Fußball

Fußball-Zeitreise, 9. 3. 1975 So bizarr scheiterte Marinhos Wechsel zu S04

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Der Brasilianer Marinho ist der Mädchenschwarm der Fußball-WM 1974. Dann soll er zum FC Schalke 04 wechseln - doch dabei geht alles schief. 13 Jahre später landet er schließlich doch noch in Deutschland. Bei einem Verein, den heute niemand mehr kennt.

Es gibt da dieses Foto: Marinho steht im Hochsommer vor einer Waldkulisse, nestelt verlegen an seiner Bommelmütze (!) und ist umgeben von lächelnden, jungen Damen. Über dem Foto prangt in dicken Lettern: "Der blonde Marinho will Popsänger werden." Und als Bildunterschrift: "Wo der blonde Marinho ist, da sind auch viele hübsche Mädchen. Nach Schallplattenerfolgen und einem Abstecher in die Filmwelt möchte der brasilianische Star jetzt mit dem Fußball Schluss machen." Von wann das Foto genau ist, ist nicht mehr eindeutig festzustellen. Es muss aber rund um das Jahr 1978 entstanden sein. Und in der Tat soll Marinho, der damals mit Franz Beckenbauer bei Cosmos New York spielte, in diesen Tagen sogar ein Angebot von Elton John erhalten haben. Er sollte den britischen Songwriter auf seiner US-Tour begleiten. Doch das Leben hatte etwas anderes mit dem brasilianischen Sonnyboy vor. Und seine Karriere auf dem Platz war noch lange nicht vorbei.

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Prägend vor allem wegen seines Aussehens: Marinho.

(Foto: imago sportfotodienst)

Wie bei jedem großen Turnier gibt es mindestens einen Fußballstar, der die Herzen der Frauen höher schlagen lässt. Bei der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland war diese Rolle für den Brasilianer Marinho vorgesehen. In seiner Heimat nannte man ihn die "Hexe", wegen seiner blonden, eigenwillig durcheinander gewirbelten Haarpracht. Marinho ragte so sehr aus der Masse heraus, dass ihm die "Bild"-Zeitung eine Titelgeschichte widmete. Überschrift: "Mütter, holt eure Töchter von der Straße, der blonde Teufel ist in der Stadt." Und das Magazin mit den blanken Brüsten auf dem Cover, die "Neue Revue", schrieb vom "großen Blonden mit dem harten Bums".

Auf dem Platz jedoch war Marinho eher etwas durchschnittlicher veranlagt. In der Nach-Pelé-Ära bestritt er zwar alle sieben Spiele der brasilianischen Nationalelf bei dieser WM, doch hätte er sich nicht optisch so deutlich von seinen Kameraden abgesetzt, er wäre nicht groß aufgefallen. Sein Aussehen und sein einnehmendes Wesen jedoch begeisterte die Deutschen in diesen Weltmeisterschaftswochen sehr. Und so kam es einige Monate später dazu, dass der FC Schalke 04 Marinho an einem Samstag Anfang März zu einem Heimspiel gegen den FC Bayern München einlud und die Fans tatsächlich per Stimmzettel befragte, ob sie sich einen Wechsel des brasilianischen Nationalspielers nach Gelsenkirchen vorstellen könnten. Eine ohnehin schon irre Aktion, die in ihrem Verlauf noch deutlich getoppt werden sollte.

Fans dürfen per Stimmzettel über Wechsel entscheiden

Marinho nahm vor der Partie einen "Otto" der "Bravo" entgegen und winkte braungebrannt mit einem Lächeln ins Publikum. 70.300 Schalker hatten im Laufe dieses Tages die Möglichkeit einen Stimmzettel in eine der aufgestellten Urnen zu werfen. Nach dem 2:2 gegen die Bayern wurden die Behälter mit den Zetteln in die Geschäftsstelle gefahren. Jedenfalls war das der Plan. Was dann allerdings schief gegangen ist, weiß man bis heute immer noch nicht so genau. Eine Theorie: Die Urnen wurden von der Müllabfuhr aus Versehen direkt auf die Kippe gebracht. Eine andere Theorie erzählt davon, dass eine Gruppe von Gegnern des teuren Transfers (über eine Millionen Deutsche Mark sollte der Brasilianer kosten) die Behälter habe verschwinden lassen, um den Wechsel zu verhindern.

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Wie dem auch sei: Am Nachmittag des 9. März 1975 verkündete Schalkes Präsident Oskar Siebert, dass der Transfer ohnehin am Veto des Verwaltungsrates gescheitert sei. Marinho würde also nicht in Königsblau auflaufen können. Siebert konnte seine Enttäuschung kaum verbergen, als er in poetischen Worten meinte: "Diesmal bin ich am Mond hängen geblieben." Für Marinho selbst war die Entscheidung aber wahrscheinlich nicht die schlechteste, wie ein deutscher Freund, der damals 200 Fan-Briefe pro Monat aus Europa für den Brasilianer übersetzte und beantwortete, erklärte: "Francisco sollte in Brasilien bleiben, denn in Europa würde er es vor lauter Heimweh keine vier Monate aushalten." Knapp 13 Jahre später kam Marinho dann doch noch nach Deutschland, um Fußball zu spielen - und zwar für den B.C. Harlekin 1985.

Marinho zieht's zum B.C. Harlekin 1985

Lange bevor es RB Leipzig aus den Niederungen bis in die Bundesliga schaffte, gab es in Augsburg eine Geschichte, die ähnlich spektakulär begann, allerdings ebenso schnell auch wieder beendet war. Der ehemalige Elektromechaniker Peter Eiba hatte sich als "schwerreicher Besitzer einer Kette von Spielhallen" ("Der Spiegel") die Schnapsidee in den Kopf gesetzt, einen Fußballklub von ganz unten bis ganz nach oben zu führen. Ohne lange zu fackeln, meldete Eiba den eingetragenen Augsburger Verein Forest Haunstetten um und benannte ihn nach dem Namen seines Unternehmens: B.C. Harlekin 1985.

Der Unternehmer holte den ehemaligen Profi Gerd Zimmermann als Spielertrainer an seine Seite, übergab ihm das neue Vereinslokal "Ins Harlekin" und hatte bereits Pläne in der Tasche, die es ihm ermöglichen sollten, Ex-Stars in die unterste Liga, die C-Klasse, zu locken. Eiba wollte den zukünftigen Spielern eine Harlekin-Fußball-Boutique und eine Harlekin-Agentur zur Vermittlung von Amateurfußballern eröffnen. Sein Traum: "Ich will eine allgemeine Harlekin-Sportbewegung ins Leben rufen. Der Harlekin soll hier in Augsburg zum Symbol werden wie in Köln der Geißbock." Doch das Augsburger Publikum beobachtete Eiba eher argwöhnisch und so blieben die erhofften großen Erfolge aus. Auch der spektakuläre Wechsel eines gewissen Francisco das Chagas Marinho, kurz Marinho genannt, änderte nichts mehr an der sportlichen Perspektivlosigkeit des B.C. Harlekin.

Für Marinho sollte es die letzte Station im bezahlten Fußball sein. Kurz vor der WM 2014 im eigenen Land verstarb dieser außergewöhnliche Sonnyboy und Lebemensch, der vielen Deutschen seit dem Sommer 1974 nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist.

Quelle: n-tv.de

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