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Prösterchen: Beate und Otto Rehhagel.
Prösterchen: Beate und Otto Rehhagel.(Foto: imago/Camera 4)
Donnerstag, 09. August 2018

König Rehhagel feiert 80.: "Otto, das kostet aber drei Bier"

Vom Ben Redelings

Er selbst bezeichnet sich als "Kind der Bundesliga". Otto Rehhagel hat als Spieler und Trainer den deutschen Fußball geprägt. Doch den größten Triumph feiert er 2004, als er mit Griechenland die EM gewinnt. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

Der gebürtige Essener hat sich einem staunenden Journalisten einmal so vorgestellt: "Ich, Otto Rehhagel, ein Produkt made in Germany." Und auf Nachfrage ergänzt: "Ein Spruch gehört zum Fußball, aber ich bin kein Sprücheklopfer. Ich verkaufe Fußball made in Germany. Das heißt, bei mir wird anständig trainiert, gearbeitet und erzogen." Das war im Jahr 1984.

Lissabon, 4. Juli 2004: Griechenlands Fußballer sind Europameister - mit und dank Trainer Rehhagel.
Lissabon, 4. Juli 2004: Griechenlands Fußballer sind Europameister - mit und dank Trainer Rehhagel.(Foto: imago/Laci Perenyi)

Zwanzig Jahre später feierte ihn das Magazin "Goal" nach dem Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland so: "Der neue Zeus heißt Otto." Dabei wollte Rehhagel immer nur eins: Raus aus der Arbeitersiedlung mit Etagenklos. Für den ersten Feuerwehrmann der Bundesliga ("Red Adair des Fußballs", "Kicker" im Jahr 1978) stand fest: "Ich wollte nie wieder zum Scheißen aus der Wohnung raus." Dafür tat Rehhagel fast alles. Der "Stern" betitelte einmal eine Story über ihn mit den Worten: "Keule kloppt sich hoch." Schon als Spieler kannte der Essener Junge keine Freunde auf dem Platz.

Herthas Zoltan Varga beschwerte sich nach einem Spiel seiner Berliner auf dem Betzenberg über Kaiserslauterns Verteidiger Rehhagel: "So etwas habe ich noch nie erlebt. Härte soll sein, damit muss jeder Stürmer rechnen. Aber Rehhagel hatte es nur darauf abgesehen, mich zu foulen. Sollte ich mich revanchieren? Das liegt mir nicht. Ich habe den Schiedsrichter fast angefleht, etwas zu unternehmen und nicht nur Freistöße zu verhängen. Er hat mich ermahnt, den Mund zu halten. Rehhagel nannte mich 'ungarisches Schwein' und sagte, ich sei nur nach Deutschland gekommen, um Geld zu kassieren. Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was er mir an den Kopf warf. Fünfmal hat er mich angespuckt. Der Schiedsrichter stand daneben, aber er unternahm nichts."

"Tritt dem Hölzenbein in die Knochen"

Das lag vermutlich an dem guten Verhältnis, das Rehhagel zu dieser Zeit mit den Männern in Schwarz pflegte. Otto Rehhagel kann sich gut an eine Geschichte von damals erinnern: "In einem Heimspiel am Betzenberg hatte ich mir schon einige Fouls erlaubt. Als ich meinen Gegenspieler erneut von den Beinen holte, dachte ich: Jetzt fliegst du vom Platz. Doch zum allgemeinen Erstaunen gab Klaus Ohmsen nur Freistoß gegen uns. Wenige Minuten später kam er zu mir und flüsterte mir leise ins Ohr: Otto, das kostet aber drei Bier und drei Korn. Die habe ich ihm nach dem Spiel gerne ausgegeben."

April 1975: Rehhagel trainiert die Offenbacher Kickers.
April 1975: Rehhagel trainiert die Offenbacher Kickers.(Foto: imago sportfotodienst)

Die Anfänge als Trainer waren anschließend nicht ganz so glücklich, obwohl sein Spieler Erwin Kostedde schon damals voll Pathos verkündete: "Unter Otto ist mir auf dem Spielfeld kein Weg zu weit!" Doch mit den Schiedsrichtern lief es nicht mehr rund. In der Saison 1975/1976 verlor Rehhagel einmal richtig die Nerven. Der junge Trainer der Offenbacher Kickers litt unter den Misserfolgen seines Vereins.

Nach drei Niederlagen in Folge - 2:6 in Duisburg, 0:4 gegen RW Essen und 1:5 beim VfL Bochum - traf man auf den Lokalrivalen aus Frankfurt. Zwar bezwang Offenbach am Ende die Eintracht mit 2:1, doch nach einem Platzverweis für Manfred Ritschel in der sechsten Spielminute war Rehhagel während der gesamten Begegnung nicht mehr zu beruhigen. In der Halbzeitpause rannte er zu Schiedsrichter Walter Eschweiler und fragte ihn wütend, ob er bestochen sei. Eschweiler meldete den Vorfall dem DFB und der lud Rehhagel wenige Wochen nach seiner ersten Sperre (ein Monat Pause, weil er seinem Abwehrspieler Armand Theis, ebenfalls in einem Spiel gegen die Eintracht, zugerufen hatte: "Tritt dem Hölzenbein doch in die Knochen") erneut vor.

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Eigentlich verlief der Prozess günstig für den Offenbacher Trainer, bis sein eigener Vizepräsident vor dem DFB aussagte. Waldemar Klein erklärte, dass ihm der Linienrichter Josef Porta nach dem Spiel erzählt habe: "Wenn ich alles zur Anzeige bringen würde, was der Rehhagel gesagt hat, dann würde das eine Sperre auf Lebenszeit bedeuten." Nun musste auch Porta aussagen und schnell stand das Urteil fest: Rehhagel wurde zu einer zweimonatigen Sperre verurteilt und musste 5.000 Mark Strafe zahlen. Das war zu viel für die Kickers, und sie feuerten ihren überengagierten Trainer fristlos.

"Das heißt: Sie müssen heiraten!"

Damals sagte Günter Netzer über Rehhagel: "Ich sehe ihn auf der Trainerbank so, wie er auf dem Spielfeld aufgetreten ist. Er ist wohl nicht für die Feinheiten des Fußballs empfänglich, die im Grunde erst die großen Mannschaften ausmachen." Als Trainer-Neuling sagte Rehhagel noch: "Ich gestatte jedem Spieler gewisse Freiheiten im Privatleben und auf dem Spielfeld, um seine Persönlichkeit zu entfalten. Nur so kann er seine Fähigkeiten auch optimal zum Ausdruck zu bringen." Davon wollte er später aber nichts mehr wissen.

5. Juni 1993: Rehhagel und Thorsten Legat feiern in Bremen die Meisterschaft.
5. Juni 1993: Rehhagel und Thorsten Legat feiern in Bremen die Meisterschaft.(Foto: imago/Schumann)

Als der Bochumer Thorsten Legat 1991 zu Werder Bremen wechselte, hatten Rehhagel und seine Frau und ständige Beraterin Beate beschlossen, dass der junge Mann zu heiraten habe. Rehhagel: "Herr Legat, wenn Sie sich hier durchsetzen wollen, dann müssen Sie kühlen und klaren Kopf bewahren. Um keine Probleme zu kriegen, müssen Sie sich nur auf Fußball konzentrieren. Das heißt: Sie müssen heiraten!" Legat dachte an einen Scherz. Er war ja schließlich erst 23 Jahre jung und wollte noch gar nicht. Doch Otto und Beate kannten kein Pardon. Und Legat heiratete.

Der Ex-Bochumer hatte noch mehr Geschichten über das Vorzeige-Ehepaar ("Jeder denkt, ich gehe wegen Otto Rehhagel zu Kaiserslautern - aber eigentlich ist es wegen seiner Frau", Wynton Rufer) der Liga zu erzählen. So durfte Beate als einzige Frau in die Umkleidekabine der Werder-Profis. Eines Tages hatte sich Legat gerade gebückt, als Ottos Frau den enthüllten Hintern entdeckte und ihm einen kräftigen Klaps verpasste. "Knackig, knackig", soll sie zu dem Fitness-Freak Legat noch gesagt haben.

Mario Basler genoss eine ganz andere Sonderbehandlung zu Bremer Zeiten. Weil er ein Loch in der Leiste hatte und eigentlich operiert werden musste, ordnete Rehhagel spontan für ihn an: "Sie trainieren ab sofort nur freitags. Samstags spielen sie. Den Rest der Woche haben sie frei." Praktischer Nebeneffekt dieser speziellen Extrawurst für Basler: Jeder im Team wusste ab sofort immer genau, wann Freitag ist - und das ohne in den Kalender schauen zu müssen.

"Er sah aus wie der Präsident selbst"

Klaus Allofs erinnert sich noch gerne an seine Bremer Zeit unter Trainer Rehhagel zurück: "Der hat immer zu den Spielern gesagt: Jungs, wenn ihr Tabellenführer seid, gibt’s nur eins: rauf aufs Sofa, Bier auf, Fernseher an, ARD-Videotext Tafel 253, die Tabelle angucken und den ganzen Abend anlassen - und dann nur noch genießen." Die Werder-Fans ließen ihren Coach nach 14 erfolgreichen Jahren nur ungern nach München zu den Bayern ziehen. Sie schrieben traurige Verse an ihren scheidenden Trainer: "Otto bleib in Deinem Revier / die Lederhose passt nicht zu Dir! / Wie konntest Du Dich nur verkaufen / und zu den Bayern überlaufen / in Bremen warst Du Dein eigener Herr / in München bist Du das nicht mehr."

Ein besonderes Verhältnis pflegte Rehhagel zu Journalisten. Legendär die Pressekonferenz, auf der der gelernte Maler Rehhagel angesäuert sagte, er würde nur noch auf Fachfragen antworten und ein Zeitungsredakteur geistesgegenwärtig fragte: "Herr Rehhagel, mit welcher Farbe muss ich zu Hause bei mir die Wände streichen?"

Als er am Ende der Saison 2011/2012 noch einmal bei der Berliner Hertha als Trainer aushalf, schrieb "Der Spiegel": "Vor seinem ersten Spiel, kürzlich in Augsburg, tippelte er mit schwarzer Aktentasche und halb geschlossenen Augen durch die Katakomben, er fand anfangs die Kabine der Hertha nicht. Er strich den Ballkindern über den Kopf, wie das Opis mit ihren Enkeln machen. Dabei sah er nicht aus wie jemand, der kommende Woche den Bundespräsidenten wählen darf. Er sah aus wie der Präsident selbst." Oder wie ein alternder Monarch. König Otto wird heute 80 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, alles Gute und ein dreifaches "Glück auf" dem Essener Jung!

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Quelle: n-tv.de