Fußball

"Sie treten Freiheitsrechte ab" Der kaum vorstellbare Fall Silas

Der Fall Silas hat ein Schlaglicht auf den Graubereich des Fußballs geworfen. Jahr für Jahr werden zahlreiche Spieler aus Afrika nach Europa gelockt. Sie treten ihre Freiheitsrechte ab, um ihren großen Traum vom Profi-Fußball zu jagen. Einigen gelingt das, doch vielen nicht.

Irgendwann gab es für Silas Katompa Mvumpa keinen Ausweg mehr. Der Teenager saß in einer Pariser Wohngemeinschaft, träumte wohl gemeinsam mit seinen Mitbewohnern von einer Karriere im Profi-Fußball. Für diesen Traum hatte er bereits alles geopfert: seinen Namen, sein Alter und seine Freiheit. Es sollte sich auszahlen: In der abgelaufenen Bundesliga-Saison gehörte der unter dem Namen Silas Wamangituka beim VfB Stuttgart spielende Kongolese zu den großen Überraschungen. In 25 Auftritten gelangen ihm 11 Treffer und fünf Vorlagen.

Der Preis dafür war hoch. Immer wieder gab es Gerüchte um seine Identität, dass er eigentlich ein ganz anderer sei. Er brachte Dokumente bei, sie wurden geprüft und anerkannt. Doch der Druck blieb immens und als er Vertrauen zu seinem Verein, seinen neuen Beratern fasste, erzählte er seine Geschichte. Eine, die schon früh laut VfB-Sportdirektor Sven Mislintat von "relativ normal" zu "fast kaum vorstellbar" kippte und die ein Schlaglicht auf das wirft, was im Englischen "modern slavery", also "moderner Sklavenhandel", genannt wird. "Er hätte seine Karriere auch einfach und problemlos fortsetzen können", sagt Mislintat. Aber er machte es nicht. Er erzählte von sich, von dem, was war und was er vor seinem Transfer 2019 aus Paris nach Stuttgart erlebte hatte.

In den Fängen des Vermittlers

Die Geschichte, die der VfB Stuttgart hörte und in dieser Woche publik machte ist eine, die am Ausgangspunkt derer unzähliger afrikanischer Jugendspieler gleicht, die mit großen Hoffnungen in Europa landen und dann schnell in Vergessenheit geraten. Und so erzählte sie VfB-Sportdirektor Sven Mislintat. Silas Katompa Mvumpa wurde als 18-Jähriger zu einem Probetraining eingeladen. Dafür habe er ein offizielles Visum für drei Monate, die Dauer seines Probetrainings, erhalten. Die Belgier wollten ihn verpflichten, aber dafür musste er für ein neues Visum in den Kongo zurückkehren. Das sei aber nie geschehen, da ihn zu diesem Zeitpunkt "sogenannte Läufer" angesprochen hätten. Die machten ihm klar: alles nur ein Vorwand, um dich loszuwerden. Gehst du einmal in den Kongo zurück, Silas, dann wirst du nie wieder nach Europa kommen. Nutze die Chance, die wir dir bieten. Er wollte sie nutzen und ging nach Paris.

Dort lebt er in einer Art Wohngemeinschaft im Haus seines Spielervermittlers, in dessen Fänge er mehr und mehr geriet. Silas habe kein Zugriff auf sein Konto mehr gehabt, der Vermittler habe das Gehalt verwaltet. In Paris wurden ihm auch seine neuen Papiere vorgelegt. Aus Silas Katompa Mvumpa wurde Silas Wamangituka und er verlor ein Lebensjahr. "Dass es bei afrikanischen Spielern, die nach Europa kommen, öfter zu Identitätswechseln kommt, ist durchaus vorstellbar. Dadurch gibt es keine Verbindung zum Heimatverein mehr. Es werden keine Transferentschädigungen mehr fällig, auch werden so Verbindungen zu früheren Beratern gekappt", sagt Martin Kainz, der im Jahr 2020 für die "fairplay"-Initiative am Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation eine Analyse mit dem Titel "Menschenrechte und Spielertransfers: Risiken und Verantwortungen beim Transfer von Fußballspielern zwischen Afrika und Europa" verfasste und sich ebenfalls intensiv mit der kurzlebigen Red-Bull-Akademie in Ghana beschäftigt hat.

Der unkontrollierte Beratermarkt

"Der Spieler tritt Freiheitsrechte ab, die ihm eigentlich gehören. Im Englischen sagt man dazu 'modern slavery' und das trifft es sehr gut", sagt Kainz. "Wir bewegen uns hier im Bereich der 'Third Party Ownership'.". Zwar wurde diese 2015 von der FIFA verboten. Seither dürfen die Transferrechte an Spielern nur noch von Vereinen gehalten werden. "Aber was zwischen einem Spieler und einem Vermittler vereinbart wird, das kann niemand sehen."

Kainz macht unter anderem den unkontrollierten Beratermarkt für diese Praxis verantwortlich. Ein neues Reglement zur Arbeit von Vermittlern trat 2015 in Kraft. Vermittler brauchen nun keine FIFA-Konzession mehr, es gibt keine Beschränkung der Repräsentationsdauer und kein Mindestalter für Spieler, ab dem sie Verträge mit Beratern eingehen dürfen. Ein Einfallstor. Kainz erhofft sich, dass der Fall Silas, "ein sehr augenscheinlicher", die Aufmerksamkeit auch darauf lenken kann. Er fordert ein Umdenken, damit die Tausenden von Jugendlichen, die Jahr für Jahr mit großen Hoffnungen nach Europa kommen und dafür teils 3000 bis 5000 Euro Vermittlungsgebühr bezahlen, auch eine Perspektive haben, wenn sie nicht eine Karriere wie der Stuttgarter machen.

Was jetzt passieren muss

"Silas Katompa Mvumpa hat natürlich eine Popularität und einen finanziellen Status erreicht. Auch unterstützt durch seinen Verein kann er sich das trauen, obwohl es immer noch Mut erfordert. Aber es gibt so viele andere, die das nicht können", sagt Kainz. "Der Fußball ist zu 100 Prozent getrieben von wirtschaftlichen Interessen. Da bleibt kein Platz mehr für andere Dinge. Aus menschenrechtlicher Sicht gibt es klare Verantwortungen. Die Verbände, die Ligen, die Vereine und die Berater müssen die Spieler schützen. Sie haben eine Aufsichtsverantwortung."

Für Silas Katompa Mvumpa beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Mittlerweile hat er seine alte Identität zurückerlangt. Die Mühlen des Systems mahlen jetzt. Der Kontrollausschuss des DFB hat sich der Sache angenommen. Vielleicht droht ihm nun eine Strafe. Die DFL braucht für eine neue Spielberechtigung noch einen neuen Aufenthaltstitel. Die Stuttgarter Ausländerbehörde muss diesen erteilen. "Er ist ablösefrei", bellt ein Spieleragent grundlos ins Telefon. Die Mühlen des Systems mahlen. Aber sie mahlen langsam.

Quelle: ntv.de

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