Fußball

Korruption im Fußball-Weltverband FIFA Blatters nächste Blendgranate

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Der große Reformator: Joseph Blatter will in der FIFA aufräumen - nach 30 Jahren an ihrer Spitze, in der er sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

(Foto: REUTERS)

Am Freitag will der Fußball-Weltverband FIFA die Reformen vorstellen, mit der die grassierende Korruption im Verband bekämpft werden soll. Vorab verlautet aus England, dass sich FIFA-Präsident Joseph Blatter nun höchstpersönlich für Transparenz engagiert. Der große Boss als großer Saubermann? Eher als großer Bluffer. Die schöne Geschichte hat mehrere Haken.

Die Meldung aus England klingt spektakulär: Joseph Blatter, seit 13 Jahren Präsident des Korruptionsstadels FIFA, will im Fußball-Weltverband endlich aufräumen. Nicht dank obskurer Gremien wie einem "Rat der Weisen" mit Kapazitäten a la Star-Tenor Placido Domingo. Sondern mit der konkreten Freigabe von Gerichtsakten, die belegen: aktuelle Mitglieder der FIFA-Exekutive haben von der 2001 kollabierten ISMM/ISL-Gruppe Millionenzahlungen (Fachbegriff: Schmiergeld) kassiert, im Tausch für ihr Wohlwollen bei der Vergabe lukrativer Fernseh- und Marketingrechte.

Das Zuger Strafgericht und die FIFA-Exekutive, die am Donnerstag und Freitag in Zürich nach Blatters skandalträchtiger Wiederwahl erstmals wieder tagt, müssten der Herausgabe nur noch zustimmen. Das meldete die BBC und stilisierte Blatter damit – gewollt oder nicht – zum neuen Chef-Aufklärer im Weltfußball. Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland, sekundierte: "Ich habe eine wilde Entschlossenheit bei der FIFA gespürt, etwas zu verändern. Ich bin sehr optimistisch. Ich habe das Gefühl, Herr Blatter meint es ernst."

Der Haken an der schönen BBC-Geschichte vom Saubermann Blatter ist: Sie hat gleich mehrere Haken.

  • Erstens: Bei dem Papier, das Blatter plötzlich gern veröffentlicht hätte, handelt es sich um eine Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Zug. Ein Papier, das Fachleute als Korruptionsverdunkelungsvertrag bezeichnen. Mit ihm wurde am 11. Mai 2010 ein Strafverfahren gegen die FIFA und zwei ihrer Funktionäre abgeschlossen, die jahrelang ISL-Schmiergelder kassiert hatten (die Pressemitteilung als pdf). Die FIFA gehört zu den drei Parteien, die zusammen 5,5 Millionen Franken zur Einstellung des Verfahrens gezahlt haben - damit das Dokument und die dort genannten Namen geheim bleiben. Das heißt: Sie besitzt das fragliche Dokument bereits und könnte es "jederzeit jedermann zugänglich machen", wie es der Schweizer Journalist und FIFA-Experte Jean-Francois Tanda in der "Handelszeitung" (siehe externe Links) formuliert.
     
  • Zweitens: Anders als von der BBC berichtet, enthält die Einstellungsverfügung nicht nur strafrechtliche Vorwürfe gegen mindestens zwei FIFA-Funktionäre. Sie beschreibt auch die Rolle der FIFA-Spitze um Präsident Blatter. Die soll von den Zahlungen gewusst, aber nichts unternommen und die FIFA damit geschädigt haben. Die Veröffentlichung würde Blatter nicht zum Saubermann machen, sondern als Mitwisser enttarnen. Seit die Einstellungsverfügung bekannt wurde, bemüht sich die Schweizer "Handelszeitung" deshalb um Einblick in die Unterlagen. Die Staatsanwaltschaft Zug stimmte schon zweimal zu, doch die FIFA-Anwälte erhoben jeweils Einspruch – zuletzt am 24. Mai 2011, kurz vor Blatters Wiederwahl. Dennoch scheint es aufgrund eines Präzedenzfalles in der Schweiz nur eine Frage der Zeit, bis das Dokument öffentlich wird - ob Blatter will oder nicht.
     
  • Drittens: Das FIFA-Exekutivkomitee muss der Veröffentlichung zustimmen, meldet die BBC. Das wirft die Frage auf: Warum eigentlich? Schließlich wurden die teuren juristischen Bemühungen, die Herausgabe zu blockieren, auch nicht mit dem Gremium abgestimmt. Die naheliegendste Erklärung ist: Blockt das Exekutivkomitee Blatters Vorschlag ab, könnte der sich als verhinderter Aufklärer präsentieren.
     
  • Viertens: Der für seine Recherchen zur Korruption in der FIFA preisgekrönte Journalist Jens Weinreich hat in seinem Blog die Tagesordnung der Exekutivsitzung veröffentlicht. Das Thema ISL kommt nicht explizit vor, der Punkt Reformen auch nicht. Die hatte Blatter nach seiner umstrittenen Wiederwahl versprochen.
     
  • Fünftens: Dem gemeinsam mit Weinreich ausgezeichneten Journalisten Andrew Jennings (siehe externe Links) zufolge ist Brasiliens Verbandspräsident Ricardo Teixeira einer der namentlich genannten Schmiergeldempfänger. Teixeira soll über die Liechtensteiner Firma Sanud 9,5 Millionen Dollar von der ISL kassiert haben, was in Brasilien nun erneut untersucht wird. Dazu haben die Ermittler auch Einblick in die Einstellungsverfügung beantragt. Bei der Exekutivsitzung der FIFA wird auch Teixeira über die Veröffentlichung abstimmen, gemeinsam mit weiteren bekannten Empfängern von ISMM/ISL-Schmiergeldern wie Issa Hayatou und Nicolas Leoz.
     
  • Sechstens: Es wird verschiedentlich der Eindruck erweckt, Blatter sei das Opfer korrupter Machenschaften im Fußball-Weltverband. Selbst von Organisationen wie Transparency International. Tatsache ist: Blatter gehört der FIFA seit 1975 an. Im Jahr 1981 ist er zum Generalsekretär aufgestiegen, dem zweithöchsten Posten. 1998 wurde er unter dubiosen Umständen zum FIFA-Präsidenten gekürt und seitdem dreimal wiedergewählt. Seine Amtszeit pflastern Skandale. Die FIFA, gegen die immer wieder substanzielle Korruptionsvorwürfe erhoben werden, ist die FIFA von Joseph Blatter.

Was bleibt also nach Lektüre der BBC-Meldung? Oder nach Durchsicht der FIFA-Tagesordnung für den Züricher Reformparteitag auf www.jensweinreich.de? Der stillschweigenden Absage des von DFB-Boss Theo Zwanziger im Juni vollmundig angekündigten Runden Tisches zum Thema FIFA-Korruption? Nach einem Blick auf die von der BBC benannten, sehr dürftigen Reformvorschläge, mit denen Blatter für Transparenz sorgen will?

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Pose: der Pate.

(Foto: dpa)

Es bleibt der Eindruck, dass es Joseph Blatter vor allem mit einer Reform wirklich ernst meint: der seiner Kommunikationsabteilung. Was Joseph Blatter stört, sind nicht die Zustände im Fußball-Weltverband. Es ist die unerfreuliche Tatsache, dass sie in den vergangenen Monaten nicht mehr nur von einer interessierten Minderheit zur Kenntnis genommen werden.

Seit Kurzem wirbeln deshalb zwei neue Spindoktoren im FIFA-Medienstab: Walter de Gregorio, der Schweizer "Sportjournalist des Jahres 2010", und der im Medienbereich ebenfalls gut vernetzte Bernd Fisa aus Österreich. Brian Alexander (Großbritannien) hatte FIFA-Boss Blatter schon im April 2011 von der BBC abgeworben und zunächst als Wahlkampfleiter engagiert. Die jetzt erschienene BBC-Meldung dürfte er als ersten lohnenden Ertrag seiner Investitionen betrachten.

Quelle: ntv.de