Fußball

Werner keilt gegen Rangnick RB Leipzig nach Blamage schockgefrostet

25e80fb1ad222ddf9e78107ad6d24cf4.jpg

"Kein Wunder, wenn man die halbe Mannschaft austauscht": Timo Werner.

(Foto: dpa)

Nach dem enttäuschenden Aus in der Fußball-Europaliga brechen bei RB Leipzig zugeschüttet geglaubte Gräben innerhalb des Teams auf. Trainer Ralf Rangnick findet in einer verkorksten Europapokal-Runde weder das rechte Rotationsmaß, noch einen klaren Kommunikationskurs.

Wer erleben wollte, was Tristesse bedeutet, musste am späten Donnerstagabend im Leipziger Stadion gewesen sein. Als das blamable Ausscheiden der Rasenballsportler aus der Fußball-Europaliga nach dem 1:1 (0:0) gegen das international bestenfalls zweitklassige Rosenborg Trondheim feststand, hallten Pfiffe und "Pfui"-Rufe von den Rängen. Untypisch für die erfolgsverwöhnten Leipziger. Die Mannschaft setzte halbherzig zu einer Ehrenrunde an, brach dann aber ab und trottete in die Kabine. Die paar Hundert verbliebenen, der gerade einmal knapp 17.000 Zuschauer, die zu diesem entscheidenden Gruppenspiel gekommen waren, feierten ironisch: "Europa war schön, Zeit für uns zu geh’n".

419b577970d8e3ba1a127320fb71730b.jpg

Kann sich jetzt auf die Bundesliga konzentrieren: Ralf Rangnick.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Die Spieler reagierten gefrustet auf die Blamage. Einige wie Kevin Kampl zogen sich die Mützen ganz tief ins Gesicht, mogelten sich an der Mixed Zone vorbei und eilten direkt zu ihren Autos ohne noch wie gewohnt im VIP-Raum etwas zu essen. Bei anderen wie Timo Werner und Marcel Sabitzer brach sich die Enttäuschung auch verbal Bahn. Wie die TV-Kollegen von RTL Nitro versicherten, blaffte Werner im Kabinengang im Vorbeigehen: "Kein Wunder, wenn man die halbe Mannschaft austauscht."

Eine Kritik an der Rotationstaktik von Trainer Ralf Rangnick, der zwar stets betonte, auch in der Europaliga seine bestmögliche, frischeste Elf aufzustellen, dann aber Konrad Laimer, Bruma, Cunha und Augustin die meisten Einsatzminuten gab und Werner & Co. für die Bundesliga schonte. Rangnick kündigte an, Werner an diesem Freitag mit der Aussage zu konfrontieren. Und Sabitzer ätzte, angesprochen auf die Leistung von Spielern wie Augustin: "Jeder weiß, was er gezeigt hat. Wenn er meint das reicht, dann bitteschön. Aber es reicht nicht." Klingt nach Gräben im Team, die nach dem Weckruf gegen Salzburg im ersten Gruppenspiel (2:3) zugeschüttet schienen. Doch die internationale Saison endete für RB trotz des hohen Aufwands von zwölf Partien inklusive Qualifikation so verkorkst wie sie begonnen hatte.

"Extrem bitter"

Dabei hatte Red-Bull-Schwesterklub FC Salzburg 1500 Kilometer entfernt im Glasgower Celtic-Park über 90 Minuten alles dafür getan, dass Leipzig weiterkommt. Mit einer bravourösen Leistung bezwang das Team des Leipzigers Marco Rose Celtic mit 2:1. Es war die dringend nötige Hilfe für RBL, das seinerseits "nur" noch gegen Trondheim gewinnen musste. Doch nach fahrigem und verkrampften Beginn, als der zur Halbzeit ausgewechselte Jean-Kévin Augustin in der zweiten, achten und 30. Minute drei Großchancen leichtfertig ausließ, wurde Rasenballsport auch nach dem Führungstor von Matheus Cunha (47.) nicht abgeklärter, der eingewechselte Yussuf Poulsen (63., 79.) vergab weitere Hochkaräter.

imago37918453h.jpg

Lässt Tore sprechen: Rosenborgs Reginiussen.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Zu allem Überfluss war RB auch nicht in der Lage, die Null zu halten, als Trondheims Linksverteidiger Birger Meling Stefan Ilsanker und Kollegen im Strafraum umkurvte wie Slalomstangen und im Zentrum seinen Kollegen mit dem passenden Vornamen Tore Reginiussen fand, der zum bis dahin nicht für möglich gehaltenen 1:1 traf (86.), dass das ohnehin unterkühlte, nur zu einem guten Drittel gefüllte Stadion schockfrostete.

Rangnick saß hernach fassungslos bei der Pressekonferenz. "Die Enttäuschung ist riesengroß. Man kann noch gar nicht richtig glauben, dass das Spiel 1:1 ausgegangen ist. Es fühlt sich fast schon surreal an, extrem bitter", sagte er und wähnte sich im falschen Film. Ohne Zweifel ebenso ein Tiefpunkt in seiner langer Trainerkarriere wie in Leipzigs kurzer Klubgeschichte. Seine Spieler mochte er bis auf Augustin, dem er kein gutes Spiel und fehlendes Zutrauen attestierte, nicht kritisieren. "Ich bin nicht bereit, emotionale Aussagen zu tätigen. Wir waren nicht dumm, wir haben es richtig gut gemacht, wir haben das Spiel über weite Strecken dominiert", argumentierte Rangnick. "Es hätte nur einen einzigen Sieger geben dürfen und das waren wir. Natürlich hätten wir den Sack zumachen müssen. Aber wir wollten weiterkommen, das hat man heute gesehen."

Das rechte Rotationsmaß fehlt

Dass der Fußballlehrer betonen musste, dass das Team auch tatsächlich weiterkommen wollte, sagt schon einiges über den Stellenwert des Wettbewerbs bei RB aus. Begonnen hatte Rangnick die Saison mit dem Credo, in allen drei Wettbewerben nicht nur mitspielen, sondern vorn dabei sein zu wollen, was er trotz kleinen Kaders mit einer Extrem-Rotation von bis zu sieben, acht neuen Spielern im Bundesliga-Europapokal-Wechsel schaffen wollte. Doch in Glasgow verzockte sich Rangnick, als RB frühzeitig in die nächste Runde hätte einziehen können, er aber im atmosphärischen Celtic-Park freiwillig auf die Mittelfeld-Strategen Kevin Kampl und Diego Demme verzichtete, ohne die das RB-Spiel in dieser Saison kopflos ist.

Zudem ließ er nach dem 0:1 in Salzburg vor 14 Tagen einen klaren Kommunikationskurs beim Umgang mit der Europaliga vermissen. Plötzlich sagte Rangnick, dass die Bundesliga und die Qualifikation für die Champions League "mit Verlaub" absolute Priorität habe, um dann vor dem "Endspiel" gegen Trondheim zu betonen, dass er niemals davon gesprochen hätte, die Bundesliga habe Vorrang. Dieser externe und wohl auch interne Schlingerkurs, bei dem RB nie einen emotionalen Zugang zum Europapokal fand, passte zu den unrunden Auftritten der Mannschaft.

Von verfehlter Rotationstaktik wollte Rangnick trotz des Ausscheidens nichts wissen. "Wenn wir in den letzten Wochen und Monaten nicht so rotiert hätten, wären wir vielleicht schon vor diesem Spiel weitergekommen", räumte der Trainer und Sportdirektor immerhin ein. "Aber ich bin hundertprozentig sicher, dass wir dann jetzt in der Liga keine 25 Punkte hätten, sondern 15 oder 16. Ob uns damit gedient wäre, weiß ich nicht." Natürlich hat Rangnick Recht, wenn er darauf anspielt, dass allein die Qualifikation für die Königsklasse dem Klub mehr als 15 Millionen Euro bringen würde. Doch das rechte Rotationsmaß, um auch in dieser Saison weiter auf drei Hochzeiten zu tanzen, und die nötige Einstellung, um die Europaliga seriös zu bestreiten, fanden Rangnick und seine Mannschaft nicht.

"Dann hat man es auch nicht verdient"

Die selbstkritischsten Worte fand Mittelfeldspieler Laimer. Mit Blick auf die Gruppenphase habe dem Team "in manchen Situationen die Kaltschnäuzigkeit" gefehlt. Auch die Einstellung kritisierte der Österreicher, "dass wir unbedingt gewinnen wollen, auch die hundertprozentige Bereitschaft, dass wir die Null halten, dass jeder einzelne Spieler um jeden Zentimeter kämpft und für jeden anderen läuft" habe gefehlt. Mit gesenktem Kopf sprach der 21-jährige Ex-Salzburger eine Wahrheit aus: "Wenn man 1:1 gegen Trondheim spielt, hat man es auch nicht verdient weiterzukommen, auch wenn man die klar bessere Mannschaft war."

imago37920893h.jpg

Enttäuscht: Willi Orban und Kollegen.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Dabei hätte das nicht nur wertvolle Punkte für die Bundesliga in der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa gebracht, sondern auch wertvolle Erfahrungen gegen möglicherweise große Gegner. Weitere Runden wären "auch eine Chancen gewesen", befand Willi Orban. "Wenn wir nächstes Jahr vielleicht in die Champions League kommen, hätten uns ein paar K.-o.-Spiele gutgetan, in denen wir hätten reifer werden können." Nun, sagte der Kapitän, müsse man es "positiv sehen - auch wenn es doof klingt - dass wir uns nur auf die Bundesliga konzentrieren können".

In der Tat sind die Leipziger gehalten, schnell die Scherben zusammenkehren, denn am Sonntag (ab 15.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) kommt mit dem FSV Mainz 05 ein unangenehmer Gegner nach Leipzig, gegen den RB nach der Niederlage gegen Freiburg und der gefühlten Pleite gegen Trondheim nachweisen muss, dass es berechtigterweise Champions-League-Ambitionen hat. Am Donnerstag jedenfalls ließen Team und Anhänger - zumindest jene, die zu Hause geblieben waren - Europapokal-Format vermissen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen