Fußball

WM-Countdown (51) Warum in Russland alle Fans krank sind

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Generalprobe: Fan beim Spiel der zweiten russischen Liga im neuen WM-Stadion zwischen dem FC Olimpiets Nischni Nowgorod und der zweiten Mannschaften vom Zenit St. Petersburg.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Wenn in diesen Tagen allmählich klar wird, welche deutschen Vereine aus den Bundesligen absteigen, müssen ihre Fans Leidensfähigkeit beweisen. In Russland ist das anders: Dort leidet, wer den Fußball liebt, das ganze Jahr daran.

Nicht nur Kölner wissen, wie viel Schmerz es bedeuten kann, Fußballfan zu sein. In Kaiserslautern ist man sich dieser Tatsache im Moment genauso bewusst, auch HSV-Fans zeigen gerade mal wieder ihre hohe Leidensfähigkeit. An all diese Fans musste ich denken, als ich die Geschichte von Dmitri Kot las.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Auch Dmitri ist Fußballfan, sein Wohnort Nischni Nowgorod eine der WM-Gastgeberstädte, unter anderem wird dort Schweden gegen Südkorea spielen und England gegen Panama. Insgesamt sind es vier Vorrundenspiele, dazu ein Achtel- und ein Viertelfinalmatch. Dmitri wird sie alle sehen. Er hat investiert, im großen Rahmen.

Als Ende 2010, Anfang 2011 klar wurde, dass Nischni Nowgorod WM-Standort wird, hatte Dmitri gerade fertig studiert und begann zu sparen: "Für Süßigkeiten, Cafés, Weggehen mit Freunden oder Urlaubsreisen habe ich seitdem nichts mehr verschwendet," erzählt er in einem Interview der Komsomolskaja Prawda, als Kameramann habe er ein regelmäßiges, wenn auch nicht allzu hohes Einkommen. Aber - und da musste ich an die Kölner, die Lauterer, die HSV-Fans denken - schließlich sei das russische Wort für Fußballfan nicht umsonst "Bolelschik".

Das muss man kurz erklären. Wer in Deutschland einen Fußballverein liebt, ist dessen Fan,  dem Wortsinn nach also ein Fanatiker. (Die Zeiten, als Übersetzungsprogramme einem Sätze wie "Ich bin ein großer Ventilator von Manchester City" unterjubelten, sind ja inzwischen vorbei.) Wer in Russland einen Fußballklub unterstützt, ist ein Bolelschik, darin steckt das Wort "Bolesn", Krankheit. "Ja boleju sa Spartak" sagt zum Beispiel, wer dem Moskauer Klub anhängt - wörtlich übersetzt: "Ich kranke für Spartak." Wem das jetzt seltsam vorkommt: Ist es nicht auch seltsam, wenn deutsche Fans im Stadion "mitfiebern"?

Zurück zu Dmitri. Er krankt so sehr für den WM-Fußball in seiner Heimatstadt, dass er sich sicherheitshalber um die teuerste Ticket-Klasse beworben hat in der Hoffnung, da weniger Konkurrenz zu haben. Nun besitzt er tatsächlich Eintrittskarten für alle sechs Spiele, 88.000 Rubel hat ihn das gekostet, rund 1200 Euro - in einem Land, wo das Durchschnittseinkommen knapp über 30.000 Rubel liegt. Drei Monatsgehälter also, Pi mal Daumen, investiert in ein paar Stunden Fußball. Auch Dmitri fällt dazu nur eine Erklärung ein: "Fußball, das ist meine Diagnose."

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de

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