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Fußball-Revolution in Frankreich Coach Diacre bricht mit einer Männertradition

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Corinne Diacre trainiert als einzige Frau ein Profiteam im Männerfußball. In der französischen 2. Liga sitzt sie bei Clermont auf der Bank.

(Foto: imago/PanoramiC)

Seit 1932 spielen Männer in Frankreich professionell Fußball. Seitdem werden sie von Männern trainiert. Doch 2014 hat Corinne Diacre das Training des Zweitligisten Clermont Foot übernommen und damit unfreiwillig für eine Revolution gesorgt.

Frankreich gilt ja gemeinhin als das Mutterland der Revolution. Dass aber ausgerechnet in der verschlafenen Stadt Clermont-Ferrand eine ihren Anfang nimmt, noch dazu im Fußball, das hätte keiner der gut 140.000 Einwohner gedacht. Denn der lokale Verein Clermont Foot 63, beheimatet in Frankreichs zweiter Liga, wird seit Sommer 2014 von einer Frau trainiert.

Corinne Diacre, 121-fache französische Nationalspielerin, ist die erste weibliche Trainerin, die im europäischen Klubfußball ein professionelles Männerteam betreut. Und das durchaus erfolgreich, denn der Verein gehört unter ihrer Leitung trotz des zweitniedrigsten Etats zum festen Inventar der Ligue 2. Doch wer ist diese Frau, die freiwillig in dieser reinen Männerdomäne arbeitet? Die 42-Jährige aus Croix in der Nähe des traditionsreichen Radsportorts Roubaix gilt als medienscheu und gibt nur selten Interviews. "Ich brauche nicht jeden Tag in der Zeitung zu stehen. Ich arbeite lieber, als darüber zu reden", wird Diacre in einem "Zeit"-Artikel zitiert.

Diacre hat sich nach oben gearbeitet

Den Trainerjob hat sie nach dem Ende ihrer Spielerkarriere 2005 von der Pike auf gelernt. Zunächst sieben Jahre lang als Co-Trainerin der Frauenfußball-Nationalmannschaft unter Bruno Bini, mit dem Frankreich der Sprung in die Weltspitze gelang. Von 2010 bis 2013 trainierte sie zudem das Frauenteam von ASJ Soyaux. Als erste Französin überhaupt hat Diacre 2014 das höchste nationale Übungsleiterdiplom (diplôme d’entraîneur professionnel de football) erworben, mit dem sie auch männliche Profiteams trainieren darf. Nach den Erfolgen mit Clermont Foot bot ihr der französische Fußball-Verband im September 2016 sogar die Nachfolge von Frauen-Nationaltrainer Philippe Bergeroo an. Doch Corinne Diacre lehnte das Angebot ab: "Man geht im September nicht von Bord seines Schiffes."

Diacre hat ihre Prinzipien und setzt diese auch vereinsintern knallhart durch. Dem sportlichen Berater des Präsidenten legte sie nach ihrem Amtsantritt schnell nahe, sich nicht in ihre sportlichen Kompetenzen einzumischen. Anfang 2015 wechselte sie den langjährigen Trainerassistenten sowie den Konditionstrainer aus. Für alle Personalien gab es übrigens Rückendeckung sowohl von der Mannschaft als auch vom Klubpräsidenten.

Diacre sorgt für ein Novum im Männerfußball

Sportlich hat sich der Verein unter ihrer Leitung trotz der schwierigen finanziellen Voraussetzungen etabliert. Im ersten Jahr sprang mit Rang zwölf ein solider Mittelfeldplatz heraus. Vergangene Saison spielte Clermont zwischenzeitlich um den Aufstieg mit und belegte am Ende überraschend den siebten Platz. In der Winterpause wurde Diacre von den Redakteuren von France Football sogar zum Zweitligatrainer (und nicht zur Zweitligatrainerin) des Jahres 2015 gewählt. Chapeau! Nach dem Abgang mehrerer Leistungsträger im vergangenen Sommer ist der sportliche Höhenflug zwar erst einmal vorbei. Als 14. der Tabelle hat Clermont aber derzeit immer noch acht Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz.

Dass Frauen in Männerdomänen zunehmend reüssieren, ist heutzutage eher eine Randnotiz. Es gibt Pilotinnen, Soldatinnen und sogar Regierungschefinnen. So weit, so gut. Aber weibliche Trainer im professionellen Männerfußball gab es noch nie. Und prompt sah sich Diacre nach ihrem Amtsantritt erst einmal einer ganz banalen Frage eines männlichen Journalisten ausgesetzt: Was passiert nach dem Spiel in der Umkleidekabine, wenn die Spieler unter die Dusche gehen? Diacre hat dafür eine ganz einfache Antwort: "Es ist klar, dass ich nicht gerade in die Umkleide-Kabine gehe, wenn sich die Spieler umziehen. Aber ganz ehrlich – es gibt so viele Männer, die Frauenteams trainieren (bei der letzten Fußball-WM in Kanada war dies bei immerhin 16 von 24 Mannschaften der Fall), da ist das auch kein großes Thema. Warum sollte es dann bei uns so sein?" 1006 Tage ist Diacre nun Cheftrainerin von Clermont Foot. Und die scheinbar heikle Frage um das wie und wann in der Duschkabine hat ziemlich schnell keinen mehr interessiert. Letztendlich, und das weiß Corinne Diacre nur zu gut, gilt auch für sie einzig und allein die uralte Fußball-Regel: Wichtig ist auf dem Platz! Und nicht in der Umkleidekabine …

Quelle: n-tv.de

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