Fußball

Panzerschokolade für den Sieg Weltmeister von 1954 gedopt?

Die Helden von Bern zu kritisieren ist in Deutschland ungefähr so beliebt wie die Ankündigung, die Rente mit 87 einzuführen. Nun sprechen Wissenschaftler von Indizien, die darauf hinweisen, dass sich die Fußballweltmeister von 1954 mit dem Methamphetamin Pervitin aufgeputscht haben. Doch Doping im Fußball bleibt ein Tabuthema.

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Hoch soll'n sie leben: Fritz Walter und Trainer Sepp Herberger am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Für die "Bildzeitung" war die Sache schnell klar: "Studie zieht Wunder von Bern in den Schmutz" titelte das Blatt. Und kritisiert: "Wieder Indizien, wieder keine Beweise. Wieder allgemeine Verdächtigungen, wieder keine Namen." Worum es geht? Um die ersten und einzigen echten westdeutschen Nachkriegshelden. Sie sollen Aufputschmittel genommen haben.

Wohl kaum ein Fußballspiel ist so überhöht und mit Bedeutung überfrachtet worden wie der 3:2-Sieg der deutschen Mannschaft am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion gegen den haushohen Favoriten aus Ungarn. "Tor! Tor! Tor!" Radioreporter Herbert Zimmermann schrie es in die Welt hinaus, der Mythos vom Wunder von Bern war geboren und gedieh prächtig. Vom 4. Juli 1954 als wahres Gründungsdatum der Bundesrepublik war und ist die Rede, und davon, dass neben Konrad Adenauer und Ludwig Erhard nun auch Fritz Walter zu den Gründungsvätern der Republik zu zählen ist.

Und nun das: Einige, nicht alle, deutschen Fußballspieler sollen damals vom Masseur der Mannschaft das Aufputschmittel Pervitin bekommen haben. Sagen Wissenschaftler aus Münster und Berlin, die jetzt einen Zwischenbericht zu ihrer Studie über das Doping in Westdeutschland vorgestellt haben. Und "Bild" empört sich: "Der Geist dieser Mannschaft, ihr Zusammenhalt, ihr Wille – all das hat den einmaligen Charakter ausgemacht. Lasst unsere Helden von Bern endlich in Frieden ruhen!"

Was heute Epo ist, war damals Pervitin

Der Historiker Erik Eggers von der Humboldt-Universität in Berlin, der an der Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation" mitarbeitet, formuliert das so: "Die Indizien sprechen dafür, dass in ihren Spitzen kein Vitamin C war. Es könnte Pervitin gewesen sein." Da klingt die gebotene Vorsicht des Historikers durch.

Zumal es in der Studie gar nicht in erster Linie um die Helden von Bern geht, sondern darum, die Dopinggeschichte in der Bundesrepublik Deutschland aufzuarbeiten. Und die fängt eben nicht in den Siebzigerjahren und dem Missbrauch von Anabolika an, sondern bereits 1949. Was heute Epo ist, war damals Pervitin. Das unter dem Spitznamen Panzerschokolade bekannt gewordene Methamphetamin wurde seit 1938 in den Marburger Temmler-Werken hergestellt.

Amphetamindoping in systematischer Form

Was die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg millionenfach ihren Soldaten gaben, auf dass sie beim Kampf um den Endsieg nicht so schnell müde werden sollten, nutzten nach der Kapitulation die Sportler. Ziel des Projektes ist nach Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes umfassende Aufklärung und Systematisierung von Doping in Deutschland der Jahre 1950 bis zur Gegenwart. Das Forschungsprojekt wird vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften mit 450.000 Euro finanziert.

"Ich selbst habe einen Fall erlebt, wo ein Langstreckenläufer unter der Wirkung des Pervitins spielend einfach die Gegner abschüttelte und nachdem er mit weitem Vorsprung den Sieg erzwungen zu haben glaubte, plötzlich erschöpft zusammenbrach. Das Pervitin wirkte in diesem Falle wohl im Sinne eines Dopingmittels", zitiert Eggers aus einer Dissertation aus dem Jahre 1947. Nach dem ersten Jahr des bis 2012 geförderten Forschungsvorhabens zeichnet sich Amphetamindoping in systematischer Form im Radsport, der Leichtathletik, dem Rudern, dem Reiten, dem Bergsteigen ab. Und eben auch im Fußball.

Quelle: ntv.de, sgi

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