Fußball

Kulturkampf in den Stadien Ungarns Fußball-Eskalationen sind kein Zufall

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Im Block kämpften Schlagstöcke gegen Fäuste. Auch Fans der polnischen Mannschaft waren im Stadion.

(Foto: imago images/Shutterstock)

Erneut kommt es bei einem Länderspiel zwischen England und Ungarn zu hässlichen Szenen. Im Wembley-Stadion schlagen sich die Auswärtsfans mit der Londoner Polizei. Europa ist gespalten. Einige Staaten haben den Fußball als Bühne für einen Kulturkrieg auserkoren.

Wieder einmal sorgen die ungarischen Fans für hässliche Bilder im europäischen Fußball. Beim WM-Qualifikationsspiel im Londoner Wembley-Stadion vermittelten sie nicht für einen Moment nur den Hauch von Menschlichkeit. Erst pfiffen ungarische Fans, als die englische Nationalmannschaft vor dem Spiel als Zeichen gegen Rassismus kniete. Dann zeigten sie erneut ein Banner gegen den Kniefall, wie bei anderen Spielen auch schon. Nach Anpfiff der Partie kam es dann zu Auseinandersetzungen im Block.

Polizeibeamte hatten den Block betreten, um einen Zuschauer wegen eines rassistischen Vorfalls zu verhaften. Daraufhin kam es zu Unruhe und Auseinandersetzungen. Die Polizei schritt mit Schlagstöcken ein. "Die Ordnung wurde schnell wiederhergestellt, und es gab keine weiteren Zwischenfälle", schrieb die Londoner Polizei in einem Kommuniqué. Nach englischen Medienberichten kam es jedoch immer wieder zu weiteren Versuchen, die Ordnung zu stören. So sollen die Fans versucht haben, nach John Stones' Ausgleich zum 1:1-Endstand, in den Heimbereich durchzudringen. Es gelang ihnen jedoch nicht.

"Ein Schaubild der Bösartigkeit"

"Es klingt, als wäre es nicht akzeptabel, aber ich habe die Details nicht gesehen", sagte Englands Nationalcoach Gareth Southgate nach dem Spiel, während die Nationalspieler auch auf das vor dem Spiel präsentierte Banner gegen den Kniefall eingingen. "Wenn sie dieses Banner gegen das, wofür wir als Team, als Nation stehen, gezeigt haben, dann habe ich nichts Gutes über sie als Fans, als Menschen zu sagen", sagte Torschütze Stones, der erklärte, von den Pfiffen und dem Banner nichts mitbekommen zu haben. Ungarns Nationaltrainer Marco Rossi wollte sich nach der Partie nicht zu den Vorfällen äußern. "Ich will darüber nichts sagen. Es ist nicht meine Aufgabe. Alles, was ich sage, könnte auch anders interpretiert werden", sagte er.

Einige Kommentatoren in den englischen Medien waren weniger schweigsam. "Wir kamen wegen des Fußballs, doch was wir bekamen, war ein 10-minütiger gewalttätiger Culture Clash auf den Rängen den Wembley-Stadions", schrieb der "Guardian". "Es war ein Schaubild der Bösartigkeit, das durch die Fäuste der mitgereisten ungarischen Fans und durch etwas, das zeitweise wie ein einsamer Metropolitan-Polizist aussah, der seinen Schlagstock der liberalen Gerechtigkeit schwang, dargestellt wurde."

Es ist eine dieser Seltsamkeiten, dass Ungarn in England überhaupt noch mit Fans auftreten durfte. Erst nach dem Hinspiel in der WM-Qualifikation wurde der ungarische Fußballverband (MLSZ) von der FIFA zu zwei Geisterspielen und einer Geldstrafe von 185.000 Euro verdonnert. Dabei war die zweite Partie zur Bewährung ausgesetzt. Sie galt für Heimspiele. Sie war ausgesprochen worden, nachdem ungarische Fans die englischen Spieler Raheem Sterling und Jude Bellingham rassistisch beleidigt hatten. Nach England durften die Fans nun reisen und weitermachen. Die aktuelle FIFA-Strafe ist zudem nicht die einzig bestehende Strafe gegen Ungarn. Die UEFA hat den Verband nach ähnlichen Vorfällen im Rahmen der Europameisterschaft zu zwei UEFA-Heimpflichtspielen ohne Zuschauer verurteilt.

Die Pandemie vertieft Gräben

Am Dienstag nun trugen die ungarischen Fans ihre Wut und ihre Gewalt nach England. Wieder einmal nimmt die FIFA Ermittlungen auf und wird eine Strafe aussprechen. Doch an der Situation wird sie wenig ändern können. Greifen die Probleme doch viel tiefer. Schon vor der Pandemie musste Ungarn nach rassistischen Vorfällen bei einem EM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei im Jahr 2019 ein Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen. Doch in Abwesenheit der Fans und inmitten der Pandemie vertieften sich die Gräben.

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Die subtile Choreographie der Legia-Fans.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Weite Teile der osteuropäischen Fanszenen lehnen den aus der "Black Lives Matter"-Bewegung hervorgegangen Kniefall vor den Spielen ab. Das zeigte sich nicht nur beim gestrigen Spiel, sondern ist längst eine Konstante im europäischen Fußball geworden. Es ist kein Zufall, dass diese Ablehnung beim Spiel in der UEFA Europa League zwischen Legia Warschau und Leicester City Ende September ihren bislang verachtenswerten, weil subtilen Höhepunkt fand. Vor dem Spiel enthüllten die Fans der polnischen Mannschaft eine Choreografie mit den Worten "Kneel Before His Majesty" - kniet vor Eurer Majestät. Darüber war ein fiktiver König abgebildet, von dem einige Kenner der Szene behaupteten, es handle sich wahrscheinlich um den von Legia-Fans bereits in der Vergangenheit verehrten Rechtsextremen Janusz Walus, ein 1981 nach Südafrika emigrierter Pole, der für den Mord an einem hochrangigen Mitglied des African National Congress (ANC) eine lebenslange Haftstrafe verbüßt.

Ärger auch in Tschechien

Auch beim Spiel zwischen Sparta Prag und Glasgow Rangers war es Ende September zu einem Vorfall gekommen, nach dem es sogar zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Tschechien und Großbritannien kam. Der tschechische Außenminister Jakub Kulhanek verwahrte sich gegen Berichte, Kinder und Jugendliche hätten den Glasgower Fußball-Profi Glen Kamara bei der Begegnung in Prag von den Tribünen aus rassistisch beleidigt. Kamara war bereits während des Europa-League-Achtelfinalspiels zwischen den Rangers und Slavia Prag im vergangenen März von Gegenspieler Ondrej Kudela rassistisch beleidigt worden.

Im September-Spiel nun hatte er die gelb-rote Karte gesehen, nachdem er zuvor von einigen der 10.000 jugendlichen Sparta-Fans bei jedem Ballkontakt ausgebuht worden war. Zahlreiche Medien berichten von rassistischen Beleidigungen, ntv.de liegt zudem ein Bild vor, das zwei Kinder mit einem "Kudela Team"-Schild zeigt. Zur Erinnerung: Dieser spielt für den Lokalrivalen Slavia Prag. Eine Instrumentalisierung der Jugendlichen, die mit einer Ausnahmegenehmigung ins Stadion gekommen waren, liegt nahe. Das Spiel hätte nach einem Rassismusskandal beim Sparta-Spiel gegen die AS Monaco (0:2) eigentlich hinter verschlossenen Türen stattfinden sollen.

Fußball als Waffe

Der aktuelle Furor der politischen Proteste und Gewaltausbrüche eben jener, die sich gegen jedwede politische Einmischung in den Fußball wehren, ist Zeichen einer tiefen Spaltung der Gesellschaft, die den durch geopolitische Einflussnahme ganzer Staaten in den Klubfußball ohnehin zerrissenen Fußball weiter in Bedrängnis bringt. Es ist keine Neuigkeit: In Europa spielen einige Staaten Kulturkrieg, und sie haben auch den Fußball zu ihrer Plattform auserkoren. Mit der Rückkehr der Fans in die Stadien kehrt auch dieser Krieg zurück. Die 18 Monate der Pandemie lassen die Vorfälle nun noch wuchtiger, noch spaltender erscheinen - auf beiden Seiten.

"Es scheint, dass die UEFA weiterhin Spitzel beschäftigt, die nichts anderes zu tun haben, nur um Berichte darüber zu schreiben, was im Publikum gesagt (oder nicht gesagt) wurde", schrieb Ungarns Außenminister Peter Szijjarto im Juli auf Facebook. Da hatte der europäische Fußballdachverband gerade die Ermittlungen wegen rassistischer und homophober Äußerungen abgeschlossen und die Ungarn zu Geisterspielen verurteilt.

"Es gibt einen Mangel an Orientierung. Einige Menschen sind frustriert über das, was in der Welt vor sich geht", sagt Piarar Powar, der Geschäftsführer des Anti-Rassismus-Bündnisses FARE, im Gespräch mit ntv.de. "Sie lehnen alles ab, wofür die Black-Lives-Matter-Bewegung und "Take A Knee" stehen. Man kann sich der Tatsache nicht entziehen, dass es Regierungen gibt, die einen Kulturkampf führen. Vor allem die Regierungen in Mittelosteuropa stellen liberale Normen infrage", ergänzte Powar.

"Viktor Orban benutzt Fußball als Waffe, um seine persönliche Macht zu demonstrieren, und auch als Sammelbecken für eine aggressive junge männliche Kulturmiliz", erinnerte dann auch der "Guardian" in seinem Kommentar zu den Vorfällen im Wembley-Stadion und war damit auf einer Linie mit Powar und auch mit dem britischen Fußball-Autor James Montague, der die Hooligan-Banden als "eine wichtige Wählerschaft für den Aufstieg populistischer, illiberaler Regierungen, insbesondere in Osteuropa und auf dem Balkan" bezeichnet.

Der englische Fußballverband (FA) will nun die aktuellen Vorfälle untersuchen und der FIFA melden. Die hat Ermittlungen aufgenommen und die Vorfälle aufs Schärfste verurteilt. Der Weltverband wird eine Strafe aussprechen, und beide Seiten werden sie interpretieren. Eine Seite wird sie als zu gering einschätzen und die andere Seite wird von einer unwürdigen Einmischung sprechen. Die politisch geprägte Gewalt wird weitergehen.

Quelle: ntv.de

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