Italien weint nach WM-AusGeliebter Calcio, was ist nur passiert?
Der Calcio am Boden, "Albtraum" und "Apokalypse" titeln die Gazetten. Italien wieder nicht bei der WM. Wer den Fußball mal geliebt hat und in den 90ern aufgewachsen ist, den kann das nicht kalt lassen.
Es ist passiert. Schon wieder. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, in Kanada und Mexiko findet ohne Italien statt. Zum dritten Mal in Serie muss die Squadra Azzurra, der stolze viermalige Champion, zuschauen, wenn der Goldpokal zum Gewinn steht.
Che tristezza, che disastro! "Ein Albtraum" sei das Elfmeter-Drama in den Playoffs gegen Bosnien-Herzegowina, stöhnt "La Gazzetta dello Sport" in schwarzen Lettern auf Rosa. Die Mailänder Kollegen vom "Corriere della Sera" wähnen sich gar in der "Apokalypse". Noch einmal zum Mitschreiben: Die WM 2026 findet ohne Italien statt.
Was eine Frage aufwirft: Ist eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Italien überhaupt eine richtige Weltmeisterschaft? Va bene, 2018 und 2022 ließ sich noch unken, dass das Turnier ob der für Fußball-Fans unattraktiven Schauplätze Russland und Katar eh nix war. Aber nun? Wer den Calcio mal geliebt hat und in den 1990er-Jahren aufgewachsen ist (wie der Autor dieser Zeilen), für den ist die dritte italienische Vergogna, die Schande, schier unbegreiflich.
In den 90ern war Italien der Nabel der Fußball-Welt. Die Serie A dominierte den europäischen Fußball. Die besten Torwarte waren Italiener. Walter Zenga, Gianluca Pagliuca, später der junge Gigi Buffon. Von 1993 bis 1998 immer eine italienische Mannschaft im Champions-League-Finale. Inter Mailand wurde von einem Tedeschi-Triumvirat – Lothar Matthäus, Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann – regiert, Milan von einem Oranje-Dreigestirn: Ruud Gullit, Marco van Basten, Frank Rijkaard. In Rom wirbelten Rudolfo Völler, Icke "Hassler" und Kalle Riedle, in Turin schob Jürgen Kohler frechen Stürmern den Riegel vor. Später machten sich deutsche Stars wie Matthias Sammer, Stefan Effenberg und Andreas Möller über den Brenner auf ins Paradies. Oliver Bierhoff wurde bei Udinese ein Star.
Als Italien Europas Fußball regierte
Ach ja: Eingeleitet hatte die deutsche amore die WM 1990. Mailand. Das San Siro. Matthäus' Sturmlauf gegen Jugoslawien. Cesare Franz lässig an der Linie. Klinsmann gegen Holland. Rijkaard bespuckt Völler. Und. Und. Und. Notti magiche, italienischer Sommer. Bis Rom ging die Reise. Brehme gegen den Elfmetertöter Sergio Goycochea. Ein Schuss, ein Tor, ein einsamer Kaiser.
Aber die Liebe zu Italien hatte eben nicht nur nationale Gründe. Jedenfalls nicht für einen fußballbegeisterten Knirps jener goldenen Ära. Calcio gleich Kindheit. Erinnerungen für die Ewigkeit. Deswegen heute un po Herzschmerz.
1994. Erst Urlaub an der Adria. Milan vermöbelt Barça im Henkelpott-Duell. Martino piccolo jubelt mit den "Locals", das cuore tanzt. Autocorso, Hupkonzert. Dann die WM. Wo? In den USA! Roberto Baggio ist der große Star. Im Achtelfinale droht den Azzurri gegen Nigeria das Aus. Baggio dreht auf: 1:1 in der 89. mit der Innenseite. Precisione pura, nix zu machen für Super-Eagle Peter Rufai im Kasten. Verlängerung. Wieder Baggio. Diesmal Elfmeter. Wieder unerhörte Präzision. Vom Innenpfosten springt die Murmel rein. Robertos Zopf schwingt hoch und runter, hin und her. Bello è impossibile.
Kein Baggio-Trikot zu Hause. Aber immerhin der Auswärtsdress lässt sich machen. Weißes T-Shirt raus, blauer Edding. R. Baggio auf den Rücken, weil Dino gibt’s ja auch. Nummer 10 malen. Raus auf den Bolzer! Elfer schießen wie Baggio. Beim xxx-ten Versuch klappt's tatsächlich: linker Innenpfosten, Lederball, grünes Netz, kindliches Glück.
20 Jahre nach dem Triumph von Berlin herrscht Trauer
WM-Finale in Los Angeles. Brasilien gegen Italien. Was für eine Begegnung! Endspiel mitten in der Nacht. Wir dürfen durchmachen. Isomatten und Schlafsack im Wohnzimmer. Das Spiel ziemlich langweilig. Fratello und Mamma nicken weg, nur Torwart-Pimpf Martino und Bernhard, unser Libero, fiebern. Plötzlich Herzkasper-Alarm. Pagliuca patzt bei Harmlos-Schüsschen, Pfosten. Gianluca küsst das Alu. Verlängerung. Keine Tore. Elfmeterschießen, was ein Drama. Franco Baresi drüber, aber Pagliuca hält auch einen. Alles hängt an Baggio. Kurzer Anlauf, weit drüber. Roberto geknickt am Punkt, der Zopf hängt, Italien weint, Brasilien auch – vor Freude. Lange ist's her. Auch 2006 ist längst Geschichte. Die Azzurri beerdigen in Dortmund den Sommertraum, das Märchen hat für die Deutschen nur Platz drei über. Kann man den Italienern böse sein? Ma no. Italien in Berlin auf dem Fußball-Thron. 20 Jahre später herrscht die Trauer.
Neulich war ich nach Jahren wieder in Mailand. Nicht Italiens schönste, aber halt meine Stadt der Liebe. Der Tempel San Siro wird abgerissen. Beschlossen. Ach, Giuseppe Meazza, das tut weh! Ansonsten strahlte die Madonnina vom Duomo, dessen Marmor ebenfalls in der Sonne glänzte. Piu bella cosa non c’è. Später kaufte ich uns acht Focaccia-Teilchen für 7,29 Euro und konnte mein Glück kaum fassen. Ein Vergleich der Mailänder Metro mit der Kölnischen Stadtbahn wäre ein grande insulto. Der Cafè (zu deutsch: Espresso) schmeckte wie immer und überall – 1,50 Euro selbst an den Tresen rund um den Dom. Dort liegen die Sportzeitungen aus, die heute beim schnellen Koffein-Schuss mit so viel Traurigkeit gelesen werden. Nehmt es nicht so schwer, amici!
