Fußball

Beim FC Bayern endet eine Ära Der "Mull" packt seinen Koffer - für immer

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Hans-Jürgen Müller-Wohlfahrt wird den FC Bayern nur noch bis zum Saisonende medizinisch betreuen.

(Foto: imago images/Eibner)

Der FC Bayern München ohne Dr. Müller-Wohlfahrt? Das gab es schon zweimal, aber es fühlte sich falsch an. Der Schaden wurde jeweils recht schnell repariert, nun aber scheint das Kapitel "Mull" endgültig Bundesliga-Geschichte zu sein: Verein und Arzt verkünden die Trennung.

Thomas Müller? Angesäuert. Robert Lewandowski? Gesperrt. Serge Gnabry? Angeschlagen. Thiago? Saisonende wegen einer Operation. Alles schockierende Meldungen, sogar für einen FC Bayern. Diese Millionen-Ausfälle verblassen aber sogar in der Summe gegen eine andere Personalie, die in München vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach verkündet wurde: Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der "Mull" hört auf, nach knapp 40 Jahren Dienstzeit und nur zwei kurzen, Klinsmann-und-Guardiola-bedingten Unterbrechungen.

Im April 1977 landete Müller-Wohlfahrt auf Initiative des damaligen Trainers Dettmar Cramer bei den Bayern-Profis. Nun verlässt der Mann, der seit Jahrzehnten mit wehendem, unverwüstbarem Haupthaar auf das Feld rennt, wenn einer seiner Patienten von Pein niedergestreckt in Dublin, Paris, Mailand, Madrid, London oder Athen auf dem Boden liegt, seinen FC Bayern zum Saisonende. Diesmal wohl für immer, nachdem sein letzter Rücktritt nur 2 1/2 Jahre Bestand hatte.

2008 hatte Müller-Wohlfahrt Ärger mit Kurzzeit-Trainer Jürgen Klinsmann und verließ den Klub zum ersten Mal. Einen Tag, nachdem Klinsmann schließlich wenige Monate später gefeuert worden war, bat der damalige Bayern-Manager Uli Hoeneß Müller-Wohlfahrt, doch zum FC Bayern zurückzukehren.

"Im Ehrgefühl tief verletzt"

Im April 2015 hatte "MüWo" "seinen" FC Bayern zum zweiten Mal verlassen, nach einem über Monate schwelenden Streit mit dem damaligen Chefcoach Pep Guardiola. Nach einer 1:3-Niederlage in Porto in der Champions League "wurde aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht", schrieb Müller-Wohlfahrt damals in einer Erklärung.

In seiner Autobiografie wurde er konkreter: "Ich wurde vor versammelter Mannschaft lautstark angegriffen und für die vielen Verletzten verantwortlich gemacht. Ich sei schuld am körperlichen Zustand der Spieler und letztlich an der Niederlage. Es könne nicht sein, dass die Verletzungen bei uns sechs Wochen dauerten und in Spanien nur 14 Tage. Ich fühlte mich in meinem Ehrgefühl tief verletzt." Beide Male, erst 2009 und dann Ende 2017, kehrte der Arzt unter Jupp Heynckes in den Schoß des FC Bayern zurück.

Nun also der dritte Versuch eines Abschieds. Der Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin wolle sich künftig unter anderem "auf die Betreuung der Patienten seiner Praxis im Alten Hof in der Münchener Innenstadt konzentrieren und dabei seine Erfahrung und sein Wissen an jüngere Kollegen weitergeben", schreibt der FC Bayern.

Und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge erinnert an all die Großen, die durch "Mulls" magische Hände gingen: "Alle unsere Erfolge in den vergangenen vierzig Jahren tragen selbstverständlich auch den Namen Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der ganze Verein und Generationen von Spielern - von Franz Beckenbauer und Gerd Müller über Klaus Augenthaler und Bastian Schweinsteiger bis hin zu Thomas Müller und Robert Lewandowski - schulden Mull ihren größten Dank."

"'Mull' ist einzigartig"

Auch Bayerns aktueller Sportdirektor Hasan Salihamidzic wurde schon von Müller-Wohlfahrt versorgt - und hatte ihn so gut in Erinnerung behalten, dass er ihm schnell den Weg zurück an die Säbener Straße geebnet hatte. "Als ich mit 21 zum FC Bayern kam, habe ich den Doktor aus der Perspektive des Profis kennengelernt. Ich habe ihm immer vertraut und bin sehr dankbar dafür, was er für mich und den FC Bayern geleistet hat. "Mull" ist einzigartig, deshalb habe ich ihn 2017 in meiner Funktion als Sportdirektor des FC Bayern sofort wieder an unsere Mannschaft gebunden. Die Türen für "Mull" stehen beim FC Bayern immer offen."

Der inzwischen 77-Jährige selbst durfte mit all den Müllers, Beckenbauers, Schweinsteigers, Lahms, Kahns und Robbens unzählige Erfolge feiern. Erfolge, die den kurzzeitigen Abschied und all den Ärger mit Guardiola sicher überstrahlen. "Wenn ich auf meine vierzig Jahre beim FC Bayern zurückblicke, bin ich glücklich und sehr zufrieden. Die Erlebnisse, die wir hier gemeinsam hatten, die Erfolge, die wir zusammen gefeiert haben und vor allem die Menschen, die ich in diesem Verein kennengelernt habe, haben mein Leben nachhaltig geprägt. Ich wünsche dem FC Bayern für die Zukunft alles erdenklich Gute!"

Mehr als 20 Jahre hatte Müller-Wohlfahrt auch für das DFB-Team gearbeitet, die WM in Russland 2018 war sein letztes Turnier. "An seinem Wort, an seiner Einschätzung hatte ich als Trainer niemals Zweifel", sagte Bundestrainer Joachim Löw einst. 2014 hatten sie als Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit den WM-Titel gefeiert.

Die Betreuung der Mannschaft des FC Bayern München setzen zwei Ärzte aus dem bisherigen Team von Müller-Wohlfahrt fort.

Quelle: ntv.de, ter