Fußball

WM-Countdown (23) Fünf große Irrtümer über Moskau

96617478.jpg

Das Lenin-Mausoleum am Roten Platz: Wer Haltung annimmt, darf länger gucken.

(Foto: picture alliance / Jens Kalaene/)

Wie, der Rote Platz ist gar nicht rot? Geschenkt! Doch es gibt viele Dinge, die Moskau-Reisende tatsächlich denken - und damit komplett falsch liegen. Wir machen endlich Schluss mit diesen fatalen Irrglauben!

Wer plant, zur WM zu reisen, hat inzwischen vermutlich schon mal in einen Reiseführer geguckt. Wenn ich das mache, muss ich manchmal schon arg die Stirn runzeln, was da so an Behauptungen drinsteht - und was an Tipps nicht. Darum, als exklusiver Service: fünf Dinge an Moskau, die dringend richtiggestellt werden müssen. Und damit meine ich nicht "Huch, der Rote Platz ist ja gar nicht rot!"

Der Alte Arbat ist keine Sehenswürdigkeit.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Sorry, aber isso. Egal, was im Büchlein oder der App steht - der Arbat mag historisch relevant sein, heute ist er aber eine runtergerockte, beliebige, auf Touristen-Nepp ausgelegte Fußgängerzone mit Fast-Food-Butzen, überteuerten Souvenirläden und Straßenkünstlern, die euch zeichnen wollen. Schönere Flaniermeilen findet man, ganz ohne nach Russland zu reisen, beispielsweise in Burghausen, Hattingen, Erfurt, Kiel, Wasserburg, Konstanz, Münster, Meersburg, Bad Säckingen ... ehrlich gesagt vermutlich fast überall in Deutschland. Außer vielleicht in Siegen.

Das GUM ist kein Kaufhaus.

Das Glawny Uniwersalny Magasin ist, wenn überhaupt, eine Mall - also ein Gebäude, in dem Designerlabels, Uhrenhersteller und Füllerfabrikanten Ladenlokale anmieten, um dort dann Luxuswaren ins Schaufenster zu stellen, die sich Otto Normalfan eh nicht leisten kann. (Ausnahmen sind das Lebensmittelgeschäft im Erdgeschoss und der eine oder andere Buch- oder Teeladen.) Was das GUM jedoch vor allem ist: ein Ort, wo man für überraschend wenig Geld ein leckeres, warmes Essen bekommt - Blini oder Ofenkartoffeln oder irgendwas Asiatisches. Und eine Chance, mitten im Herzen von Moskau kostenlos und ohne allzu langes Warten auf die Toilette zu gehen. Die sogar regelmäßig gereinigt wird.

Stehenbleiben ist im Lenin-Mausoleum nicht komplett unmöglich.

Im GUM liegen Luxusgüter in den Läden, auf der gegenüberliegenden Seite des Roten Platzes liegt der tote Lenin in seinem Glaskasten. Und ja, wer den dramatisch ausgeleuchteten Wladimir Iljitsch besuchen will, darf ausschließlich schweigend und ohne stehen zu bleiben an ihm vorbeidefilieren, sonst machen die uniformierten Aufpasser Stress. Eigentlich. Denn einen Weg gibt es doch, die eigene Verweildauer im Angesicht der prominenten Leiche von, sagen wir mal, 30 Sekunden auf 45 zu steigern: vor Kopf am Glaskasten kurz bremsen, Haltung annehmen und salutieren. Ist Geschmackssache, hat aber bei einigen Besuchern schon funktioniert.

Die Tretjakow-Galerie muss man nicht gesehen haben.

Ja, das gibt jetzt vielleicht Ärger mit ein paar Traditionalisten, aber ganz ehrlich: Wer nicht schon mit tiefgehendem Interesse an russischer Kunst anreist, der hat sich in Moskaus bekanntestem Museum nach ein paar Zimmern voller Ikonen und einigen Porträts von Ilja Repin schnell sattgeguckt. Wer nur Zeit hat für ein Museum in Moskau, findet im Multimedia Art Museum und im Garage-Museum im Gorkipark Innovativeres, im Lumiere-Zentrum Fotografie nicht nur aus Sowjetzeiten, im Puschkin-Museum das Schliemann-Gold und im Museum der Stadt Moskau den besseren Museumsshop. Und wer sich für die Schnittstelle zwischen Fußball und Kunst interessiert: Ab in die Neue Tretjakowgalerie zu Alexander Deinekas Torwart!

Das Café Puschkin ist nicht das Café Puschkin.

*Datenschutz

Noch heute haben viele Moskaureisende Gilbert Bécaud im Ohr, wie er von Nathalie singt - seiner Reiseführerin, die ihm von der Oktoberrevolution erzählt, mit der er aber lieber "einen Kakao im Café Puschkin trinken" möchte. Wer das heute tut, zahlt rund 5,50 Euro für seinen Kakao, noch lieber kommen Touristen zum Business Lunch ins Café Puschkin: Blini mit Forellenkaviar, danach Boeuf Stroganoff, serviert von rotbewamsten Kellnern in schnörkeligem Traditionsambiente. Nur, dass das Ambiete halt komplett künstlich ist. Das Café Puschkin hat ein findiger Mensch erst 1999 eröffnet, mehr als drei Jahrzehnte, nachdem Bécaud es sich für sein Chanson ausgedacht hatte. "Von einem historischen Gebäude nicht zu unterscheiden", so beschreibt der Betreiber sein Restaurant in einem auf alt gemachten Neubau. Perfektes Marketing.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de