Fußball

Königsblau-Blogger zu Tönnies "Schalke 04 hat seine Werte verraten"

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Clemens Tönnies nimmt sich nach seinen rassistischen Worten lediglich eine dreimonatige Auszeit - die Fans des FC Schalke 04 bringt das auf die Palme.

(Foto: imago images / DeFodi)

Hassan Talib Haji, Schalke-Experte für "Spiegel Online" und Amazon-Bundesliga, geht im Interview mit n-tv.de nach der Nicht-Entscheidung des Ehrenrats hart ins Gericht mit Clemens Tönnies und dem Verein. Für ihn sind Tönnies' Worte klar rassistisch und ein gefährlicher Präzedenzfall. Er glaubt, dass es in der kommenden Saison zu Fan-Protesten kommen und dass der "Verein darunter noch lange leiden wird".

n-tv.de: Herr Talib Haji, Clemens Tönnies, der Aufsichtsratsvorsitzende von Schalke 04, hat sich nach seiner rassistischen Aussage selbst eine Pause von drei Monaten verordnet, der Ehrenrat zog ihn nicht zur Rechenschaft: Wie reagieren die Fans auf die Entscheidung?

Hassan Talib Haji: Viele Fans des S04 zeigen sich tief enttäuscht von der Entscheidung des Ehrenrats. Einige wollen ihre Mitgliedschaft kündigen und aus dem Verein austreten und haben mir das bereits mitgeteilt. Der erste Fanclub hat angekündigt, sich sogar aufzulösen. Auch wurde in den sozialen Netzwerken verbreitet, dass sich der Schalker Fanclub-Dachverband auf Geheiß von Schalke 04 nicht zum "Fall Tönnies" äußern darf.

Was denken Sie, wird noch geschehen aus Sicht der Fans?

Das Ende der Fahnenstange ist meiner Ansicht nach noch nicht erreicht. Ich glaube, da wird ab Saisonstart noch eine Menge auf den Klub zukommen, wenn erst die Ultras Gelsenkirchen wieder präsent sind – zumindest glaube ich das. Wie sie mit dem Fall umgehen, ist aber noch nicht bekannt. Die Schalker Fan-Initiative kündigte aber bereits Proteste an. Für mich persönlich wirkt diese Entscheidung wie ein fauler Kompromiss, um Clemens Tönnies weiter im Amt zu halten. Es wirkt leider auch so, als hätte sich Herr Tönnies selbst sanktioniert. Das wirft ein extrem schlechtes Bild auf den Ehrenrat, der wie eine Marionette von Herrn Tönnies aussieht. Schalke 04 als Verein wird darunter womöglich noch lange zu leiden haben.

Was bedeutet die Entscheidung für die Rassismusprobleme im deutschen Fußball, wenn Tönnies' Aussagen als nicht-rassistisch angesehen werden?

Es ist für mich unverständlich, wie der Ehrenrat zu dem Schluss kommen kann, dass die Worte von Clemens Tönnies nicht als rassistisch einzustufen sind. Das ist mir unbegreiflich, denn was er sagte, war meiner Meinung nach klarer Rassismus. Das öffnet nun Tür und Tor, sich rassistisch in vergleichbarer Form zu äußern - kein Mitglied des S04 müsste mit einer harten Strafe rechnen. Hier wurde ein Präzedenzfall geschaffen. Denn, so heißt es nun gemäß des Schalker Ehrenrats, wäre es ja lediglich Diskriminierung. Was übrigens auch nicht in unsere offene Weltkultur passt. Diese Entscheidung bestärkt aber die Menschen, die dieses Gedankengut in sich tragen. Es macht sie stärker, es legitimiert sie.

Können ähnliche rassistische Verunglimpfungen in den Fankurven Deutschlands nun überhaupt noch glaubhaft und mit aller Härte verfolgt werden?

Das liegt an den jeweiligen Klubs und deren Maßstab in Sachen Rassismus und Diskriminierung. Man kann das ja aus PR-Zwecken immer gerne plakativ äußern - das bringt Applaus und positives Feedback. Der FC Schalke 04 hat stets bekräftigt, dass man Rassismus klar bekämpft, aber man macht bei seinem Aufsichtsratsvorsitzenden nicht ernst. Es ist beschämend. Also war für mich alles das, was der Klub proklamierte, seine Haltung, die er versprach, nur bloßes PR-Blabla. Es ist Faselei geworden.

In der Schalker Erklärung steht der letzte Satz: "Die Werte des Vereins sind sein höchstes Gut, sie stehen über allem und allen."

Das ist meiner Meinung nach kompletter Hohn und ich nehme das in keiner Weise mehr ernst. Der S04 hat seine Werte verraten. Das ist meiner Meinung nach einfach Fakt. Und das ist ein massiver Schaden für den ganzen Verein. Vielleicht ist den Verantwortlichen in den Gremien noch gar nicht bewusst geworden, was sie da überhaupt angerichtet haben. Schalke 04 ist jetzt bekannt als der Verein, bei dem Rassismus nicht zu ernsthaften Konsequenzen führt. Dieses Signal an die Öffentlichkeit ist verheerend.

Können von Tönnies' Aussagen Betroffene seine Entschuldigung jetzt noch ernst nehmen oder annehmen?

Clemens Tönnies kann sich nicht selbst entschuldigen. Man kann nur um Entschuldigung bitten. Und bis zum heutigen Tage hat er die Menschen, die er beleidigte, nicht um Entschuldigung gebeten. Also erhält er auch keine Lossprechung.

Mit Hassan Talib Haji sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de