Fußball

Gespräch mit Saarbrücken-Blogger "Es ist fast ein Jahrhundertspiel"

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Der 1. FC Saarbrücken bejubelt nach dem Elfmeterschießen gegen Fortuna Düsseldorf den Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist das nächste Kapitel im Klassiker "David gegen Goliath". Die Pokal-Helden des 1. FC Saarbrücken empfangen am Abend (20.45 Uhr/im Liveticker auf ntv.de) mit Bayer Leverkusen das nächste Schwergewicht aus dem Oberhaus - diesmal allerdings vor leeren Rängen. Die Saarbrücker, die schon als Aufsteiger der Regionalliga Südwest feststehen, schafften als erster Viertligist den Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals. Wie das Team aus dem Saarland es so weit geschafft hat, warum der Pokal nur die Kirsche auf der Fußball-Torte ist und was im Saarland passiert, wenn das nächste Pokal-Wunder geschieht, erklärt der Journalist Carsten Pilger im ntv.de-Interview. Der gebürtige Saarländer betreibt seit Jahren einen FCS-Blog und ist Autor mehrerer Fanbücher über den Traditionsclub.

ntv.de: Herr Pilger, wie groß ist die Aufregung vor diesem großen Spiel?

Carsten Pilger: Krass gesunken im Vergleich zu den letzten Pokalspielen. Vor jeder Runde fühlte es sich so an, als sei das jetzt der Höhepunkt. Der Ruhepuls schlägt dann eher in Adrenalin um, wenn die 90 Minuten laufen. So ein bisschen trübt die Vorfreude auch die Corona-Krise, weil ich weiß: Egal wie es ausgeht, hinterher wird niemand die Chance haben, sich in der großen Masse zu umarmen oder Gefühle zu teilen, die beim Fußball eben entstehen. Das ist ein bisschen das Traurige an der Geschichte. Auf der anderen Seite tröstet es, dass jeder in der gleichen Situation ist.

Die Situation hat eine gewisse Tragik: Ausgerechnet beim Spiel der Spiele sind keine Zuschauer erlaubt. Wie schlimm ist das für den Klub und die Fans?

Saarbrückens Spieler feiern das gewonnene Elfmeterschießen. Foto: Oliver Dietze/dpa/Archivbild

Gibt es auch im Halbfinale des Pokals wieder eine FCS-Jubeltraube?

(Foto: Oliver Dietze/dpa/Archivbild)

Für die Fans ist es extrem schlimm. Ich kenne auch Leute mit Serien, in denen sie über zehn Jahre kein Spiel verpasst haben. Beim Spiel nicht im Stadion zu sein, ist hart. Auch wenn wir das Stadion in Völklingen gewiss nicht lieben, wir wollen ja zurück in den Ludwigspark, wenn er umgebaut ist. Für den Klub ist es ganz wichtig heute zu spielen - auch finanziell. Als das Halbfinale erreicht wurde, hat der Schatzmeister bekannt gegeben, dass der Klub durch die Einnahmen schuldenfrei sei. Das ist gerade in einer Zeit, in der viele Vereine mit Schulden Probleme haben, sehr wichtig. Vor allem als ein Verein, der so tief gefallen ist. Aber auch für die Spieler, die sich das ganz hart erarbeitet haben, ist das Spiel sehr wichtig.

Welchen Stellenwert hat der Halbfinaleinzug in der Vereinsgeschichte des 1. FC Saarbrücken?

Mit dem Ausdruck "Das wichtigste Spiel" tue ich mich schwer. Wenn ich auf die Vereinsgeschichte gucke, wird es Eingang finden in die großen Spiele, über die man auch in Jahrzehnten noch reden wird. Es ist fast ein Jahrhundertspiel. Der letzte Halbfinaleinzug der Männer war in den 1980ern, die Frauen haben es 2008 ins Pokal-Finale geschafft. Das war natürlich auch ein Jahrhundertspiel.

Vom eigentlichen Stellenwert sagt dir jeder FC-Fan, dass es eigentlich wichtiger war, in dieser Saison aufzusteigen. Der Verein ist seit sechs Jahren in der Regionalliga hängengeblieben. Und trotz teilweise großem finanziellen Aufwand, hat er es nicht geschafft, aus der Liga raus zu kommen. So absurd es sich anhört: Der Pokal ist nicht Priorität 1. So toll die Saison ist: Am Ende zählt nur der Aufstieg. Über den Pokal wird man in Jahrzehnten noch reden, faktisch bringt uns der Aufstieg aber weiter.

Gibt es besondere Fan-Aktionen, um das Halbfinale zu verfolgen?

In Saarbrücken haben die Kneipen die Sperrstunde nach hinten verlegt, um zu ermöglichen, dass die Menschen das Spiel dort gucken können. Es gab aus Fankreisen den Versuch, das Spiel im Autokino zu zeigen. Laut meinen Infos ist das an rechtlichen Problemen gescheitert. Die meisten werden es zu Hause gucken, und das ist ja auch sinnvoll. Sich in Stadionnähe zu begeben, wäre meiner Meinung nach unverantwortlich - so schön die Geste auch wäre.

Keine Fans im Stadion, keine Spielpraxis seit drei Monaten. Leverkusen durfte unterdessen wieder ran. Es spricht eigentlich alles gegen Saarbrücken. An welche Hoffnung klammern sich die FCS-Fans?

Na ja, bislang sah es in dieser Pokalsaison für Mannschaften aus dem Rheinland eher schlecht aus. Da wird man sich in Leverkusen vielleicht auch in Köln oder Düsseldorf umgehört haben. Ich glaube, das Stadion ist ein großer Vorteil. Es ist sehr wichtig, dass das Spiel in Völklingen stattfindet. Noch weniger als die FCS-Fans selber mögen gegnerische Teams das Stadion. Gerade, wenn du aus dem Profibereich kommst und eher verhätschelt wirst. Das Stadion ist da eher rauer und unangenehmer. Und vielleicht tut es mit ein paar Millionen Euro auf dem Konto etwas mehr weh, sich über diesen Rasen zu bewegen.

Zudem habe ich Hoffnung in die Mannschaft. Die Jungs spielen teilweise seit mehreren Saisons zusammen. Der Kader wurde stetig verbessert. Es ist ein Team, das eigentlich auch auf gutem Drittliga-Niveau mithalten könnte und auch zweitligaerfahrene Spieler hat. Da mache ich mir wenig Sorgen, die Mannschaft wird sich wie in den vergangenen Spielen stark präsentieren und es sicher auch den eingespielten Leverkusenern nicht leicht machen.

Wenn Sie auf die bisherige Saison zurückschauen: Was war das Erfolgsrezept in der Regionalliga und vor allem im Pokal?

In den Spielen im Pokal hat das Team teilweise mit überraschenden Formationen gearbeitet. Ganz kurios ist es bei Steven Zellner, der in dieser Saison, glaube ich, alle Positionen außer Torhüter gespielt hat. Im Pokal tauchte er plötzlich in einer Offensivrolle auf und lief die Gegner als Störelement an. Vielleicht war das der entscheidende Schritt von Ex-Trainer Dirk Lottner zu Lukas Kwasniok, der aus einer gut eingespielten Truppe taktisch neue Sachen herausgeholt hat. Hinzu kommen individuelle Stärken. Ein Gillian Jurcher, der in Pokalspielen deutlich mehr aufblüht als in der Liga. Auch wenn man in den vergangenen Spielen vor allem auf die Elfmeter geguckt hat, Keeper Daniel Batz hat auch über 90 Minuten eine herausragende Leistung gebracht. Es ist eine Mischung aus Eingespieltheit und einem Trainer, der mehr Kniffe in der Taktikkiste hat. Das Team und die Spielweise sind sehr schwer vorhersehbar.

Sie haben die ersten Namen schon genannt: Welche FCS-Spieler sollten man heute Abend besonders auf dem Schirm haben?

Nach der letzten Runde wird jeder auf Keeper Daniel Batz gucken. Wichtig sind auch Kianz Froese - ein sehr spielintelligenter Mittelfeldmann, der in der Vorlagenstatisitk weit oben steht. Fanol Perdedaj ist im Mittelfeld eine Art "Aggressive Leader", der kann auch mal hitzig sein, aber er ist ein enormer Anführer. Alle Fans hoffen auf ein Tor von Sebastian Jacob, der mit Manuel Zeitz als gebürtige Saarländer eine absolute Identifikationsfigur ist.

Angenommen heute Abend gibt es das saarländische Pokalwunder. Was passiert dann in Völklingen, in Saarbrücken, im Saarland?

Ich hoffe, dass die Leute dann feiern und vernünftig bleiben und nichts machen, was gegen die Corona-Regeln verstößt, auch wenn es natürlich schwer zu kontrollieren sein wird. Dann beginnt wahrscheinlich Coach Lukas Kwasniok am Tag darauf die Planungen für das Finale. Der guckt sich in Ruhe das andere Halbfinale an und macht die Taktik fürs Spiel in Berlin (lacht).

Wir sind bislang Vizemeister geworden, waren im Pokalhalbfinale, mit den Frauen im Finale, so ein Titel fehlt halt noch. Warum sollte nicht dieses Jahr, wo so viele kuriose Sachen passieren, der Pokal nach Saarbrücken gehen? Vielleicht überdenkt der Profifußball auch den Umgang mit den Amateuren. Meiner Meinung nach kommt da zu wenig. Gerade auch für die Vereine unterhalb der 2. Liga. Saarbrücken ist die beste Werbung dafür, dem DFB zu zeigen, dass auch unterhalb der 2. Liga ordentlicher Fußball gespielt wird. Und ein Pokal gewinnt dazu, wenn nicht jedes Jahr Bayern und Dortmund im Finale stehen.

Zum Abschluss: Wie lautet Ihr Tipp?

Ich glaube, es wird diesmal ein 3:2 nach Verlängerung.

Kein Elferschießen für die "Elferkiller" aus Saarbrücken?

Diesmal kein Elfmeterschießen!

Mit Carsten Pilger sprach Emmanuel Schneider

Quelle: ntv.de