Fußball

Steffen Baumgart im Interview "Uns fehlt die Kaltschnäuzigkeit"

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Steffen Baumgart fordert mehr Leidenschaft von seinen Spielern.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Steffen Baumgart ist neu in der Fußball-Bundesliga. Mit dem SC Paderborn schaffte der Trainer den Durchmarsch von der 3. in die 1. Liga. Dort läuft es aber noch nicht ganz rund, nach vier Spieltagen steht der SC Paderborn auf Platz 17. Am Montagabend war Baumgart zu Gast bei "100% Bundesliga - Fußball bei Nitro". Im Vorfeld beantwortete er n-tv.de einige Fragen und sprach über vergebene Torchancen und die fehlende Liebe mancher Spieler zu ihrem Sport. Die ganze Sendung finden Sie bei TV Now.

Herr Baumgart, Sie sind ein vehementer Verfechter der offensiven Spielidee. Aus den ersten vier Spielen gab es aber bislang nur einen Punkt. Wie lange kann man der üblichen Idee widerstehen, sich als Underdog seine Punkte besonders defensiv erarbeiten zu wollen?

Steffen Baumgart: Dass es nicht einfach wird, sehen wir jetzt gerade. Wir haben nicht das erreicht, was wir uns vorstellen. Grundsätzlich haben wir eine gewisse Ausrichtung, spielen seit zweieinhalb Jahren sehr offensiv und versuchen das in die 1. Liga mit rüberzubringen, sehen aber, dass wir vor neue Aufgaben gestellt werden. Das, was in der 3. und 2. Liga geklappt hat, klappt noch nicht ganz so. Dieses Offensivspiel hat ja nicht nur etwas mit Offensivspiel zu tun, sondern auch etwas mit viel Defensivarbeit und da haben wir noch eine ganze Menge zu lernen und uns zu verbessern.

Was schon ganz gut klappt, sind frühe Tore. Wie stellt man eine Mannschaft so ein, dass sie in jedem Spiel innerhalb der ersten 15 Minuten trifft?

Erstmal freuen wir uns darüber, dass wir die Tore früh machen. Aber eine Stärke von uns war über die letzten zwei Jahre, in der letzten Viertelstunde die Tore zu machen und da müssen wir wieder hinkommen. Ich glaube, da fehlt uns noch einiges. Das ist immer abhängig von den Gegnern und deswegen versuchen wir nicht nur in der Anfangsviertelstunde Tore zu machen, sondern natürlich auch zum Ende nochmal zu kommen. Das ist uns momentan nicht so gut gelungen und da wollen wir schon drauf achten, dass wir gerade zum Ende der Spiele nochmal zulegen können. Und da müssen wir - wie soll ich das sagen - zum einen einen Lernprozess haben, aber wir müssen auch zeigen, dass wir da, wo wir jetzt sind, auch hingehören.

Das ist etwas kurios, zu Beginn der Saison gelang dagegen keines der fünf Saisontore nach der 25. Minute. Kann man das erklären?

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Gegen den FC Schalke 04 setzte es eine deutliche Niederlage.

(Foto: imago images / pmk)

Ich hoffe, dass es ein Zufall ist, weil wir ja in allen Phasen der Spielzeit Torchancen haben. Es ist ja nicht so, dass wir in der Endphase keine Torchancen hatten, selbst gegen Schalke. Aber wir machen die Dinger dann nicht. Wir machen den ersten und zweiten relativ früh rein und dann haben wir sehr viele Chancen schon erarbeitet, wo uns vielleicht die Kaltschnäuzigkeit oder die Ruhe fehlt. Gerade was die erste Liga angeht, was die Geschwindigkeit angeht, da sind viele Faktoren, die zu den anderen Ligen einen Unterschied machen. Da müssen wir einfach dranbleiben. Wir erarbeiten uns viele Torchancen, aber machen dann zu wenig rein. Aber wir kriegen auch zu viele Tore.

Nach der deutlichen Pleite gegen Schalke haben Sie gesagt, dass Sie nun wieder Ordnung reinkriegen müssen. Das Spiel gegen Hertha BSC am Samstag steht vor der Tür. Wie ist denn der Plan, um kurzfristig wieder Ordnung reinzukriegen?

Erstmal ist Fußball ein Tagesgeschäft, das, was passiert ist, haben wir ausgewertet. Am Mittwoch geht es voll auf Hertha drauf. Dann wird sich über Schalke nur noch am Rande unterhalten. Dann gilt es, mit der vollen Konzentration gegen Hertha aufzulaufen. Wir wissen, dass es Hertha genauso schlecht geht wie uns, was die Punkte angeht. Für uns ist dann einfach wichtig, zu unserer Leistung zu finden. Das versuchen wir, ohne eine Garantie abzugeben, das haben wir noch nie gemacht. Aber wir werden auch in Berlin versuchen, offensiv zu spielen und müssen die Dinge, die nicht gut geklappt haben, einfach verbessern. Ich glaube, da haben wir jede Woche hart zu arbeiten und müssen vorwärtskommen.

Im ZDF-Sportstudio haben Sie gerade erst davon gesprochen, dass Ihnen bei manchen Spielern die Liebe zum Sport fehlt. Woran machen Sie das fest?

Das ist schwer zu erklären. Was ich damit gemeint habe, ist, dass die Jungs von klein an diesen Job machen. Oder erstmal dieses Spiel lieben und dann irgendwann die Möglichkeit haben, das als Job zu machen. Und da habe ich manchmal das Gefühl, dass sie das - wie soll ich sagen - hinnehmen. So nach dem Motto: Ich habe es jetzt geschafft und das reicht. Aber dazu gehört viel, dahin zu kommen, die wenigsten werden Fußballprofi. Da habe ich das Gefühl, dass viel zu viele Spieler sehr leichtfertig mit ihrem Talent umgehen. Wenn du das nicht mehr mit der sogenannten Liebe machst, dann bist du nicht mehr so gut und das ist entscheidend: Dass du vieles mit Leidenschaft machst und wenn du das machst, dann wirst du auch gut sein und gut bleiben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass bei dem einen oder anderen - nicht bei allen - diese Leidenschaft, diese Liebe zu dem Sport abhandenkommt. Vielleicht aus dem Grund, dass es dann zu selbstverständlich ist und es dann ein Alltag geworden ist. Deswegen wirst du dann nicht mehr diese 100-prozentige Leistung bringen.

Mit Steffen Baumgart sprachen Lisa Höfer und Till Erdenberger

Quelle: n-tv.de

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