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Wütend gegen Waffengewalt Wie Bedoya mutig die Sport-Bühne nutzt

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"Ich bin zwar Sportler, aber zu allererst bin ich Mensch - und das alles betrifft mich": Alejandro Bedoya.

(Foto: imago images / Icon SMI)

Profis mit Profil haben US-Sport Tradition. Muhammad Ali verweigert aus Protest gegen den Vietnamkrieg den Wehrdienst. Unvergessen die Black Power-Geste von Tommie Smith und John Carlos1968. Fußballerin Megan Rapinoe kritisiert Donald Trump. Und nun: Alejandro Bedoya!

Alejandro Bedoya ist seit Jahren Fußballer und viel herumgekommen. Der 32 Jahre alte Profi hat für Klubs in Schweden, Schottland und Frankreich gespielt und 66 Mal das Trikot der US-Nationalmannschaft getragen, unter anderem bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Seit 2016 läuft er für die Philadelphia Union in der Major League Soccer auf und führt den Spitzenreiter der Eastern Conference als Kapitän an. Und dennoch ist es so, dass diesen Alejandro Bedoya außer seiner Familie, seinen Freunden und den Fußballfans niemand kennt. So ist das halt als Soccer-Profi in den USA.

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"Hey, Kongress, tut endlich was. Beendet die Waffengewalt. Let’s go!"

Doch sein Bekanntheitsgrad ist abrupt gestiegen. Am Montag prägte sein Name die Schlagzeilen auf den Sportseiten der Tageszeitungen "New York Times" und "USA Today". Fans und Reporter hatten ihn zum "Spieler der Woche" in der Major League Soccer gewählt. Bedoya hatte bei Philadelphias 5:1-Sieg in Washington nicht nur ein Tor erzielt, sondern verbal nachgelegt. "Hey, Kongress, tut endlich was. Beendet die Waffengewalt. Let’s go", hatte der Mittelfeldmann in eines der vielen Außenmikrofone gebrüllt.

Denn Bedoya ist nach den Massenschießereien von El Paso und Dayton, bei denen 31 Menschen getötet wurden, genauso verärgert, verängstigt und wütend, wie Millionen andere in den USA. Er habe sich mit Freunden nach den Massakern unterhalten. Alle seien sich einig, dass sich etwas ändern müsse. Und alle hätten ihn aufgefordert, seine Bühne, den Profifußball, dafür zu nutzen, um Stellung zu beziehen. Und das tat er. "Ich werde nicht untätig herumsitzen und nur zusehen. Ich bin zwar Sportler, aber zu allererst bin ich Mensch - und das alles betrifft mich", sagte Bedoya und gab einen tiefen Blick in seinen Alltag.

Alltags-Angst im Einkaufs-Zentrum

Er sprach davon, dass er "stets nach möglichen Fluchtwegen" Ausschau halte, wenn er seine Kinder in die Schule bringe. "Und das mache ich auch, wenn ich im Theater, im Einkaufs-Zentrum, im Kino oder beim Straßenfest um die Ecke bin." Es müsse einfach etwas passieren, forderte er. Ihn erschreckt vor allem, wie sehr Massenschießereien in den USA mittlerweile zu einer Art Normalität geworden seien - und wie sehr die Bevölkerung gegenüber solchen Ereignissen "schon fast abgestumpft ist." Bedoyas Botschaft verbreitete sich schnell. Fox Sports 1 hatte das Spiel in Washington live übertragen.

*Datenschutz

Der Fernsehsender gehört der mächtigen Fox Corporation. Dessen konservative Kanäle sind eine häufig frequentierte Quelle von US-Präsident Donald Trump und seiner Basis. Mit Fox hatte es Bedoya vor knapp zwei Jahren schon einmal aufgenommen. Als Moderator Tucker Carlson im Juni 2017 via Twitter fragte, warum Amerika davon profitiere, wenn "Unmengen von Menschen aus strauchelnden Ländern" hierher kämen, antwortete der Sohn kolumbianischer Zuwanderer: "Weil Immigranten, wie meine Eltern kamen und kommen, um eine erfolgreiche Karriere zu haben und Steuern zu zahlen. Einwanderer haben dieses Land aufgebaut."

Rückhalt vom Trainer und von der Liga

Noch bevor Bedoya am Sonntagabend vor die Presse trat und über seine Aktion, Ansichten und Ängste sprechen konnte, stand - so ist das in der MLS üblich - der Trainer den Journalisten zur Verfügung. Philadelphias Jim Curtin musste in seinem Leben wohl noch nie über Massenschießereien reden. Doch diesmal äußerte er sich ausführlich und sprach seinem Kapitän seinen Rückhalt aus. "250 Massenschießereien in diesem Jahr - das ist abscheulich. Es müssen in diesem Land auf jeden Fall Veränderungen her. Und ich unterstütze jeden, der seine Meinung äußert, intelligent und informiert ist. Und Alejandro ist das auf jeden Fall", betonte Curtin. Er rechne zwar damit, so der Trainer, dass "jetzt viele kommen und Alejandro und mir sagen, dass wir unsere Klappen halten und uns um unseren Sport kümmern sollen." Doch davon wollen sich beide nicht abschrecken lassen. "Denn es ist einfach Wahnsinn, was in unserem Land passiert", sagt Curtin mit besorgter Miene.

*Datenschutz

Als sich am Montagvormittag (Ortszeit US-Ostküste) Donald Trump in einer halbherzig wirkenden Ansprache an die Bevölkerung wandte und vor allem gewalttätige Videospiele sowie psychische Krankheit als Auslöser der Massenschießereien angab, berieten zeitgleich in New York die Liga-Oberen der Major League Soccer über Konsequenzen für Bedoya.

Die MLS ist, wie auch viele andere Sportligen, bestrebt, die Politik außerhalb ihrer Stadiontore zu belassen. So ging sie in der Vergangenheit strikt gegen politische Botschaften auf Fahnen oder Bannern vor. Doch diesmal fiel die Reaktion anders aus. Keine Sperre für Bedoya. Auch keine Geldstrafe, ja nicht einmal ein erhobener Zeigefinger. Sondern nur die Mitteilung, dass man sich den Trauernden in Texas und Ohio anschließe und verstehe, "wenn Spieler und Mitarbeiter starke und leidenschaftliche Meinungen zu diesem Thema" hätten.

Quelle: n-tv.de

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