir - und zwar alle zusammen. Wir hatten in England eine 100-prozentige Solidarität zwischen den Fans aller Premier-League-Vereine. Das ist nicht selbstverständlich: Die Anhänger der 14 Klubs, die nicht in der Super League dabei sein sollten, hätten auch sagen können: Dann haut doch ab! Der Zusammenhalt zwischen den Fans in England hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass die Super League gescheitert ist.

Diesen Moment müsse man nutzten, um den englischen Fußball zu reformieren, heißt es. Wie soll das aussehen?

Wir müssen mehr auf die Fans von der Basis hören. Die britische Regierung hat eine Überprüfung der Strukturen im Profifußball in enger Zusammenarbeit mit Fans angekündigt - darüber bin ich sehr froh. Wie der Profifußball in diesem Land funktioniert, muss komplett überarbeitet werden. Fans müssen in den Vereinsgremien sitzen, ein Stimmrecht haben, bei TV-Verträgen und Anstoßzeiten mitreden können. Die Ironie ist: Die Klubs dachten, dass sie eine Traumwelt für sich erschaffen. Das genaue Gegenteil ist passiert: Die aktuelle Situation ist ein Traum für Fans. Die Klubs haben ein fettes Eigentor geschossen. Fans, Spieler, Trainer, Verbände und Politiker - alle haben sich gegen die Klubs gestellt. Jetzt haben wir eine große Chance, eine Tür zu öffnen, die viele Jahre verschlossen war.

Der britische Premierminister Boris Johnson hat sich als Retter des Fußballs inszeniert mit seinem Widerstand gegen die Super League. Ist das ernst zu nehmen - oder Johnson-PR?

Joe Blott

ist 60 Jahre alt und der Vorsitzende von "Spirit of Shankly", der offiziellen Dach-Organisation der Fans des FC Liverpool. Alleine in dieser Woche hat die Organisation laut Blott 500 neue Mitglieder gewonnen.

Nennen Sie es PR oder Symbolpolitik - das mag alles stimmen. Aber die Sache ist die: Er hat geliefert. Er hat Druck auf die Super-League-Klubs gemacht und die Überprüfung der Strukturen auf den Weg gebracht. Kann sein, dass Johnson nie wieder darüber spricht - aber er hat etwas losgetreten.

Nach dem Aus der Super League wird in England die Einführung des deutschen 50+1-Systems diskutiert. Ist das realistisch?

Das hoffe ich zumindest. Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt: Das ist eine Ambition, aber ein Traum. Jetzt sage ich: Es ist eine Ambition - und es gibt die Möglichkeit, sie zu verwirklichen, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Jetzt ist die Zeit, um Druck zu machen!

Die Premier-League-Vereine befinden sich im Besitz von Milliardären, Oligarchen und Scheichs. Man kann ihnen doch nicht einfach ihre Klubs wegnehmen.

Deshalb brauchen wir die entsprechende Gesetzgebung. Wir brauchen eine unabhängige Instanz, die den Eigentümer-Test in der Premier League überwacht. Sie sagen: Das sind alles Milliardäre. Das stimmt. Trotzdem kommen sie nicht mit allem durch, was sie versuchen. Das hat diese Woche gezeigt. Wenn wir die richtigen Reformen und Gesetze durchbringen, werden wir damit vielleicht nicht die schlechten Eigentümer los, die es im Moment in der Premier League gibt - aber wir könnten die nächsten stoppen.

Mit Joe Blott sprach Hendrik Buchheister

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.