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Dienstag, 02. April 2013

Tortechnik-Test bei WM-Generalprobe: Fifa setzt auf deutsche Firma

Nie mehr ein Wembley-Tor! Mit 14 Hochgeschwindigkeitskameras will die Fifa beim ConfedCup im Sommer die Frage Tor oder Nicht-Tor entscheiden. Eine deutsche Firma liegt im Rennen um die Torlinientechnik bei der WM 2014 vorne.

Torlinientechnik-Systeme

Der Fußball-Weltverband FIFA hatte die Wahl zwischen diesen Systemen:

GoalControl: Das System basiert auf 14 Hochgeschwindigkeitskameras. Sobald der Ball die Torlinie komplett überquert hat, sendet die Auswertungseinheit in weniger als einer Sekunde ein verschlüsseltes Signal an die Empfängeruhr des Schiedsrichters. Tore und Bälle müssen nicht präpariert werden.

Hawk-Eye: Die Technologie des Herstellers Sony kommt aus dem Tennis. Mindestens vier Hochgeschwindigkeitskameras nehmen das Spielgeschehen aus verschiedenen Winkeln auf. Ein Computer berechnet aufgrund dieser Bilder die Position des Balles und sendet ein Signal an den Schiedsrichter.

Cairos: Die Magnetfeldtechnologie des Unternehmens arbeitet mit einem Sensor im Ball. Wenn er sich innerhalb des Magnetfeldes hinter der Torlinie befindet, sendet er ein Signal an den Schiedsrichter.

Goalref: Landläufig unter dem Namen "Chip im Ball" bekannt, produziert Goalref vom gleichnamigen dänischen Unternehmen ein Magnetfeld, das wie ein unsichtbarer Vorhang über der Torlinie wirkt. Fliegt der mit einem Funkchip ausgestattete Ball über die Torlinie, sendet er ein Signal an den Schiedsrichter.

Technik aus Würselen soll nach einer Bewährungsprobe beim Confederations Cup voraussichtlich auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 ein neues Wembley-Tor verhindern. Der Weltverband vergab etwas überraschend den Auftrag für das WM-Testturnier an die deutsche Firma GoalControl. Wenn das System mit 14 Hochgeschwindigkeitskameras vom 15. bis 30. Juni den Fifa-Anforderungen entspricht, soll es auch bei der WM im kommenden Jahr zum Einsatz kommen. Damit stach der vermeintliche Außenseiter die drei Mitbewerber aus England, Erlangen und Ismaning aus. "Wir sind natürlich sehr glücklich über diese Entscheidung", sagte GoalControl-Geschäftsführer Dirk Broichhausen.

Die Einfachheit des vergleichsweise kostengünstig zu installierenden Systems gab offenbar den Ausschlag für GoalControl. Die Fifa betonte, dass die Kriterien für den Zuschlag auf die "spezifischen Vorgaben" für die Turniere in Brasilien zugeschnitten gewesen seien. Wichtig sei die Fähigkeit der Unternehmen, "sich den lokalen Gegebenheiten anzupassen und die Kompatibilität jedes Torlinientechnik-Systems mit dem Fifa-Spielbetrieb".

Das Toleranz-Problem

GoalControl hatte erst Anfang März als letzter der vier Anwärter die Fifa-Lizenz bekommen. Das System beruht auf einer dreidimensionalen Kontrolle des Balls durch 14 Kameras, die auf beide Tore gerichtet sind. Überquert der Ball die Torlinie, geht ein Signal an den Schiedsrichter.

"Unser großes Alleinstellungsmerkmal ist die herausragende Flexibilität und Genauigkeit. Vorhandene Tore mit weißen Netzen können weiter genutzt werden, und GoalControl-4D kann mit jedem Standardball gespielt werden", sagte Broichhausen. Die sechs Stadien des Konföderationenpokals müssen bis zum Sommer einzig mit den Kameras ausgestattet werden. Broichhausen hatte zuletzt erklärt, die Kosten für die Umrüstung würden 200.000 Euro pro Stadion betragen.

Gute Werbung für die Torlinientechnik: Manuel Neuer im Sommer 2010 nach dem nicht gegebenen, aber regulären Tor von Frank Lampard beim WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und England (4:1).
Gute Werbung für die Torlinientechnik: Manuel Neuer im Sommer 2010 nach dem nicht gegebenen, aber regulären Tor von Frank Lampard beim WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und England (4:1).(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Problem bleibt allerdings. Die Fifa gestattete bei der Entwicklung der Technologie eine Toleranz von drei Zentimetern. Eventuell wäre das legendäre Wembley-Tor im WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland (4:2 n.V.) auch heute nicht eindeutig zu erkennen gewesen. Das fälschlicherweise nicht anerkannte Tor der Ukrainer bei der EM 2012 gegen England (0:1) wäre durch die neue Technik sicher nicht als korrekt erfasst worden.

Die Regelhüter des International Football Association Board Ifab hatten mit ihrer Entscheidung zu einer Statutenänderung im Juli 2012 den Weg für die Torlinientechnik frei gemacht. Zuvor war jahrelang über die Zulassung debattiert worden. Fifa-Präsident Joseph Blatter legte sich erst nach der krassen Fehlentscheidung bei der WM 2010 fest, als England ein reguläres Tor durch Frank Lampard beim 1:4 im Viertelfinale gegen Deutschland nicht zugesprochen bekam. "Torlinientechnik ist eine Notwendigkeit", postuliert Blatter seither.

Gut, zuverlässig und kostengünstig

Außerhalb der Fifa-Wettbewerbe hat die Technik aber noch nicht Einzug gehalten. Die Uefa setzt in Champions- und Europa-League weiter auf zwei zusätzliche Torlinien-Assistenten, da ihr Präsident Michel Platini ein großer Technikgegner ist und die Kosten gerade kleinere Verbände überfordern würden. In der Bundesliga könnte ein System frühestens in der Saison 2015/16 eingeführt werden. Die englische Premier League will wohl das Hawk-Eye einführen.

"Wir hoffen, dass wir bei einer nächsten Ausschreibung zum Zug kommen", sagte René Dünkler, Sprecher des Projekts GoalRef beim Fraunhofer-Institut in Erlangen. "Wir haben bewiesen, dass unser System gut, zuverlässig und kostengünstig arbeitet." Das sogenannte intelligente Tor basiert auch wie das ebenfalls zunächst gescheiterte System der Firma Cairos aus Ismaning auf der Magnetfeld-Technologie. Das vom Tennis bekannte Hawk-Eye von Fifa-Sponsor Sony aus England beruht wie die Technik des Ausschreibungssiegers GoalControl auf der Kameraüberwachung des Balls. Bei der Benachrichtigung des Schiedsrichters über dessen Uhr arbeitet GoalControl mit der Technik des Mitbewerbers GoalRef.

Durch die Entscheidung für GoalControl werden weder der ConfedCup-Ball Cafusa noch das WM-Modell Brazuca oder die Tore umgerüstet. Die sechs Stadien des Konföderationenpokals müssen bis zum Sommer einzig mit den Kameras ausgestattet werden. Ein Dauer-Engagement ist der Zuschlag aber nicht. Er gilt zunächst nur bis zum ConfedCup mit der Möglichkeit einer Verlängerung bis zur WM, währenddessen steht das System auf dem Prüfstand. Versagt die Technik in Brasilien, beginnt die Debatte von vorn.

Quelle: n-tv.de