Fußball

Rauswurf, Irritationen, Chaos Die große Panikattacke bei Rot-Weiss Essen

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Christian Neidhart muss RWE noch vor dem Saisonende verlassen.

(Foto: IMAGO/Markus Endberg)

Der Aufstieg in die 3. Liga ist das erklärte Ziel von Rot-Weiss Essen. Doch kurz vor Ende der Saison droht der Traum wieder krachend zu platzen. Für Coach Christian Neidhart hat das überraschende Konsequenzen, zwei Spieltage vor Schluss entzieht ihm der Regionalligist das Vertrauen.

Traditionsklub Rot-Weiss Essen drückt den Panikknopf. Zwei Spieltage vor dem Saisonende muss Trainer Christian Neidhart überraschend gehen. Die Mannschaft steht auf Tabellenplatz zwei, hat in der Rückrunde offiziell nur ein Spiel "verloren" (mehr dazu unten) und lediglich zwei Zähler Rückstand auf den Erzrivalen Preußen Münster. Man muss schon sehr ins Detail gehen, um zu verstehen, was da gerade an der legendären Hafenstraße vor sich geht. Der seit Jahren in der Regionalliga gefangene Ruhrgebietsgigant sehnt sich verzweifelt nach der Rückkehr in den Profi-Fußball - und droht dieses Ziel erneut zu verpassen. Wie vergangene Saison, als sich die Essener in einem spektakulären Duell nur der Zweitvertretung von Borussia Dortmund hauchzart geschlagen geben mussten.

Das Problem an der Regionalliga ist: Nur der Tabellen-Erste steigt auf. Das Problem für RWE ist: Sie lagen lange auf Platz eins, aber zahlreiche kleine Feuer wuchsen sich zu einem Flächenbrand aus. Da war die Wechselposse um Kapitän Dennis Grote. Der 35-Jährige hatte ausgerechnet von seinem Ex-Klub Preußen ein Angebot erhalten, ein lukratives. Und er war nicht abgeneigt, es anzunehmen. Im Klub kam es zu Diskussionen, der Kapitän wurde freigestellt. Dann war da der Böllerwurf im Topspiel gegen die Münsteraner (Abbruch beim Stand von 1:1), RWE verlor das Spiel später am Grünen Tisch. Damit nicht genug, das herausragend gut besetzte Team um Spitzenkräfte wie Thomas Eisfeld, Daniel Heber und Simon Engelmann kam danach irgendwie aus dem Tritt, verlor die Souveränität, ließ Punkte liegen und Preußen vorbeiziehen.

In dieser unruhigen Gemengelage musste der nächste Kapitän gehen. Torwart Daniel Davari verlor nach einigen Patzern zunächst den Stamm- und dann den Kaderplatz. Auch das ging nicht ohne Nebengeräusche vonstatten. Davari wunderte sich öffentlich über den Rauswurf. Weil es Anfang der Woche auch eine peinliche 1:3-Abreibung gegen den Ligarivalen Wuppertaler SV im Halbfinale des Niederrheinpokals (der Sieger qualifiziert sich für den DFB-Pokal) gab, entgeht den Essenern nicht nur eine sportlich spannende Herausforderung, sondern auch die Chance auf mindestens knapp 130.000 Euro. Die gibt es nämlich schon für jeden Klub, der im DFB-Pokal antritt. Und wie schön so eine Reise sein kann, das hatten sie erst in der vergangenen Saison erlebt, als sie nach furiosen Siegen über Arminia Bielefeld, Fortuna Düsseldorf und Bayer 04 Leverkusen erst im Viertelfinale an Holstein Kiel gescheitert waren (0:3).

Unerklärliche Einbrüche

Richten sollen es für die Rot-Weissen nun Sportdirektor Jörn Nowak und U19-Coach Vincent Wagner. In Fankreisen sorgt das vorzeitige Aus für Neidhart für gemischte Reaktionen. In verschiedenen Foren halten einige Anhänger den Rauswurf für längst überfällig, weil die Leistungen seit Wochen nicht mehr stimmen und Neidhart kaum Emotionen bei diesem so gefühlslebendigen Klub zeigte. Andere halten den Trainer nicht für den Schuldigen allein. Ihr Argument: In den vergangenen drei Jahren brach die Mannschaft regelmäßig auf der Zielgeraden ein. Unter anderem mit dem ehemaligen Hamburger Christian Titz, der den 1. FC Magdeburg danach binnen anderthalb Spielzeiten vom Abstiegskandidaten in Liga drei zum Aufsteiger in die 2. Bundesliga machte. Titz wurde indessen zum Trainer des Jahres gewählt.

Kurios an der Entlassung jetzt: Während der Klub den Rauswurf noch nicht offiziell gemacht hatte, gab Neidhart der "WAZ" bereits ein denkwürdiges Interview und sprach über die Gründe. Er sei am Vormittag um 10 Uhr an die Hafenstraße zum Gespräch gebeten worden. "Sie haben mir gesagt, dass ich freigestellt sei. Das war's - kurz und schmerzlos." Er habe auch nicht nachgehakt. "Warum auch? Die Entscheidung wurde getroffen." Erwartet hatte er das nicht. "Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mit solch einer Entscheidung nicht gerechnet." Er bekannte, dass der Rauswurf ein "scheiß Gefühl" sei. Gerüchte, dass sich Teile der Mannschaft in den vergangenen Wochen gegen ihn gestellt hätten, entkräftete er. "Ich kann nicht alle 25 Spieler im Kader glücklich machen. Doch ich hatte mit keinem Spieler Ärger."

Für den sorgen in den sozialen Medien derweil Gerüchte um mögliche Abgänge gleich mehrerer Leistungsträger. Das brisanteste: Stürmer Engelmann, der beste Torjäger der Liga der vergangenen Jahre, soll ausgerechnet bei Preußen Münster unterschrieben haben und von RWE suspendiert worden sein. Eine Ente. Engelmann trainierte laut "Reviersport" am Donnerstag normal mit. Einige Fans wittern in den kleinen Störfeuern eine Verschwörung. Nunja. Zumindest ist es mal kein absurdes Szenario im Falle des Scheiterns (Nicht-Aufstieg).

Am Mittag verkündete dann auch der Klub, dass die Entscheidung gegen den Trainer nach "intensiver sportlicher Analyse" gefallen sei. Zuletzt sei bei den RWE-Bossen "die totale Überzeugung abhandengekommen, unser Ziel in der bisherigen Konstellation erreichen zu können", wie Marcus Uhlig, der Vorstandsvorsitzende von RWE, in der Mitteilung des Klubs zitiert wird. Neidhart geht nach 89 Spielen und einem Punktschnitt von 2,29. Den gleichen Schnitt hat übrigens Julian Nagelsmann beim FC Bayern. Um mal die Dimensionen klarzumachen.

Das Leiden in der "Schweineliga"

Für den Klub ist es ein nervenzerfetzendes Déjà-vu mit der eigenen Vergangenheit. Die ist groß, zu groß für diese "Schweineliga", wie sie in Fankreisen genannt wird. Dass der RWE eine mächtige Nummer im deutschen Fußball war, das ist zwar weit über ein halbes Jahrhundert her (Pokalsieger 1953, Deutscher Meister 1955), aber 2007 hatten die Rot-Weissen noch in der zweiten Liga gespielt. Der Tiefpunkt wurde dann nur kurz danach erreicht, als der Klub 2010 in die NRW-Liga abstieg und nur noch fünftklassig war. Seit 2011 spielt der Verein aus dem Ortsteil Bergeborbeck immerhin wieder in der Regionalliga. Zufrieden stellt das dort aber Niemanden. Und so wuchsen in dieser Saison nach einer erneut bärenstarken Hinrunde wieder die Ambitionen.

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Zwar ging am 2. Spieltag ausgerechnet das erste Heimspiel der Saison an der Hafenstraße verloren, mit 1:4 (!) gegen den SV Straelen. Danach fraß sich dieses so gierige Monster durch die Regionalliga. In der Hinrunde verlor die Mannschaft offiziell zwei Spiele. Allerdings wurde die Partie des 19. Spieltags bei RW Ahlen erst am 23. März ausgetragen. Rein sportlich ist es die einzige Niederlage der Essener in diesem Kalenderjahr. Der vermeintliche Genickbruch war die Remis-Serie gegen RW Oberhausen, gegen Alemannia Aachen und zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach II. Spätestens da ahnten sie auf den Tribünen, dass sie der Klub-Fluch wieder ereilen würde.

Ein Mythos in Fankreisen besagt, dass RWE immer irgendwie zum Scheitern verurteilt ist. Zwei Spieltage bleiben dem Klub noch, um diesen Mythos zu widerlegen. Sie haben es indes gegen den SV Rödinghausen und gegen RW Ahlen nicht mehr in der eigenen Verantwortung. Essen muss auf einen Patzer der Preußen hoffen. Die spielen noch beim SC Wiedenbrück und gegen die U21 des 1. FC Köln.

Quelle: ntv.de

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