Fußball

Scham und Schande am Bosporus Vogts feiert, Hiddink ratlos

Die Türkei schämt sich in Grund und Boden, nach dem 0:1 im Fußball- Entwicklungsland Aserbaidschan scheint der EM-Zug für Guus Hiddink und Co. abgefahren. Die Zukunft des Trainers ist fraglich. Berti Vogts bejubelte dagegen den größten Erfolg seiner Amtszeit.

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Es läuft nicht rund: Guus Hiddink.

(Foto: REUTERS)

Entsetzen am Bosporusi, Feiertagstimmung bei Berti Vogts in Aserbaidschan: Nach der historischen Schmach von Baku geht in der Türkei bereits die Angst vor dem nächsten verpassten Großturnier um. Schwer angezählt von der erbarmungslosen türkischen Presse, muss Trainer Guus Hiddink sogar mit der Entlassung rechnen.

Vogts kommentierte den größten Erfolg der Verbandsgeschichte Aserbaidschans dagegen mit pathetischen Worten: "Der Sieg hat eine große Bedeutung", sagte der frühere Bundestrainer. "Ich weiß, welche Qualität die türkischen Spieler haben." Seine Akteure, von denen nur zwei so etwas wie internationale Erfahrung aufweisen können, lobte er in höchsten Tönen: "Sie haben mit ihren Herzen gespielt."

"Niederlage kann ich nicht akzeptieren"

So sehr Vogts den größten Erfolg seiner Amtszeit am Kaspischen Meer und die direkte Amtshilfe für Gruppenfavorit Deutschland genoss, so ratlos war sein routinierter Kollege Hiddink. "Diese Niederlage kann ich nicht akzeptieren", sagte der Niederländer, der gegenüber der 0:3-Schlappe gegen Deutschland in Baku gleich sieben neue Spieler gebracht hatte - ohne Erfolg. Die Sportzeitung "Fanatik" berichtete, Hiddink wolle die Option auf eine Vertragsverlängerung über 2012 hinaus nicht mehr nutzen.

Mit sechs Zählern aus vier Spielen rangiert die Türkei in der Tabelle der EM-Qualifikationsgruppe A nun schon sechs Punkte hinter dem verlustpunktfreien DFB-Team. Österreich, das in Belgien zu einem Last-Minute-Unentschieden (4:4) kam, hat bei einem Spiel weniger einen Punkt Vorsprung. Im März empfangen Hamit Altintop und Co. in einem wohl vorentscheidenden Match um Platz zwei die Kicker aus der Alpenrepublik.

"Tempo und Kampf? Fehlanzeige!"

Wann die Zeit für einen Rücktritt gekommen sei, "wird die Zukunft zeigen", erklärte Hiddink, wohlwissend, dass der Großauftrag EM-Qualifikation mehr und mehr zu einer "mission impossible" wird. Die Schlappe von Berlin war schmerzhaft, das peinliche 0:1 beim Weltranglisten-102. Aserbaidschan wurde in der türkischen Presse als Offenbarungseid gesehen. "Scham", titelte die Sporttageszeitung "Fotomac" in großen Lettern und verpasste Hiddink und dem Präsidenten des türkischen Fußball-Verbandes, Mahmut Özgener, zumindest per Fotomontage eine Tracht Prügel.

Das Charisma des türkischen Fußballs sei beschädigt, meinte "Fanatik" und klagte: "Wir haben die Tickets für 2012 ins Feuer geworfen." Wie schon bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 droht der Türkei die Zuschauerrolle. Räsad Sadiqov hatte den Türken am Dienstagabend auf dem Platz den K.o.-Schlag verpasst. Mit einem Eckball-Trick düpierten die Hausherren ihre international weitaus erfahreneren Gegner. Erneut wurde ein deutscher Coach zum Alptraum der Türken.

"Tempo und Kampf? "Fehlanzeige!", kommentierte der frühere türkische Fußballspieler Sergen Yalcin. "Wir haben keinen effektiven Fußball gesehen. Selbst bei der historischen 0:8- Niederlage gegen England im Jahr 1987 habe die türkische Mannschaft besser gespielt als in Baku. "Hürriyet" sieht die Hiddink-Truppe in das Entwicklungsstadium der 70er Jahre zurückgeworfen.

Quelle: ntv.de, Carsten Hoffmann, dpa