Fußball

Gigant Essen spielt Profifußball Das Ende der rot-weissen Verschwörungstheorien

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Party an der Hafenstraße.

(Foto: IMAGO/Markus Endberg)

Nach 14 Jahren Abstinenz befreit sich Rot-Weiss Essen von den quälenden Fesseln des unterklassigen Fußballs: Der Aufstieg in die 3. Liga gelingt am letzten Spieltag im Fernduell mit Preußen Münster. Das Drehbuch meint es gut mit den jahrelang Verzweifelten.

Es war ein fast vierstündiger Tanz mit der eigenen Panik. Eine letzte therapeutische Gruppensitzung in dieser so verhassten "Schweineliga". Sie begann um 12 Uhr mit dem Öffnen der Tore an der legendären Hafenstraße in Essen, Stadtteil Borbeck, sie endete mit der völligen Euphorie, mit einem glückseligen Platzsturm und mit dem Rupfen des Elfmeterpunkts. Wie die Frauen der SG Essen Schönebeck am Sonntag ihren Kampf um in den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga noch bestreiten sollen, das interessierte an diesem Samstagnachmittag niemanden (kleiner Spoiler: Sie spielen im Sportpark "Am Hallo"). Der gefangene Gigant aus dem Ruhrgebiet, Rot-Weiss Essen, hatte sich aus den Fesseln der Regionalliga gerissen und kehrte zurück in den professionellen Fußball, in die 3. Liga. Nach einem ultimativen Showdown, der Weg war aber weniger Krimi als befürchtet.

Die einstige Kohle- und Stahlmetropole kochte wieder wie zu goldenen Zeiten. In den Whatsapp-Gruppen und Foren wurde der Feieralarm ausgerufen. Zu Tausenden zogen sie von der Hafenstraße am späten Nachmittag in die Stadt. Ein Marsch der Befreiung nach zwölf Jahren Gefangenschaft in einer Liga, in der sich zwar reichlich Tradition tummelt, der Erzrivale Preußen Münster etwa, oder Alemannia Aachen und der Wuppertaler SV, aber mindestens genauso viel aufmüpfige Provinz wie Wiedenbrück, Wegberg-Beeck und Straelen. Für Essen nun Geschichte, für Münster weiter bittere Realität. Punktgleich waren die beiden Klubs in den 38. Spieltag gestartet - mehr Drama geht nicht.

Und an der Hafenstraße haben sie eine verdammte Kumpanei mit dem Schicksal. In der rot-weissen Wahrnehmung ist das Schicksal nämlich der größte Gegner dieses Kultklubs. Auch in den vergangenen Wochen wurde bereits leise Verschwörungsmythen erzählt, die sich im Kern darum drehen, dass eine höhere, eine dunkle Macht die Wiederauferstehung dieses Riesen verhindern will. Tatsächlich war Rot-Weiss in diesen Showdown gewankt. Zwei Spieltage vor Schluss wurde Trainer Christian Neidhart aus dem Amt entlassen. Der nach Punkten erfolgreichste Coach der Klubgeschichte. 2,29 Zähler holte er im Schnitt, mehr als Julian Nagelsmann in seiner Premierensaison beim FC Bayern. Verrückt.

Rationale Entscheidungen? Nein.

Doch "verrückt" ist keine Kategorie, in der sie in Essen denken. Auch nicht rational. Essen, das ist nur emotional. Und so witterten die Bosse, dass es einen neuen "Impuls" brauche, um das Regionalliga-Starensemble noch einmal wachzuküssen, um einem Déjà-vu mit dem Vorjahr auszuweichen. Damals war die U23 von Borussia Dortmund als glücklicher Triumphator aus einem aberwitzigen Zweikampf hervorgegangen (93 zu 90 Punkte). Während Essen im Kollektiv weinte. Das taten sie auch dieses Mal. Aber dieses Mal nur aus Glück. Gleich eine ganze Emscher ergoss sich aus den Augen der jahrelang Verzweifelten.

Rot-Weiss Essen, das ist eine Symbiose aus Liebe und Leid. Untrennbar miteinander verbunden. An diesem Samstag aber nur mit einer ehegleichen Innigkeit gesegnet. Nach dem Patzer der Preußen in der Vorwoche (nur 0:0 gegen Wiedenbrück) hatten sie tatsächlich gespürt, dass es endlich klappen könnte. Der Glaube hatte die Zweifel der vergangenen Wochen beiseite geschubst. Vergessen waren der fatale Böllerwurf im Heimspiel gegen Münster. Vergessen waren all die Spiele, die plötzlich nicht mehr gewinnen werden konnten. Vergessen war die schmerzhafte Halbfinal-Abreibung im Niederrheinpokal gegen Wuppertal. Vergessen waren die beiden Possen um entmachtete Kapitäne. Und vergessen war an diesem Samstag auch die Entlassung von Coach Neidhart, mit dem RWE im vergangenen Jahr den DFB-Pokal rundenlang verzaubert hatte.

Ab 14 Uhr, mit Anpfiff, war nur noch RWE, nur noch Fußball, Glaube, Anfeuerung. Und die Helden auf dem Rasen, die dem Klub "nie mehr 4. Liga schenken sollten", lieferten. Nach 28 Minuten traf Cedric Harenbrock zum 1:0. Die Hafenstraße, dieser legendäre, kraftvolle Ort, der nach dem Neubau nichts vom Mythos Georg-Melches-Stadion verloren hat, bebte. Und die Hafenstraße bebte noch ein bisschen mehr, als der Liveticker zehn Minuten später meldete, dass Joshua Schwirten in Münster für den 1. FC Köln II getroffen hatte. Nun brauchte es ein Wunder, um den Essener Aufstieg noch zu verhindern. Eine Verschwörung. Ein Mythos bei Fans besagt, dass RWE immer irgendwie zum Scheitern verurteilt ist. Dieser Glaube ans "Verkacken" hält bis zum Schlusspfiff an. Bis alles klar ist. Es ist eine emotionale Sache, eben keine rationale. Und sie liegt in der Geschichte dieses Giganten verborgen.

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Wilde Szenen spielten sich nach dem Schlusspfiff ab.

(Foto: IMAGO/Lobeca)

"Schützenswertes Kulturgut seit 1907"

RWE ist ein mächtiges Phänomen. Ein Erbe des alten Reviers. Das mögen viele Klubs in dieser Region der Fußball-Romantiker und Herzensmenschen sein. Oder sein wollen. Aber nur wenige haben sich den abgerockten Charme so erhalten wie die Essener. Auch wenn hier ebenfalls mit sehr viel Geld hantiert wird. "Schützenswertes Kulturgut seit 1907" heißt der Slogan des Klubs. Dieses Kulturgut ist jetzt zurück auf der größeren Bühne. Nicht auf der großen Bühne. Da tanzten die Essener einst sehr erfolgreich. Aber das ist noch länger her als die Schichten in den Schächten. Dass RWE eine kräftige Nummer im deutschen Fußball war, das ist zwar weit über ein halbes Jahrhundert her (Pokalsieger 1953, Meister 1955), aber 2007 hatten die Rot-Weissen noch in der 2. Liga gespielt. Der Tiefpunkt wurde kurz danach erreicht, als der Klub 2010 in die NRW-Liga abstieg, nur noch fünftklassig war.

In der 60. Minute trifft Simon Engelmann, das Tor-Phänomen der Regionalliga zum 2:0. Ekstase. Oder gibt es noch ein Wort der Steigerung? In Münster hat Thorben Deters zwar ausgeglichen. Aber an der Hafenstraße weiß man: Preußen muss, Stand jetzt, fünf Tore schießen, um vorbeizuziehen. Möglich, aber eigentlich unmöglich. Und so tanzen, singen und schreien sie sich auf den Tribünen die Panik von den Seelen. 16.650 Menschen war im Stadion, ausverkauft. Was für eine Kulisse. Was für eine Choreografie vor Anpfiff. Sollte ein Spieler die Dimension der folgenden 90 Minuten noch nicht verstanden haben, bekam er sie jetzt in aller Deutlichkeit Rot auf Weiss. Zweifel ließ allerdings kein Fußballer aufkommen - und als in Essen Schluss war, und Preußen sich mit einem 2:1 in die letzten Momente der Nachspielzeit stürzte, brach sich der Wahnsinn Bahn.

Die Fans fluteten das Feld, mit ihren Tränen, ihrem Glück und reichlich Pyronebel. Sie feierten mit der Mannschaft, die einen Teil der Tribüne für ihre Aufstiegsparty hergerichtet hatte. Es ist ein Kader, der nicht für Wunder steht, sondern Großes versprach. Trotz schmerzhafter Abgänge wie Amara Condé (1. FC Magdeburg) und Marco Kehl-Gomez (Türkgücü München). Allerdings konnten Topleute wie Abwehrchef Daniel Heber, der wohl beste Innenverteidiger der Liga, Stürmer Engelmann, oder der in dieser Saison überragende Isaiah Young konnten gehalten werden.

Ein paar Zuckerl auf dem Transfermarkt

Aber das war nur die Ouvertüre, denn die Essener garnierten ihr teuren Top-Kader mit erst- und zweitligaerfahrenen Profis noch mit zwei vereinslosen Zuckerln. Im Spätsommer heuerte Felix Bastians an, der unter anderem für den SC Freiburg und den VfL Bochum spielte. Und im Winter überraschte der Klub mit Thomas Eisfeld. Der 29 Jahre alte Spielmacher war zuletzt mit dem VfL Bochum in die Bundesliga aufgestiegen, seither aber auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Eisfeld, nur damit man mal versteht, was das für Coup ist, wurde bei Borussia Dortmund und dem FC Arsenal ausgebildet. Das sagt alles.

Oguzhan Kefkir, das ist auch so einer, der schon viel gesehen hat im Fußball. Der 30-Jährige spielte in der Bundesliga unter anderem ein paar wenige Mal für den VfL Bochum. Doch auch er konnte nur staunen: "Ich habe zwar schon Erfahrungen in der 3. Liga gemacht und auch schon einmal einen Aufstieg gefeiert. Aber das, was ich hier in Essen erlebt habe und erlebe, ist einfach nicht zu vergleichen mit dem Aufstieg damals. Das ist eine ganz andere Welt", sagte er dem "Reviersport". Nach dem Spiel, als die Fans auf den Platz gestürmt sind, "haben viele geweint und Tränen verloren. Da hat man gemerkt, dass denen das wirklich sehr nahe gegangen ist. Da kannst du schon sehen, was für eine hohe Bedeutung das für die Menschen hier hat." Rot-Weiss, das ist, pardon, war ein Gigant, einfach zu groß für diese Liga, die jahrelang nur darauf erpicht war, den Klub zu besiegen. Wie in der Bundesliga, wo es auch darum geht, den FC Bayern zu stürzen. In Essen mögen sie diesen Vergleich nicht. Künftig sind sie wieder Außenseiter, nicht Favorit.

Mit welchem Kader, sie in der 3. Liga antreten? Welche Begehrlichkeiten die zahlreichen Topleute um Heber, Young, Harenbrock und Niklas Tarnat geweckt haben? Das ist kein Thema für diesen heiligen Samstagabend, an dem das 14-jährige Warten auf die Rückkehr in den Profifußball so leidenschaftlich endet, der mit dem Marsch von weit mehr als 3000 Fans, vom Oppa bis zum Steppken, friedlich, laut und leuchtend quer durch die Stadt zelebriert wurde. Tschüss Panik, hau rein, Schweineliga.

Quelle: ntv.de

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