Fußball

Günter Netzer zum 75. Geburtstag Die Marlene Dietrich des deutschen Fußballs

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Kleine, unauffällige Autos waren nicht das Ding eines Netzer.

(Foto: imago/Kicker/Metelmann)

Er ist eine der größten und schillerndsten Legenden des deutschen Fußballs. Günter Netzer kann auf und abseits des Platzes begeistern. Die jüngeren Fans haben besonders seine TV-Dialoge mit Gerhard Delling im Kopf - die älteren seinen phänomenalen Treffer im DFB-Pokal 1973.

Franz Beckenbauer hat es einmal auf seine bekannte, schelmisch-verschmitzte Art auf den Punkt gebracht: "Der Günter Netzer war nie ein Fußballer im eigentlichen Sinn. Der ist nach Las Vegas geflogen, hat seinen Nachtclub gehabt und lauter solche Sachen. Die paar Jahre, die er sich konzentriert hat, ist er schon gelaufen. Danach konnte er halt nicht mehr. In Las Vegas, da kriegst halt keine Kondition."

Karl Oberholzer, Präsident von Grasshopper Zürich, meinte damals nach der Verpflichtung des alternden Stars: "Was ich so gehört hatte, kam es mir vor, als würde ich die Marlene Dietrich des Fußballs einkaufen." Günter Netzer war eben schon immer eine herausragende wie schillernde Persönlichkeit des deutschen Fußballs. Einer, der einfach das gemacht hat, was er für richtig hielt. Frei nach seiner ganz speziellen Devise: "Bei mir wusste man immer, woran ich war."

"Netzer war der alleinige Chef"

Wie das aussah, zeigte er in der Saison 1966/67. Da hatte Günter Netzer nämlich einfach mal die Schnauze voll. Vier Wochen durch Südamerika, sieben Spiele unter sengender Sonne und das alles nach einer harten Saison. Nee, nicht mit einem Netzer, dachte sich Günter, und trat nach 14 Tagen die Rückreise an - ohne jemanden zu fragen: "Ich hatte damals einfach Heimweh. Ich war noch nicht reif für solch einen langen Trip mit einer Fußball-Mannschaft. Die Rückreise war übrigens ein Abenteuer für sich. Ich hatte ja kein Ticket, kaum Geld. Ich weiß nur noch, dass ich irgendwie den Panama-Kanal überquert habe, um nach Hause zu kommen."

Die Gladbacher Mannschaftskameraden waren verständlicherweise stinksauer. Sie forderten noch vor Ort eine sofortige Erhöhung der Prämien, schließlich mussten sie für den heimgereisten Netzer Mehrarbeit verrichten, und drohten mit Abreise. Präsident Helmut Beyer und Manager Helmut Grashoff gaben klein bei und erfüllten ihnen fast jeden Wunsch. Dass die Mitspieler aufmuckten, hätten es ein paar Jahre später so nicht mehr gegeben. Da hätte man die kleinen Macken des langen Blonden akzeptiert. Berti Vogts sagte einmal: "Günter Netzer war der alleinige Chef, nicht nur auf dem Spielfeld. Wir zehn anderen haben uns ihm völlig untergeordnet. Wir wussten ja, was er für unser Spiel bedeutet."

"Hatte immer genug mit mir selbst zu tun"

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Seine früheren Sonderaufgaben trägt Vogts Netzer nicht nach.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Der Terrier hatte damals noch eine Sonderaufgabe, wie sich Vogts erinnert: "Wenn es schlecht lief, dann musste ich Günter immer anfeuern, sonst hätte er aufgesteckt." Und Netzer sagt: "Ich hatte immer genug mit mir selbst zu tun, ich konnte mich nicht auch noch um andere kümmern."

Das waren spezielle Jahre in Mönchengladbach. Nicht zu vergleichen mit den heutigen Wohlfühloasen, die die Klubs ihren Profis schaffen. Vogts kennt sie noch gut die alten Zeiten, in denen sein Mannschaftskamerad Netzer natürlich auch schon eine besondere Rolle spielte: "Wir sind früher mit der Bahn zu Auswärtsspielen gefahren, mussten immer in Köln oder Düsseldorf umsteigen, das Gepäck umladen. Wenn wir verloren hatten, durften wir auf der Rückfahrt zur Strafe nicht in den Speisewagen, und wir haben in der Anfangszeit häufig verloren. Ich erinnere mich mit Grausen an die Spiele in Kaiserslautern, wenn wir die Koffer mit unserer Ausrüstung vom Bahnhof bis auf den Betzenberg schleppen mussten." Rückfrage eines Reporters: "Günter Netzer hat seine Koffer getragen?" Berti Vogts lächelnd: "Natürlich nicht. Der hat einem Ersatzspieler fünf Mark in die Hand gedrückt und tragen lassen."

Ein legendärer Treffer "mit seinem falschen Fuß"

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Netzer wechselte sich selbst ein - und sorgte für den Pokaltriumph.

(Foto: imago/Kicker/Eissner)

Unter Trainer Hennes Weisweiler lernten die jungen Fohlen das Traben. Das Verhältnis von Netzer zu seinem Trainer war allerdings von Anfang an schwierig und wurde immer komplizierter. Damals prägte Weisweiler einen schönen Leitsatz, bei dem Netzer eine Hauptrolle spielte: "Abseits ist, wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt."

Und dann kam das legendäre Pokalfinale 1973 zwischen den rheinischen Rivalen Köln und Gladbach. Für Netzer, der nach dieser Saison nach Spanien ging, wäre es ohnehin die letzte Partie für die Borussia gewesen - wenn er denn gespielt hätte. Aber zuerst saß er draußen. Als er es beim Stand von 1:1 in der Verlängerung nicht mehr auf der Bank aushielt, wechselte er sich selbst ein. Der Kölner Heinz Simmet ist noch heute erstaunt über Netzers Willenskraft: "Und dann knallt der uns mit seinem falschen Fuß dat Ding in den Giebel. Wenn der drüber gegangen wäre, hätte er auf der Tribüne einen Mensch erschossen."

Günter Netzer hat die Zeit so in Erinnerung: "Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre waren wir Mönchengladbacher in der Bundesliga das Real Madrid. Die Bayern waren wie immer die Bayern." Mönchengladbachs Oberbürgermeister Wilhelm Wachtendonk genoss die sportlichen Erfolge des städtischen Vorzeigeklubs ebenfalls. Dennoch hatte die Sache für ihn einen Haken, wie er ohne Groll zugab: "Von 100 Gladbachern kennen 80 Netzer und nur 20 mich."

Stadionheft, Disko, Versicherung

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Netzer und Weisweiler (r.) hatten eine spannende Beziehung.

(Foto: imago/WEREK)

So fit und talentiert Netzer auf dem Fußballplatz war, so raffiniert und geschickt zeigte er sich auch bei den Geschäften abseits des grünen Rasens. Wo früher wie heute die Profis landauf, landab gerne sagen, dass sie neben dem Fußballspielen immer so wenig Zeit für andere Dinge haben, lenkte der Geschäftsmann Netzer bereits als junger Mann eine komplette Elf. Er gab das Stadionheft der Borussia heraus, führte eine Diskothek und ein kleines Versicherungsunternehmen. Seine Angestellten: "Zwei Barkeeper, ein Versicherungsfachmann, zwei Servierfräuleins, ein Prokurist, drei Werbefachleute, ein Portier und der Chef - ein komplettes Team", wie Peter Bizer in seinem 1971 erschienenen Buch "Günter Netzer. Rebell am Ball" schrieb.

Das Leben ihres Mitspielers interessierte Netzers Kollegen sehr. Eines Tages sah der lange Blonde seinen Kameraden Rainer Bonhof im Trainingslager mit einem Buch über die High-Society sitzen. Auf Netzers Frage, was er denn damit mache, antwortete Bonhof süffisant: "Ich wollte nur mal wissen, wie das so zugeht in deinen Kreisen."

Und Netzer war nicht für Kleingeld zu haben. Bei einem Vertragsgespräch im Jahre 1971 mit Grashoff meinte der Manager nach einer weiteren Erhöhung seines Angebots, dass Netzer nun doch langsam mal zufrieden sein solle. Eine Runde Champagner wäre angesichts des großzügigen Vertragsinhalts angebracht. Der Mittelfeldstar ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Raum, direkt zu einem nahe gelegenen Supermarkt und kehrte mit einer Flasche des billigsten Erdbeerschaumweins zurück. Grashoff verstand und legte zähneknirschend noch eine Mark oben drauf.

Lottogewinn dank eines Fans

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Netzer hatte seine Fans.

(Foto: imago sportfotodienst)

Was kaum bekannt ist: 1972 wurde Netzer für die Wolfenbütteler Spirituosen-Firma Mast gar als Public-Relations-Manager tätig - mit einem Jahresgehalt von 100.000 DM. So viel erhielt damals auch die Braunschweiger Eintracht für das Trikotsponsoring. Doch Chef Günter Mast hatte mit dem Gladbacher Fußballstar Großes vor: "Man muss sagen: Netzer? Aha! Jägermeister! Da braucht er gar nicht mit der Pulle in der Hand rumlaufen." Geld war die Antriebsfeder von Mast. Er sagte selbst über sich, dass er keine Ahnung vom Fußball habe. Und: "Ich bin kein Mäzen, kein Freund des Sports. Ich will Geschäfte machen!"

Geld musste Netzer nach seiner aktiven Karriere eigentlich nicht mehr verdienen. Vor allem weil er fast nahtlos zum Job des Managers beim HSV überwechselte. Aber das Sprichwort, dass der Teufel auf den größten Haufen scheißt, bewahrheitete sich auch bei Netzer. Ein Fan schenkte Netzer zum Geburtstag einen Lottoschein. Eine nette Geste - doch der ehemalige Fußballnationalspieler hatte noch gar keinen Geburtstag. Und so zerriss Netzer den Lottoschein und warf ihn weg. Gott sei Dank leerte niemand in dieser Zeit den Mülleimer, denn ein paar Tage später stellte sich heraus: Netzers Zahlen hatten gewonnen. Woher er das wusste? Der nette Fan, der ihm den Schein geschenkt hatte, tippte seit vielen Jahren dieselben Zahlen. Sie hatten beide zusammen gewonnen. Knapp 300.000 DM. Netzer war so lieb und gab die Hälfte seines Gewinns an den Fan ab. In der Zahlenreihe soll auch Netzers ehemalige Schuhgröße dabei gewesen sein: die 47. Heute sind Netzers Füße übrigens deutlich geschrumpft.

Amüsante Frotzeleien mit Delling

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Die Bundesliga schreibt seit genau 56 Jahren herrliche Geschichten - Ben Redelings hat sie notiert.

(Foto: Die Werkstatt)

Die "Bild am Sonntag" schrieb einmal: "Zu Potofskis größten Leistungen zählt sicher, Günter Netzer vor laufenden Kameras zum Lächeln gebracht zu haben - ohne Gewaltanwendung." Das war Anfang der 1990er-Jahre in der RTL-Sendung "Anpfiff", als der Fußball langsam zum Unterhaltungsevent auch in den Medien wurde. Einige Jahre später stürzte sich Netzer in das TV-Abenteuer mit Gerhard Delling. Die beiden sollten als Moderatoren-Doppelgespann Geschichte schreiben. Ihre Dialoge erreichten Kultstatus. Ihre Neckereien entschädigten für manch mittelmäßiges Spiel. Wortwechsel wie diese gehörten zum Standard. Netzer zu Delling: "Ich sag ja, Sie hören mir nie zu!" Delling: "In Ihrem Alter merken Sie gar nicht mehr, ob jemand Ihnen zuhört." Als der Kaiser Frank Beckenbauer sich einmal zu den beiden ins Studio gesellte, frotzelte Netzer über Delling: "Franz, ich freu' mich, dass du ihn auch nicht verstehst. Ich versteh' ihn auch nicht, aber ich bin daran gewöhnt."

Nach seinem Ausscheiden als TV-Moderator wurde es merklich ruhiger um Netzer. Sein Schritt wurde von vielen Fernsehzuschauern bedauert, für den langen Blonden war er aber unausweichlich: "Ich hatte immer einen Horror vor Menschen, die man mit einem Lasso von der Bühne holen muss." Er hatte für sich den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören gefunden: "Ich spüre, dass es genug ist. Ich habe genug geredet. Ich kann mich selbst kaum noch sehen und hören."

Aber eine Sache hat sich auch nach seinem Abschied aus den Medien nicht erfüllt. Schon früh als Spieler hatte er von diesem einen Tag in seinem Leben geträumt. Doch eins ist klar: Für einen Günter Netzer wird dieser Tag nicht mehr kommen. Wie wohl er sich wenigstens ein Stück weit diese Idee zusammen mit seinem TV-Partner Gerhard Delling erfüllt hat: "Aber ich bin froh, wenn ich als Privatperson endlich einem Zeitungsmann sagen kann: ‚Stellen Sie eigentlich immer so blöde Fragen?’" Alles Gute zum 75. Geburtstag und Glück auf, Günter Netzer!

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Quelle: n-tv.de

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