Fußball

Reporterikone Hansch im Gespräch "Nur fünf Erstligisten können überleben"

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Kommentatoren-Legende Werner Hansch hat im Fußball schon fast alles erlebt - so auch den Geburtstag von Felix Magath 1996 - aber die Corona-Krise ist auch neu für ihn.

Kommentatoren-Legende Werner Hansch ist Kult wegen seiner kernigen Sprüche und seiner sonoren Stimme. Fast ein halbes Jahrhundert berichtet er schon über Fußballspiele. Im Interview mit ntv.de erzählt er, warum man den Fußball mit Geisterspielen retten muss, wie er gegen seinen Willen ins Fußballgeschäft gelangte, wieso er nie wieder Computerspiele kommentieren möchte - und welcher sein bester Spruch war.

ntv.de: Herr Hansch, im Mai werden wir wohl den Neustart der Fußball-Bundesliga mit Geisterspielen erleben. Was halten Sie davon?

Werner Hansch: Nicht viel. Geisterspiele mag keiner. Die Frage ist nur, wie man sie vermeiden könnte. Es geht darum, dass die wirtschaftlichen Grundlagen des Spitzenfußballs über Corona hinweg gerettet werden müssen. Und wenn es kein anderes Mittel gibt, dann - bittere Kröte - muss man die Geisterspiele schlucken. Eines ist klar: Auch wenn die Geisterspiele stattfinden, eine Gefahr für die Allgemeinheit darf davon nicht ausgehen. Da vertraue ich dem Konzept der DFL-Taskforce. Das Risiko geht praktisch gegen null, sagen die, und hundert Prozent risikofrei gibt's in diesem Leben sowieso nicht.

Die Corona-Gefahr spüren nun auch die Fußball-Vereine, denen Insolvenzen drohen.

Ohne Spiele kein Geld. Und ohne Geld gäbe es dann bald gar keine Spiele mehr. Wenn man keine Spiele mehr senden kann, dann ist Ende. Dann steht das ganze System auf der Kippe und nur noch fünf Erstligisten können überleben. Das kann einer, der mit dem Fußball so lange gelebt hat wie ich, nicht wollen.

Sie sind seit fast einem halben Jahrhundert im Fußball tätig. Was bringt die Corona-Krise an Neuem mit?

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"Ich bin da gegen meinen Willen reingeschubst worden", sagt Werner Hansch über seine Anfänge im Fußballgeschäft.

(Foto: imago images/teutopress)

Sowas hat es noch nie gegeben. Das ist eine völlig neue Situation, die einfach alles betrifft. Wenn es jetzt gelingt, den Fußball zu retten und Corona irgendwann besiegt ist, dann wird es höchste Zeit, dass der Profifußball seine Strukturen hinterfragt. Vor allen Dingen die total überhitzte Kapitalisierung und Kommerzialisierung muss neu justiert werden.

Wie realistisch sind solche Schritte?

Ich halte sie für wenig realistisch. Ich würde den Fußball-Bossen wünschen, dass sie das schaffen. Allein: Mir fehlt ehrlich gesagt der Glaube. Ich glaube eher, dass, wenn alles wieder normal läuft und die Stadien wieder voll sind, alles so sein wird wie vorher. Auch die Ablösesummen werden dann irgendwann wieder hochschießen.

In Ihren Anfangstagen im Fußballgeschäft, als Sie 1973 zum Stadionsprecher von Schalke 04 gemacht wurden, sah das noch ganz anders aus.

Ich bin damals da gegen meinen Willen reingeschubst worden. Ich hatte damals noch nie ein Fußballspiel gesehen, sondern kommentierte Pferderennen in Gelsenkirchen. An einem Tag brannte es auf der Rennbahn und der Geschäftsführer war gleichzeitig der Sprecher im Schalke-Stadion. Er schickte mich dann in die alte Glückauf-Kampfbahn, um ihn zu vertreten. Das war furchtbar für mich, ich hatte ganz doll Schiss. Und bei der Vorstellung der Mannschaft habe ich dann den heute legendären Satz gesagt: "Mit der Startnummer eins, Norbert Nigbur." Ich kam vom Pferderennen, da gab es nun mal Startnummern.

Sie blieben bis 1978 beim FC Schalke Stadionsprecher, bis Sie vom WDR-Hörfunk abgeworben wurden. Fiel Ihnen dieser Wechsel leicht?

Das war etwas völlig anderes. Mein erstes Spiel als Kommentator war eine Zweitligapartie an einem regnerischen Samstag. Preußen Münster gegen Bayer 04 Leverkusen. Ich saß da mit schlotternden Knien und dann fällt bei dem Spiel zwar kein Tor, aber es gibt vier Rote Karten, was es vorher erst einmal in Deutschland gegeben hatte. Das ist natürlich genau das, was ein Anfänger braucht. (lacht) Ich war durchgeschwitzt vom Kopf bis in die Zehen und dachte, dass ich meinen Job los bin.

Sie durften aber weitermachen. Stimmen Geschichten von früher, dass Reporter damals mit Trainern und Spielern Kumpanei betrieben und die Nächte gemeinsam an der Theke verbrachten?

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Rudi Assauer (links) und Trainer Huub Stevens führten Schalke zu großen Erfolgen.

(Foto: imago/Kicker/Liedel)

Nein, das hat es nicht gegeben. Weder mit Spielern noch mit Trainern. Meine Maxime war immer Abstand: Nicht mit dem Gegenstand gemein machen. Ich hatte lediglich eine gute, aber nur fußballbezogene, Bekanntschaft mit Rudi Assauer. Er hat mir viele Dinge anvertraut, die ich am nächsten Tag nicht gleich über den Sender sagen konnte, mir aber immer geholfen haben.

Über Assauer sagten Sie, sein größter Erfolg habe nichts mit dem Fußball zu tun, sondern sei seine Enttabuisierung der Demenz-Krankheit, an der der 2019 verstorbene Manager lange litt.

Ich habe es sehr bedauert, als er letztes Jahr starb. Da gab's natürlich eine Menge Nachrufe in der Presse, aber den entscheidenden Verdienst Assauers hat keiner wirklich gewürdigt: In einem nachhaltigen ZDF-Film hat Rudi sich 2012 mit seiner Krankheit geoutet. Der Film hieß "Ich will mich nicht vergessen!" - und wer ihn gesehen hat, der hat ihn bis heute nicht vergessen. Damit hat Assauer das Krankheitsbild Demenz aus der Tabuzone herausgeholt und öffentlich gemacht. Daraufhin wurde das Thema überall diskutiert und vieles, was danach in der Politik an Reformen durchgesetzt wurde, geht zurück auf sein Outing. Zum Beispiel können Demenzkranke seit 2017 aus der Pflegeversicherung Leistung beziehen.

Wie ist Assauers sportliche Leistung zu bewerten?

Rudi Assauer war ein Phänomen. Nicht nur für den FC Schalke. Seine erste Periode als Kaschmir-Rudi war nicht so gut. Aber als er 1993 zurückgeholt wurde, hat er ein Chaos vorgefunden und trotzdem die Lizenz gerettet - auch dank Egidius Braun, dem damaligen DFB-Präsidenten, der im Grunde Schalke-Fan war. Rudi hat die Mannschaft ausgemistet und dann in nur vier Jahren das Team aufgebaut, das am 21. Mai 1997 den Uefa-Pokal gewann in einem dramatischen Elfmeterschießen im zweiten Finale in Mailand.

Welches Gefühl löst es heute in Ihnen aus, wenn Sie an den Schalker Sieg über Inter Mailand zurückdenken, den Sie damals live kommentierten?

Ein angenehmes. Ich bekam für dieses Spiel sogar den Telestar, den damals größten Fernsehpreis. Und das, obwohl es gar keine Sport-Kategorie gab und ich mit meinem Sprechgesang aus Mailand in die Kategorie Dokumentation eingeordnet wurde. Diesen Preis habe ich immer als Beweis genommen, dass der Fußball in der Mitte der Gesellschaft angekommen war.

Sie sagten damals in Ihrer Reportage: "Wir müssen mit ihnen gehen, durch die Hölle des Elfmeterschießens. Ein Blick nach oben. Ein Stoßgebet. Ist der Papst, die Frage muss ja noch gestellt werden, Mitglied beim FC Schalke 04? Man muss nicht dran glauben. Das ist keine Glaubensfrage. Ich kenne wohl einen Weihbischof aus Essen, der ist Mitglied beim FC Schalke. Der sollte jetzt auch mal die Daumen drücken."

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1997 holte Schalke den Uefa-Pokal in den Pott.

(Foto: imago/WEREK)

Das Spiel war sensationell. Schalke führte aus dem Hinspiel als Außenseiter mit 1:0. Dann glich Ivan Zamorano in der 85. Minute aus und es ging in die Verlängerung. Und dann, das werde ich nie vergessen, hatten die Mailänder diesen wunderbaren, feingliedrigen und technisch begabten Stürmer Maurizio Ganz. Der spielte in der Verlängerung einen Lob auf das Schalker Tor, Jens Lehmann stand vielleicht ein bisschen zu weit draußen. Der Ball fliegt über Lehmann. (kommentiert) Geht er rein, geht er rein, geht er rein? Nein, er geht nicht rein, er fliegt an die Querlatte und fällt zurück ins Spielfeld. Wäre er ins Tor geflogen, wäre alles aus gewesen. Doch so ging es ins Elfmeterschießen, wo der FC Schalke das bessere Ende für sich hatte. Schalke hatte damals eine wunderbare, geschlossene Truppe, einer hat für den anderen gekämpft. Mailand war keine Mannschaft. Und einer hat mich in dem Spiel besonders enttäuscht, den Otto Rehagel dann nach Kaiserslautern holte, wo er es besser gemacht hat: Ciriaco Sforza.

In dieser Saison gaben Sie für die Partie Dortmund-Frankfurt ein Kommentatoren-Comeback bei Dazn. Haben Sie noch mal Blut geleckt?

Ja, das war mal wieder ein schönes Gefühl und hat Spaß gemacht. Ich hatte das Gefühl: Irgendwie geht's doch noch, funktioniert ja noch ganz gut. (lacht) So etwas könnte man durchaus noch mal wiederholen, auch wenn es nicht an jedem Wochenende sein muss.

Viele kennen Sie nicht nur von TV oder Hörfunk, sondern von den Computerspielen Fifa 98 und 99. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Das ist über 20 Jahre her und auch darauf werde ich immer noch angesprochen. Die Firma EA Sports hat mich einfach angerufen. Ich war zusammen mit Wolf-Dieter Poschmann im Studio, mindestens sieben Stunden am Stück. Aber das habe ich dann nie wieder gemacht, denn es war eine Schweinearbeit und ein Hungerlohn gemessen an dem, was die mit diesem Spiel verdient haben.

Sie sind bekannt für kernige Sprüche à la: "Nicht jeder Knallfrosch ist gleich ´ne Rakete.", "Das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam." oder "Wer hinten so offen ist, kann nicht ganz dicht sein." Haben Sie so etwas zu Hause trainiert?

Werner Hansch

... wird 1973 durch Zufall Stadionsprecher vom FC Schalke 04, bevor er 1978 an den Fußball-Kommentatorenplatz wechselt. Zunächst arbeitet er für den WDR-Hörfunk, dann für die ARD-Sportschau, Sat 1 und zuletzt bis 2007 für den Pay-TV-Sender Arena. Hansch ist einer der Gäste im neuen Sport-Podcast "Mein Spiel" von RTL/ntv, in dem Deutschlands beliebteste Fußballkommentatoren zu Wort kommen.

So etwas kannst du nicht vorbereiten. Das ist einfach ein gewisses Gefühl für Sprache. Und die lernt man beim Lesen. Ich habe jüngeren Kollegen immer wieder geraten zu lesen, weil sich dann Sprachbilder im Kopf festsetzen, die man in passenden Situation hervorziehen kann. Aber das ist auch gefährlich, weil du mit deinen Bildern auch völlig falsch liegen kannst. Oft bin ich nach Fußballspielen nach Hause gefahren - dabei habe ich immer klassische Klavierkonzerte gehört - und habe im Kopf alle Bilder des Spiels noch mal gesehen und gehört, was ich dazu erzählt habe. Dann habe ich mir mit der flachen Hand auf die Stirn geschlagen und gesagt: Wie konntest du Hornochse auf diese Bilder diesen Satz sagen?

Sind Sie nicht auch froh, weil Ihre Sprüche Sie zu einer Kultfigur gemacht haben?

Als ich 1978 im Hörfunk anfing, waren der Fußball und die Fußballsprache schon erfunden. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man heute die Kommentierung eines Fußballspiels aus der Bleikiste zusammensetzt. Denn alles, was in einem Fußballspiel an Bewegungsansätzen passiert, haben Generationen von Reportern schon in Worte gefasst. Das war mir damals schon klar. Und ich wusste, wenn ich in dieser Branche ein wenig Nachhaltigkeit erreichen will, dann geht das nur über meine Stimme und über Sprachbilder. Das Besondere, die Genialität eines Tores habe ich durch wie viele Worte auch immer nie treffender ausgedrückt, als in dem Moment, in dem ich einmal sagte: "Ein geiles Tor."

Mit Werner Hansch sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de

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