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Alles im Nebel: Die endgültigen Ermittlungsergebnisse zum Skandal in der Süper Lig sollen bis zum 1. August vorliegen.
Alles im Nebel: Die endgültigen Ermittlungsergebnisse zum Skandal in der Süper Lig sollen bis zum 1. August vorliegen.(Foto: dpa)
Freitag, 22. Juli 2011

Betrugsskandal im türkischen Fußball: Die Süper Lig bleibt gelähmt

Die Schockwellen des Manipulationsskandals in der türkischen Süper Lig ebben nicht ab. Spieler und Klubpräsidenten sitzen in Haft, der Saisonstart ist ungewiss. Rekordmeister Fenerbahçe Istanbul droht nicht nur der Verlust des mutmaßlich erkauften 18. Titels, sondern auch der Zwangsabstieg. Die Fans des Traditionsklubs gehen auf die Barrikaden und sorgen für einen Eklat.

Das Ausmaß ist erschreckend, die Folgen noch unabsehbar, weitere Enthüllungen zu befürchten: Ein riesiger Bestechungsskandal lähmt den türkischen Fußball und könnte nun zur einer Verschiebung des Saisonstarts in der Süper Lig führen. Die sollte eigentlich in zwei Wochen wieder angepfiffen werden. Ob es dazu kommt, ist fraglich. Zu groß sind die Schockwellen. "Es ist, als würde Uli Hoeneß in Untersuchungshaft gesteckt und Jürgen Klopp von der Polizei verhört", kommentierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den Skandal unlängst.

Auch der türkische Fußballverband, der zunächst erstaunlich wenig Aufklärungswillen gezeigt hatte, reagiert nun. Der für den 31. Juli angesetzte Supercup zwischen Meister Fenerbahce Istanbul und Pokalsieger Besiktas Istanbul wurde auf einen unbestimmten Termin verlegt. Beide Istanbuler Spitzenklubs zählen zu den Erstligavereinen, die nach Erkenntnissen der türkischen Staatsanwaltschaft in der vergangenen Spielzeit massiv Spiele manipuliert haben. Ihnen droht schlimmstenfalls der Zwangsabstieg.

Mindestens 20 Partien sollen verschoben worden sein, mehr als 60 Spieler und Funktionäre wurden verhört, 31 verhaftet, darunter Fenerbahces Vereinschef Aziz Yildirim. Er wurde Anfang Juli von einer Spezialeinheit abgeführt. Der Grund: Der wohlsituierte Bauunternehmer soll dem türkischen Rekordmeister im vergangenen Jahr den Titel gekauft haben. Er dementiert alle Vorwürfe und ließ den Verein mitteilen: "Wir sind stolz auf unsere saubere und siegreiche Vergangenheit." Zurückgetreten ist er inzwischen dennoch.

Operation "Saubere Stollen"

Märtyrer-Shirts für den Fenerbahce-Anhang: Vereinspräsident Aziz Yildirim soll seinem Klub den Meistertitel gekauft haben.
Märtyrer-Shirts für den Fenerbahce-Anhang: Vereinspräsident Aziz Yildirim soll seinem Klub den Meistertitel gekauft haben.(Foto: dpa)

Anklang finden die Beteuerungen nur bei den eigenen Fans. Hunderte von ihnen stürmten am Donnerstagabend bei einem Fenerbahce-Testspiel gegen Schachtjor Donezk wütend den Platz und erzwangen den Spielabbruch in der 67. Minute. Zuvor musste das Spiel bereits unterbrochen werden, nachdem die Presseboxen attackiert worden waren. Einige der marodierenden Fenerbahce-Anhänger trugen T-Shirts mit Yildirims Konterfei, wie von einem Märtyrer.

Die Staatsanwaltschaft ist indes von Yildirims Schuld überzeugt. Seit Monaten ermittelt sie, die Operation trägt den Titel "Saubere Stollen". Endgültige Ergebnisse sollen bis zum 1. August vorgelegt werden. Das, was schon jetzt bekannt ist, erinnert an den großen Bestechungsskandal, der die Fußball-Bundesliga nach der Saison 1970/71 erschüttert hatte: Spieler und Funktionäre wurden mit hohen Summen verleitet, Partien zu manipulieren, wobei sich die diversen Geldgeber bisweilen gegenseitig überboten haben.

Im Fokus der staatsanwaltlichen Ermittlungen steht insbesondere die Partie des späteren Meisters Fenerbahçe gegen den Verein Sivasspor. Fenerbahçe siegte im Mai 2011 mit 4:3 und sicherte sich damit den Titel - auch dank eines groben Patzers von Sivasspor-Torhüter Korcan Celikay, der einen harmlosen Fernschuss zwischen seinen Beinen durchkullern ließ. Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht an einen Torwart-Fehler, sie hat ermittelt: Auch Fenerbahces Meisterkonkurrent Trabzonspor wollte bestechen und war mit Sivasspor einig, konnte das Geld aber nicht rechtzeitig beschaffen. Keeper Celikay sitzt ebenso in U-Haft wie Yildirim und dessen Sivasspor-Amtskollege von Sivasspor.

Alles ist in der Schwebe

Ob Fenerbahçe den Titel behalten darf, ist derzeit genauso unklar wie der Starttermin der Liga. Auch welche Mannschaften die europäischen Wettbewerbe antreten dürfen, bleibt unklar. Nach einem Treffen mit Vertretern des Türkischen Fußballverbandes (TFF) in der vergangenen Woche teilte die UEFA lediglich mit, sie habe vollstes Vertrauen, dass der TFF "so schnell wie möglich die notwendigen Schritte unternehmen" werde. Für den Europacup würden nur Vereine nominiert, "die es sich sportlich verdient haben."

Doch das ist die Krux, denn das lässt sich nicht abschätzen. Pokalsieger Besiktas Istanbul hat seinen Titel vorerst zurückgegeben, solange die Anschuldigungen gegen Vorstandsmitglied  Serdar Adali und Trainer Tayfur Havutcu nicht ausgeräumt sind. Angeblich soll das  Pokalfinale gegen Istanbul BB, das Besiktas im Elfmeterschießen gewann, zu den manipulierten Spielen gehören.

Chance für einen Neuanfang?

Ex-Bundesligatrainer Christoph Daum, lange Jahre Coach bei Fenerbahçe, zeigte sich vom Skandal in der Türkei nicht überrascht. Ihn habe dort manchmal "das Gefühl von Manipulationen" beschlichen, sagte er dem Kölner "Express".

Ex-FIFA-Referee Markus Merk hofft nach der Aufklärung des Skandals auf einen Neuanfang.
Ex-FIFA-Referee Markus Merk hofft nach der Aufklärung des Skandals auf einen Neuanfang.(Foto: dpa)

Für den früheren FIFA-Schiedsrichter Markus Merk, der seit der vergangenen Saison als TV-Experte in der Süper Lig arbeitet, bietet der Skandal deshalb eine Chance. Er glaubt: "Dass seit Monaten recherchiert wird, zeigt klar, dass die Zeiten des Stillschweigens vorbei sind." Gerüchte und Verdächtigungen gäbe es schon lange, so Merk, aber jetzt machten die Aufklärungen der Staatsanwaltschaft erstmals keinen Halt mehr vor großen Persönlichkeiten des türkischen Fußballs. "Noch vor Wochen wäre dies undenkbar gewesen. Es besteht die einmalige Chance auf einen Neuanfang." Sie muss nur auch vom Fußball selbst ergriffen werden.

Quelle: n-tv.de