Fußball

Bolzplatz-Atik betört Magdeburg Von Nagelsmann verschmäht, vereinslos - jetzt Allzeitrekord

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Der Mann der Stunde in der Dritten Liga: Baris Atik.

(Foto: IMAGO/Jan Huebner)

Baris Atik hat verrückte anderthalb Jahre hinter sich - nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit führt er nun als Unterschiedsspieler seinen FC Magdeburg gen 2. Fußball-Bundesliga. Während Julian Nagelsmann einst nicht auf ihn setzte, bricht er jetzt ganz nebenbei einen Liga-Rekord.

Woran Baris Atik bei seinem Sprint über das gesamte Spielfeld dachte, ist nicht übermittelt. Aber der Offensivmann vom 1. FC Magdeburg hat viel Zeit zum Nachdenken, als er in Richtung Allzeitrekord spurtet. In der 71. Minute klärt der Tabellenführer am Samstag gegen ein hochaufgerücktes Viktoria Köln per Bogenlampe. Sirlord Conteh gewinnt am Mittelkreis den Kopfball gegen Kölns letzten Mann, und der mitrasende Atik läuft über die gesamte gegnerische Hälfte allein auf den Torwart zu - und in Richtung Bestmarke. Vielleicht missglückt der erste Versuch des Magdeburgers deshalb, vielleicht spielt er deswegen auch nicht auf den abseitsverdächtigen Nebenmann ab. Was soll's, im Nachschuss erzielt der 27-Jährige das 4:1 und wird zum Rekordscorer der Dritten Liga.

Mit 37 Torbeteiligungen löst Atik den bisherigen Top-Scorer Sven Michel ab, der in der Saison 2017/18 auf 36 Torbeteiligungen in einer Spielzeit kam. 18 Treffer und 19 Vorlagen stehen jetzt auf dem Konto des nicht mal 170 Zentimeter großen Mannes aus der Pfalz. "Er hat sich und die Mannschaft belohnt - das freut mich für ihn", lobt Trainer Christian Titz nach dem Sieg.

Gegen Köln (Endstand 4:2) zieht Atik vor seinem Rekordtor noch mit Michel auf seine unnachahmliche Art und Weise gleich. In der 35. Minute tänzelt der Offensivmann am rechten Strafraumeck, eine flinke Körpertäuschung lässt seinen Kölner Gegenspieler aussteigen. Technisch ist er eigentlich zu gut für die Dritte Liga. Es folgt ein kurzer Sprint mit dem Ball in Richtung Grundlinie und ein genau getimter, harter und präziser Pass in die Mitte, wo Connor Krempicki am Fünfmeterraum nur noch einschieben muss zum 3:0. Ein Tor, ein Assist - das ist Baris Atik, der Mann dieser Saison, in der er mit dem FCM mit großer Wahrscheinlichkeit in die 2. Fußball-Bundesliga aufsteigen wird.

Ein halbes Jahr vereinslos

Der Drittliga-Spitzenreiter hat seine kleine Durststrecke (vier Spiele ohne Sieg) beendet, führt das Tableau mit 66 Punkten vor dem sechs Zähler dahinter liegenden FC Kaiserslautern weiterhin souverän an und steuert unvermindert in Richtung Zweitliga-Aufstieg. Hauptverantwortlich dafür ist der Rekordmann, der im vergangenen Sommer noch Angebote aus der 2. Liga ausschlug und bei Magdeburg verlängerte. In der vorigen Saison spielte der FCM nämlich gegen den Abstieg - bis Atik zur Rückrunde nach Sachsen-Anhalt wechselte und in 15 Spielen sieben Tore schoss und acht Vorlagen gab. "Ich bin hier noch nicht fertig", sagt der Offensivkünstler nach seinem fantastischen ersten halben Jahr. "Das ist eine Herzensangelegenheit für mich."

Atik bringt damals Erfahrung mit: drei Bundesligaspiele für die TSG Hoffenheim, 66 Zweitligaeinsätze im Trikot von Dynamo Dresden, dem 1. FC Kaiserslautern und dem SV Darmstadt 98. Aber seit dem Sommer 2020 ist er vereinslos. Eine schwere Zeit für den ehemaligen türkischen Juniorennationalspieler. Und wohl ein Grund, warum er die Situation bei den Elbstädtern schon in der vergangenen Saison zu schätzen wusste. Nun, Atiks Entscheidung hat sich ausgezahlt.

Nach seiner starken Rückrunde bekommt der 27-Jährige in diesem Jahr von Trainer Titz fast alle Freiheiten. Atik ist der klare Unterschiedsspieler beim FCM. Zwar setzt ihn sein Coach oft im Sturmzentrum ein, doch er fällt gerne ins Mittelfeld zurück, schleicht sich in die Zwischenräume, indem er sich clever vom Gegner löst, oder dribbelt sich am Flügel durch wie bei seinem 19. Assist der Saison.

"Betonsteine waren unsere Tore"

Atik als zentraler Spieler einer Mannschaft - das war auch vor seinem halben Jahr Vereinslosigkeit nicht immer so. Dass er dafür das Talent besitzt, bezweifelten allerdings die wenigsten. Wendig, technisch stark, ein Dribbelkünstler und Instinktfußballer: Atik lernte auf dem Bolzplatz im pfälzischen Frankenthal kicken. "Das war einfach ein Betonplatz mit so einem Viereck", erzählte er mal über seine Anfänge, "da standen zwei Betonsteine drauf: Das waren unsere Tore."

Über Waldhof Mannheim geht es dann zur TSG Hoffenheim, wo ein gewisser Julian Nagelsmann aber nur kurz auf ihn baut. Immerhin verschafft der Trainer Atik zu seinen ersten Bundesligaspielen. Dann aber verleiht er ihn mehrmals, meist schlägt der Offensivkünstler dabei nicht ein. Nagelsmann, dem Atik aber auch heute noch dankbar für die Weiterentwicklung zum Stürmer ist, baut anschließend gar nicht mehr auf den Pfälzer. 2018 folgt der Verkauf nach Dresden, dann die Arbeitslosigkeit.

Auch deshalb ist der Ausnahmespieler wohl darauf bedacht, jetzt, da es läuft, stets seine Mannschaft zu loben und in den Vordergrund zu stellen. "Gemeinsam immer weiter!", steht unter seinem jüngsten Post bei Instagram. "Ich glaube, dass ich aus dieser Zeit sehr viel gelernt habe", sagt Baris Atik über die vereinslose Zeit. "Jetzt bin ich gereift und weiß ganz genau, was ich will." Den Aufstieg in die 2. Liga. Mit Magdeburg.

Ob er dann auch die zweithöchste deutsche Spielklasse zu seinem persönlichen Bolzplatz macht - oder ob gar noch mal die Bundesliga anklopft: Alldem wird der Allzeitrekordler der 3. Liga nun entspannt entgegensehen. Wer tief gefallen ist, weiß die guten Zeiten schließlich zu schätzen.

Quelle: ntv.de

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