Das letzte WM-Speed-DatingNagelsmann erklärt (fast) alle seine Widersprüche

Julian Nagelsmann nominiert den letzten deutschen Kader vor der Fußball-Weltmeisterschaft. Das Aufgebot wartet mit einigen Überraschungen auf. Viel lässt sich aber auch aus Sicht des Bundestrainers erklären.
Im DFB-Geschichtsbuch gibt es viele kuriose Anekdoten über Nominierungsanrufe. Künftig zählt auch Lennart Karl dazu. Bei dem 17-Jährigen klingelte unter der Woche das Telefon, es blieb aber unbeantwortet. "Er war bei der Nachhilfe, deshalb ist er nicht gleich rangegangen", plauderte Julian Nagelsmann nun aus. Und so konnte der Bundestrainer dem Talent die frohe Kunde erst nach dem Schulstoff überbringen: Der Shootingstar des FC Bayern ist bei den Testspielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft dabei.
Nicht immer lief es für den Bundestrainer dieser Tage so erfreulich wie bei Karl: Zwar durfte er einigen Spielern freudige Botschaften durchkabeln (den Bayern-Debütanten Karl und Jonas Urbig), bei anderen musste aber er seine Absage erklären (den BVB-Wirbelwinden Maximilian Beier und Karim Adeyemi). Am Ende des Telefon-Marathons präsentierte der gut gelaunte Nagelsmann auf dem DFB-Campus einen 26-köpfigen Kader für die Partien gegen die Schweiz (27. März, 20.45 Uhr/RTL) und Ghana (30. März, 20.45 Uhr/ARD, beides auch im ntv.de-Liveticker), der schon sehr nach WM-Aufgebot aussieht - das aber noch nicht ist.
Das Trainerteam habe "viel diskutiert", wie dieser Kader nun aussehen könnte, verriet Nagelsmann. Die Zeit ist knapp. Es steht die letzte Abstellungsperiode vor der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko bevor. Es ist ein schmaler Grat: Kein Raum mehr für Experimente, aber dennoch ist es auch die letzte Chance, das letzte Speed Dating, um sich noch einmal kennenzulernen. Die Botschaft, die Nagelsmann allen überbrachte, war: Die Tür ist noch nicht zu. Gleichzeitig prophezeit der Bundestrainer, dass wenn alle Akteure gesund bleiben, dann auch nicht mehr allzu passieren würde.
Das Löw'sche Weltmeisterrezept
Die Idee für die letzten Meter auf dem Weg zur WM ist relativ simpel: Mittlerweile hat sich ein Grundgerüst um Joshua Kimmich, Florian Wirtz, Nico Schlotterbeck und Co. gebildet- und dazu kommt ein erweiterter Kreis. Deshalb sind diesmal unerwartet einige Rückkehrer dabei. Mittelfeldmann Anton Stach von Leeds United, im "Kicker"-Interview kam er jüngst nicht so wahnsinnig gut weg, darf sich nach vier Jahren erstmals wieder im DFB-Kontext zeigen. Ebenfalls schnuppert VfB-Rechtsverteidiger Josha Vagnoman noch einmal Nationalelf-Luft.
Um das wiederum zu erklären, muss man etwas ausholen. Unter der Woche wurde Joachim Löw, und der muss es ja wissen, bei einer Veranstaltung in Köln gefragt: "Wie wird man eigentlich Weltmeister?". Der Altbundestrainer ging ins Detail, sprach von einer langen Entwicklung, von der richtigen Mischung unter den Spielern. "Der Prozess geht nicht beim Turnier los, sondern Jahre davor", sagte Löw. "Das Team muss die Überzeugung haben, dass dieser Weg, den der Trainer gehen will, hilft, um erfolgreich zu sein."
Für Löw war die Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und Polen der Erweckungsmoment. Nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien steckte er öffentlich eine Menge Prügel ein. Mario Balotelli flexte seine Muskeln und schickte die noch unreife deutsche Auswahl mit einem 1:2 heim. Doch in der Kabine geschah etwas Besonderes: Das DFB-Team sprach seinem Nationaltrainer das Vertrauen aus. Zwei Jahre später wurde Deutschland Weltmeister.
Es ist eine Erzählung, die auch Nagelsmann sehr gefallen wird. Es löst einige Widersprüche auf, die in den vergangenen Wochen und Monaten aufgetaucht waren. Für die beste Mischung muss man alle WM-Kandidaten ausprobieren. Alles, was der Bundestrainer im Vorlauf dieser WM tut, zielt darauf ab, eine Wohlfühlatmosphäre wachsen zu lassen. Es fahren nicht die 26 besten Fußballer zu diesem XXL-Turnier, sondern - in der Hoffnung Nagelsmanns - die bestmögliche und homogenste Auswahl. Bei der Heim-EM hatte er das geschafft, da flossen Tränen beim Abschied aus Herzogenaurach. Dieser Geist soll es bis Winston-Salem schaffen.
Stiller, Goretzka, Urbig
Mit dieser Argumentation gewinnt man mutmaßlich keine Wahlen, aber das muss Nagelsmann auch nicht. Also, warum ist Angelo Stiller nicht dabei? Schließlich lenkt er doch beim VfB Stuttgart derzeit überaus erfolgreich die Geschicke? Stiller stehe in direkter Konkurrenz mit Bayerns Aleksander Pavlovic, der derzeit die Nase vorn habe, sagte Nagelsmann. Deshalb habe der Stuttgarter keinen Platz in der ersten Elf - für das Binnenklima nimmt der Bundestrainer stattdessen einen Spieler mit, der besser in die zweite Reihe passt. Da fiel die Wahl auf Pascal Groß, der kommt bei seinem alten Klub (Brighton & Hove Albion) wieder auf mehr Spielzeit. Und der Bundestrainer attestierte ihm eine "große Gabe, die Menschen zu verbinden".
Ähnlich stellte er beim dauer-polarisierenden Leon Goretzka die Dinge etwas klarer dar. Beim FC Bayern spielt er in wichtigen Partien nicht, aber in der Nationalelf? Wie passt das mit dem Leistungsprinzip zusammen? Nagelsmann betonte noch einmal: Er habe Goretzka keinen Freifahrtschein ausgestellt, sondern nur gesagt, er habe "gute Chancen zu spielen". Das könnten am Ende auch nur zwei Minuten sein. Nagelsmann wollte Goretzka lediglich die Unsicherheit nehmen: "Wenn er gesund ist, ist er dabei." Für ihn hat er eine ganz bestimmte Rolle im Kopf: Wenn er aus dem Mittelfeld heraus Wucht im gegnerischen Strafraum braucht. Diese Qualität erkennt Nagelsmann so bei keinem anderen deutschen Spieler.
Und warum sind Stach, Karl, Vagnoman und Urbig dabei? Auch bei Karl lauert eine Gegensätzlichkeit: Im November, als er seine beste Phase hatte, fehlte er im DFB-Aufgebot. Nun, da der 17-Jährige etwas im Formtief steckt, ist er dabei - anders als Kölns Said El Mala, bei dem es umgekehrt lief. Wie kann das sein? Man kann dem Fußballfachmann Nagelsmann getrost unterstellen, dass er das auch selbst sieht. Nur wollte er Karl vor einer möglichen WM-Nominierung auch mal im DFB-Kontext sehen. Bayern-Talent Tom Bischof trug im vergangenen Sommer etwa beim DFB-Team einige Kisten, so etwas verrät viel über den Charakter.
Ach ja, und Leroy Sané?
Und auch wenn der Kader schon WM-artige Züge annimmt. Es ist eben auch das letzte Casting. Damit auch die letzte Chance für Leute wie Anton Stach, sich mal zu zeigen. Weil ebenjener Stach in Leeds arbeitet, wissen die wenigsten hierzulande, wie er sich da eigentlich so schlägt. Er habe ein ähnliches Profil wie der Leverkusener Worker Robert Andrich, erklärte der Bundestrainer. Nur: Bei dem wisse Nagelsmann genau, was er bekomme: "sportlich und menschlich", sagte er. Stach hatte dagegen nie die Chance, sich zu präsentieren. Am Telefon habe er eine tolle Reaktion gezeigt, sich wahnsinnig gefreut. Vagnoman hat ebenfalls noch nie unter Nagelsmann gespielt.
Gleiches gilt auch für Bayern-Torwart Urbig. Nagelsmann lobte seine "extrem gute psychische Stärke". In den vergangenen Wochen wurde er als Ersatz von Manuel Neuer immer wieder ins kalte Wasser geworfen, bekam aus "kalter Hose" meist nur "ein, zwei Aktionen", die er dann aber "sehr gut" bewältigte. Die vielen Spieler des FC Bayern im DFB-Kader kennen ihn, der Rest aus der U21. "Sie schätzen ihn alle sehr, weil er einfach sehr viel Bock auf Training hat. Weil er sich danach ins Tor stellt und sich eine halbe Stunde lang die Bälle um die Ohren schießen lässt und nicht murrt", sagte Nagelsmann. Und deshalb steht plötzlich der zweite Torwart des FC Bayern im DFB-Kader.
Bleibt nur ein Widerspruch, der normalerweise immer zur Sprache kommt, nur diesmal nicht: Leroy Sané. Nagelsmann ist mittlerweile der dritte Bundestrainer, der an dem Flügelstürmer verzweifelt. Der Wechsel in die Türkei hat dabei nicht geholfen. Der Bundestrainer forderte bei Galatasaray Istanbul wenigstens außergewöhnliche Quoten von Sané ein, die er bislang nicht erfüllt hat. Trotzdem ist er auch diesmal dabei - und ziemlich sicher auch bei der WM. "So ehrlich sind wir: Wir wissen bei ihm nie zu 100 Prozent, was am Ende auf den Platz kommt", sagte Nagelsmann zuletzt im "Kicker". Nun ist es aber so, dass es nicht Flügelstürmer wie Sané viele gibt. Manchmal fehlen auch dem Bundestrainer die Argumente.