Fußball

Spiegelt Italiens Fußball-SturzTrümmer statt Tempel: Der fragwürdige Verkauf des San Siro

19.04.2026, 05:40 Uhr A. Affaticati 1Von Andrea Affaticati, Mailand
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Für Fußball-Fans auf der ganzen Welt ist das San Siro in Mailand ein heiliger Tempel (links daneben übrigens die Pferderennbahn). (Foto: imago sportfotodienst)

Der Mailänder Fußball-Tempel San Siro und die Azzurri trugen einst maßgeblich zum Stolz Italiens bei. Jetzt wird wegen möglicher Mauscheleien beim Verkauf des Stadions ermittelt, während die Nationalmannschaft nach einem Retter in der Not sucht.

Das Fußballstadion Giuseppe Meazza, zumeist nur San Siro genannt, ist wie der Duomo und das Castello Sforzesco ein Wahrzeichen Mailands. Für die Fans der städtischen Klubs AC Milan und Inter, die sich das Stadium teilen, ist es der Tempel des Fußballs. Wobei das "Ist" bald zum "War" wird, zum Leidwesen vieler Rossoneri und Nerazzurri.

Denn das ikonische Stadion soll abgerissen werden. Trümmer statt Tempel. Das taugt wiederum als Metapher für den Status Quo des italienischen Fußballs. Zum dritten Mal in Serie hat es die stolze Squadra Azzurra nicht geschafft, sich für die WM zu qualifizieren. Ein Herzschmerz, über den Italien seit dem Playoff-Drama in Bosnien längst noch nicht hinweg ist.

Seit Donnerstagabend ist zudem kein italienischer Klub mehr in einem der Europapokal-Wettbewerbe vertreten - keiner hat es ins Halbfinale geschafft, zum ersten Mal seit sieben Jahren. Bologna scheiterte in der Europa League, AC Florenz in der Conference League.

"San Siro ist ein Brontosaurus"

Was das Mailänder Stadion betrifft, klagten Milan und Inter schon länger, dass es nicht mehr den Ansprüchen eines modernen Fußballspiels und Fußballgenuss genügt. Es müsse unbedingt ein neues her. Die Anrainer des Viertels waren von Anfang an dagegen. Sie sagen: Die zwei Klubs müssen San Siro mit ihren Geldern sanieren und modernisieren, die Gemeinde zugleich aber weiter Besitzerin des Gebäudes bleiben. Sogar das Mailänder Verwaltungsgericht ist eingeschaltet.

"Dabei geht es um mehrere Einsprüche", erläutert die Anwältin Veronica Dini im Gespräch mit ntv.de. Sie vertritt einen der Anrainerverbände. "In einem wird bestritten, dass ein neues Stadion dem öffentlichen Interesse entspricht. In einem anderen, dass es das Viertel wirtschaftlich aufwerten würde. Und in einem weiteren, dass alle Vorschriften beachtet werden."

Der Mailänder Tommaso Pellizzari gehört dagegen zu denen, die ein neues Zuhause für den Mailänder Fußball befürworten. "Obwohl ich in diesem Stadion praktisch aufgewachsen bin, ist San Siro heute ein Brontosaurus, der weg muss." Pellizzari weiß, wovon er spricht. Er ist nicht nur ein eingefleischter Tifoso des FC Internazionale. Als Journalist hat er für die Tageszeitung "Corriere della Sera" über die WM in Brasilien 2014 und die in Russland 2018 berichtet.

Ginge es nach Pellizzari, braucht die Stadt zwei Stadien. "Ich weiß, es hört sich schräg an, aber mich hat es schon immer gestört, dass an manchen Tagen wir Inter-Tifosi auf den Tribünen sitzen und an anderen Tagen die von Milan." Er verweist auf die französischen Klubs Paris Saint-Germain und Paris FC: "Jeder hat sein Stadion und noch dazu fast Seite an Seite."

Der Tempel San Siro ist verkauft - oder doch nicht?

Allen Protesten in und um San Siro zum Trotz hat die Stadt das Stadion zusammen mit der 280.000 Quadratmeter großen Fläche drumherum am 8. November 2025 an die Investmentfonds Oaktree und RedBird verkauft. Sie sind die Inhaber des FC Internazionale respektive der AC Milan. Der Verkaufspreis lag bei 197 Millionen Euro. Die Telenovela um das San Siro geht trotzdem weiter.

Ginge alles nach Plan, wäre als Erstes der Bau des neuen Stadions an der Reihe, und zwar auf dem jetzigen Parkplatz des San Siro. Es soll ein multifunktionales Stadion sein, das sieben Tage die Woche bespielbar ist. Neben dem Fußball soll das San Siro 2.0 auch Konzerte und andere Veranstaltungen beherbergen. Erst danach würde der Abriss des alten Meazza erfolgen. Es könnte aber auch ganz anders kommen. Kurz vor Ostern berichteten Medien von Ermittlungen, in deren Fokus der Verkauf steht. Es bestehe der Verdacht der Veruntreuung und der rechtswidrigen Absprache.

Es ist nämlich so: San Siro wurde 1926 eingeweiht. Mitte der 1950er-Jahre begann der erste Ausbau in Form des zweiten Rings. Zwischen 1987 und 1990 folgte der dritte Ring. Entscheidend ist aber der zweite Ring, der sich wie eine Spirale hinaufwindet. Nur dank diesem bekam das Stadion die Ästhetik, die Fußballfans lieben und Liebhaber der Architektur mindestens schätzen. Das Mailänder Stadion stand für eine zukunftsträchtige, futuristische Stadt, San Siro wurde zum Fußball-Tempel. Und das ist auch der Grund, weswegen 2023 auf regionaler Verwaltungsebene beschlossen wurde, dass der zweite Ring unter die Vorschriften des Denkmalschutzes fällt. Dieser greift 70 Jahre nach dem offiziellen Fertigbau. Für den Verkauf und die Umstrukturierung bedeutet das strengere Regeln.

Das Rätsel um das Datum

Die entscheidende Frage lautet nun: Wann galt der Bau des zweiten Rings als beendet? War es der 29. Juni 1955, als die AC Milan mit 3:2 gegen den Budapester Honvéd FC gewann? Damals hatte man schon einen Teil des zweiten Rings fürs Publikum geöffnet. War es der 4. September 1955, als Dynamo Moskau Milan mit 4:1 verputzte? Oder aber war es erst im Mai 1956, wie der Generaldirektor der Gemeinde Mailand in einer vertraulichen Mail an einen der Klub-Berater schrieb.

Da sich die Gemeinde Mailand unbedingt von dem veralteten Stadion befreien will, beschloss sie eigenmächtig – wie die Bürgerkomitees beklagen –, dass der Denkmalschutz mit dem 11. November 2025 in Kraft getreten ist. Danach ging alles sehr schnell. Anfang März 2025 erhielt die Gemeinde einen Kaufvorschlag seitens der Mailänder Fußballklubs. Am 24. März veröffentlichte die Gemeinde einen Aufruf zur Interessenbekundung, mit Ablauffrist 30. April. Niemand meldete sich. Am 29. September 2025 stimmte die Mehrheit in einer Gemeinderatssitzung dem Verkauf an die zwei Vereine zu. Am 8. November wurde er notariell besiegelt.

Hat da etwa jemand nachgeholfen?

Die laufenden Ermittlungen gehen der Frage nach, ob der Verkauf vorschriftsmäßig erfolgt ist. Oder ob die Klubs der Gemeinde mehr oder weniger diktiert haben, wie die Interessenbekundung formuliert werden sollte, sodass letztendlich nur ihr Kaufangebot infrage käme?

Gegen neun Personen wird ermittelt. Zu diesen zählen der Generaldirektor der Gemeinde Mailand, Christian Malangone; die ehemalige Vize-Bürgermeisterin Ada Lucia De Cesaris, heute Beraterin des FC Inter; Marta Spaini, Beraterin der AC Milan; und Mark Van Huuksloot, ehemaliger Inter-Prokurist.

Der Verkauf ist also noch nicht ganz in trockenen Tüchern. Am 23. Juni wird das Urteil des Verwaltungsgerichts erwartet. Sollten die Richter die Einwände zulassen, könnte der Beschluss der Verkaufsgenehmigung aufgehoben werden, sagt Anwältin Dini. Die Meazza-Telenovela würde in die nächste Staffel gehen.

Genauso wie die der Nationalmannschaft. Ein paar Köpfe sind schon gerollt. Zurückgetreten sind der Chef des italienischen Fußballverbands, Gabriele Gravina, Torwart-Ikone Gianluigi Buffon und Trainer Gennaro Gattuso. Wer künftig die Verantwortung für eine Wiedergeburt des italienischen Fußballs übernimmt, ist noch nicht entschieden. Gegenwärtig ist der 68-jährige Silvio Baldini - eigentlich Trainer der italienischen U21 - Interims-Trainer der A-Nationalmannschaft.

Im Interims-Zustand befindet sich derweil auch das San Siro, das für Italien den gleichen Stellenwert hat wie das Wembley-Stadion für England. Das alte Wembley wurde Anfang des Jahrhunderts abgerissen, der Neubau ist ein Tempel der Moderne. England ist mit Thomas Tuchel bei der WM, einem deutschen Trainer. Die Zeiten ändern sich.

Quelle: ntv.de

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