Fußball

Tja, was war das nun gegen Rom? Borussia Dortmund ist frustriert und wütend

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"Vor sechs Wochen war noch Ende der Welt, jetzt sind wir qualifiziert - und Lazio noch nicht."

(Foto: dpa)

Borussia Dortmund erreicht durch ein maues Remis gegen Lazio Rom vorzeitig das Achtelfinale der Champions League, doch so richtig zufrieden kann der Revierklub mit dem Ist-Zustand nicht sein. Der Elfmeter für die Gäste aus Italien erzürnt Sportdirektor Michael Zorc.

Eigentlich kennt man Lucien Favre als ausgeglichenen und in sich ruhenden Menschen. Ein Mann, der seine Emotionen so sparsam dosiert, dass ihn manche Beobachter als langweilig charakterisieren. Am Mittwochabend, es ging langsam auf Mitternacht zu, war der Westschweizer allerdings in einem anderen Aggregatzustand zu erleben: Favre ärgerte sich, winkte unwirsch ab, schließlich beendete er das Interview schlagartig und ließ den Reporter vom Bezahlfernsehen stehen.

Der hatte es zum unübersehbaren Unwillen des Trainers versäumt, den vorzeitigen Einzug von Borussia Dortmund in die K.-o.-Phase der Champions League angemessen zu würdigen. Stattdessen stellte er eher kritische Fragen. Warum der 63-Jährige das als ungehörig einstufte, erläuterte er bei der Pressekonferenz: "Vor sechs Wochen war noch Ende der Welt, jetzt sind wir qualifiziert - und Lazio noch nicht."

Borussia Dortmund - Lazio Rom 1:1 (1:0)

Dortmund: Bürki - Piszczek, Akanji, Hummels - Morey, Bellingham (88. Witsel), Delaney, Guerreiro (62. Schulz) - Reyna, Reus (76. Sancho), Hazard (76. Brandt). - Trainer: Favre

Lazio Rom: Reina - Patric, Hoedt, Acerbi - Marusic, Lucas Leiva (69. Akpa Akpro), Fares (69. Lazzari) - Milinkovic-Savic (79. Caicedo), Luis Alberto (80. Escalante) - Immobile, Correa (69. Pereira). - Trainer: Inzaghi

Schiedsrichter: Antonio Mateu Lahoz (Spanien) Tore: 1:0 Guerreiro (44.), 1:1 Immobile (67., Foulelfmeter nach Videobeweis)

Das kann man so sehen, wenn man auf den Beginn der Gruppenphase zurückblickt, als der BVB in der Ewigen Stadt einen erschreckenden Auftritt hinlegte und deutlich verlor. Nun gab es im heimischen Stadion ein 1:1 (1:0), das reichte, um das Minimalziel zu erreichen. Nächste Woche können die Dortmunder beim abgeschlagenen Letzten aus St. Petersburg den Gruppensieg perfekt machen und damit ihre Chancen, im Achtelfinale einen schlagbaren Gegner zu bekommen, erhöhen.

"Tiefe, Jungs, Tiefe"

Das sind erfreuliche Fakten, und dennoch darf der uralte Exkurs nach einem Remis, ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist, auch im Revier geführt werden. Schließlich agierten die Gastgeber in der eiskalten Betonschüssel an der B1 zwar über weite Strecken solide, berauschend war der Auftritt gegen die Italiener nicht. Eine der wenigen positiven Dinge an der bedrückenden Atmosphäre eines Geisterspiels ist es ja, dass die Anweisungen der Protagonisten gut zu verstehen sind. Und so war Abwehrchef Mats Hummels immer wieder deutlich zu hören, wenn er seine Vorderleute aufforderte: "Tiefe, Jungs, Tiefe."

Die mit großer Wucht und hohem Tempo vorgetragenen Vorstöße, mit denen die Dortmunder ihre Gegner an guten Tagen zu überrennen vermögen, waren erneut nicht zu sehen. Es fällt auf, dass die Borussia in der beginnenden Adventszeit Probleme hat, die vielen PS ihres Turboboliden auf die Strecke zu bringen. Vor allem jetzt, da sich ihr Superstürmer Erling Haaland mit einem Muskelfaserriss für den Rest des Jahres in den Krankenstand begeben hat.

Das alles trägt nicht dazu bei, eine gehobene Stimmung zu erzeugen, die dem Anlass angemessen wäre. Vielmehr fühlen sie sich in Dortmund wie ein Hamster, der in seinem Rad vor sich hinläuft, ohne richtig von der Stelle zu kommen. Immer wieder wähnen sie sich auf dem richtigen Weg, wenn das mit hochkarätigen Talenten gespickte Team begeisternden Fußball auf dem Rasen zaubert, doch dann erfolgt ebenso regelmäßig der Rückschlag, wenn sich Favres Ensemble von einem Gegner in die Knie zwingen lässt, der qualitativ weit weniger zu bieten hat.

In dieser Saison gab es solche Tiefschläge in Augsburg, zuletzt bei der Heimniederlage gegen Köln und in Rom. Das Schulterzucken über unerklärliche Rückschläge gehört bei der Borussia mittlerweile ebenso zum Standardrepertoire wie das Zungeschnalzen. Auf den entscheidenden Entwicklungsschritt, der nötig wäre, um dem Dauermeister aus München mal ernsthaft den Fehdehandschuh hinwerfen zu können, müssen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und seine Mitstreiter weiter warten.

Zuletzt hatte Hummels, der in der Schlussphase nach einem Zweikampf mit Ciro Immobile mit starken Schmerzen ausgewechselt werden musste, nach dem souverän herausgespielten Sieg gegen Brügge konstatiert, diese Mannschaft brauche "eigentlich nur den kompletten Fokus und die Zielstrebigkeit aufs Gewinnen", um Großes zu erreichen. Ein Selbstverständnis, das bei Hummels ehemaligem Arbeitgeber aus dem Süden zur Erbmasse gehört. Nach der Heimniederlage gegen den 1. FC Köln und dem Remis gegen Lazio Rom sind die hehren Worte des Weltmeisters von 2014 nur noch Makulatur.

Die Reise der Borussia zur Selbstfindung geht also weiter, das 1:1 gegen Lazio bot wenig Aufschluss darüber, ob die Borussia auf ihrem Weg entscheidend vorankommt. Stattdessen durfte über den Elfmeter diskutiert werden, den Immobile zum Ausgleich versenkte. Vorangegangen war ein reichlich ungeschicktes Einsteigen des eingewechselten Nico Schulz gegen Sergei Milinkovic-Savic, der allerdings so frühzeitig zur Flugphase ansetzte, dass es Michael Zorc die Zornesröte ins Gesicht trieb.

Dieser Strafstoß sei "absolut ärgerlich", wütete der Sportdirektor des BVB. Wenn solch eine Entscheidung nicht korrigiert werde, "brauchen wir keinen Video-Schiedsrichter. Der wird ad absurdum geführt, wenn er da nicht einschreitet." Dieser Elfmeter sei eine "offensichtliche Fehlentscheidung." Das sah Favre exakt genauso: "Klar kein Elfmeter, das ist Theater, aber niemand sagt etwas." Einfluss auf sein Fazit hatte diese Szene allerdings nicht: "Wir sind qualifiziert. Punkt, fertig."

Quelle: ntv.de