Fußball

Freiburgs Gegner und die Finanzkrise im spanischen Fußball Wie sich Sevilla nach Europa trickste

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Eine Transferpolitik im Zeichen des Geldes: Der FC Sevilla steht stellvertretend für die Probleme im spanischen Fußball.

(Foto: imago sportfotodienst)

Sportlich verpasste der FC Sevilla die Europa League. Trotzdem spielte der andalusische Klub gegen den SC Freiburg. Weil der Verein zwar nah am Rand des Ruins agiert - aber alle Tricks kennt. Aber dem Traditionsverein droht der Ausverkauf. Sevillas Krise steht stellvertretend für die Probleme im Land des Weltmeisters.

Am 2. Spieltag der Europa League ging es für den SC Freiburg zum FC Sevilla. Nach dem unglücklichen 2:2 gegen Slovan Liberec im ersten Gruppenspiel der Gruppe H eine große Hürde für das junge Team von Christian Streich. Sportlich eine hochinteressante Aufgabe für die Breisgauer - aber rein sportlich hätte es gar nicht zum Spiel zwischen dem FC Freiburg und dem FC Sevilla kommen dürfen.

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In der Liga liegt der Klub von Piotr Trochowski nach sieben Spieltagen nur auf Rang 14.

(Foto: imago sportfotodienst)

Als Neunter der letzten Saison war der FC Sevilla ein gutes Stück von der Qualifikation für das europäische Geschäft entfernt.  Doch der europäische Fußball-Verband Uefa schloss die besser platzierten Konkurrenten Rayo Vallecano und Espanyol Barcelona wegen finanzieller Missstände und ausstehender Gehaltszahlungen von der Europa League aus. Auch der FC Málaga wurde von der Uefa wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay (FFP) mit dem Ausschluss aus den internationalen Wettbewerben sanktioniert. Als lachender Neunter rutschte der FC Sevilla nach.

Ein Treppenwitz, schließlich hat auch Sevilla mit gravierenden finanziellen Problemen zu kämpfen. Die Misere beim andalusischen Traditionsverein ist das Spiegelbild einer ganzen Liga. Fast jede Mannschaft in der Primera División hängt am Tropf. Steuerschulden und offene Gehälter versucht man im Land des zweimaligen Weltmeisters mit Transfererlösen zu begleichen.

Sevilla kennt die Schlupflöcher

Im "Kicker" sprach der ehemalige deutsche Nationalspieler Piotr Trochowski vor einigen Wochen über die ausbleibenden Gehaltszahlungen beim FC Sevilla. "Ja, auch ich musste warten, aber das ist geregelt. Nach zwei Jahren ohne Europacup fehlten dem Club die Einnahmen." Noch Anfang dieses Jahres hatte der Verein 3,25 Millionen Euro Gehaltsforderungen aus der Saison 2011/2012 offen.

FC Sevilla - SC Freiburg

Stadion Ramon Sanchez Pizjuan, Sevilla

Anstoß 19.00 Uhr

FC Sevilla: Beto - Coke, Cala, Pareja, Alberto Moreno - Iborra, Rakitic - Jairo, Marin, Trochowski - Gameiro

SC Freiburg: Baumann - Sorg, Krmas, Ginter, C. Günter - Fernandes, Schuster - Schmid, Mehmedi, Coquelin - Freis

Schiedsrichter: Bezborodov (Russland)

Trotz der verzögerten Gehaltszahlungen befürchteten die Verantwortlichen des FC Sevilla keine Uefa-Sanktionen. Denn sie haben das Financial Fairplay genau studiert: Systematisch nutzte der Verein den Zeitraum bis zum Stichtag 31. März aus, um offene Gehälter zu bezahlen. Denn wenn bis zu diesem Tag die Gehälter aus dem letzten Jahr bezahlt sind, schweigt die Uefa. Und das weiß der Präsident des FC Sevilla, José María del Nido. Selbstbewusst tönte er im Februar auf die Frage nach der Wahrscheinlichkeit eines Ausschlusses des FC Sevilla für die europäischen Wettbewerbe: "Null".

Del Nido, in erster Instanz im Dezember 2011 wegen der Verwicklung in einen Korruptionsskandal zu sieben Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt, kennt die Schlupflöcher im System. Wenn kurz vor dem Stichtag noch Kleingeld in der Kasse des FC Sevilla fehlen sollte, werden noch schnell Spieler außerhalb der europäischen Transferperiode verkauft oder verliehen. So muss es auch im Februar dieses Jahres gewesen sein, als der FC Sevilla Emir Spahić - mittlerweile bei Bayer Leverkusen - für 400.000 Euro an Anschi Machatschkala verlieh.

Nur Transfers helfen

Der FC Sevilla arbeitete im letzten Jahr höchst defizitär. Alleine im Geschäftsjahr 2012 machte der Klub ein Minus von 15,2 Millionen Euro - selbst für die Finanzkünstler zu viel. Das tiefrote Minus im Geschäftsbericht zwang den Verein zum Handeln. Im Sommer verkaufte der Klub für insgesamt 90,4 Millionen Euro seine besten Spieler. Und in den europäischen Top-Ligen fand der FC Sevilla schnell willige Abnehmer. Alleine Manchester City verpflichtete für 45 Millionen Euro die spanischen Nationalspieler Jesús Navas (20 Millionen Euro) und Álvaro Negredo (25 Millionen Euro) vom andalusischen Traditionsverein. Daneben spülte der Verkauf von Geoffrey Kondogbia (20 Millionen Euro) zur AS Monaco weiteres Geld in die klamme Vereinskasse.

"Um unser Budget zu decken, müssen wir jedes Jahr 20 Millionen Euro auf dem Transfermarkt einnehmen. Wir brauchen das Geld, um die Bücher auszugleichen", sagte Präsident del Nido, um gleich nachzulegen: "Sind wir der wirtschaftlich gesündeste Verein Spaniens? Zusammen mit Real Madrid, Barcelona und Athletic Bilbao, sind wir das" Damit verdeckt del Nido die Kernfrage: Wie hoch müssen die Transfererlöse sein, damit der FC Sevilla 20 Millionen Euro auf dem Transfermarkt verdient? Denn nicht jeder Spieler ist im hundertprozentigen Besitz des Klubs: Nach Informationen des "Evening Standard" hielt der FC Sevilla bei Geoffrey Kondogbia nur die Hälfte der Transferrechte. Die andere Hälfte lag bei der Doyen Group, einer Investment-Firma.

Wie groß die Finanznot beim FC Sevilla sein muss, zeigt sich an anderer Stelle. Im Juli gab die Stadt Sevilla bekannt, dass der Klub der vereinbarten Ratenzahlung seiner Steuerschulden nicht nachkomme. Mittlerweile sind die Schulden bei der Stadt von 1,9 Millionen Euro (2011) auf 2,8 Millionen Euro (2013) angewachsen.

Der spanische Fußball in der Krise

Sevilla ist überall, die spanische Liga taumelt am finanziellen Abgrund. Und die Zukunftsprognosen sehen düster aus: "Der spanischen Eliteliga bleiben gerade einmal noch fünf Jahre, bevor der Spielbetrieb eingestellt werden müsse", lautet die provokante These von José Maria Gay de Liebana, Wirtschaftsprofessor an der Universität Barcelona. Und seine Vorahnung ist nicht unbegründet: Geschätzte 3,5 Milliarden Euro Schulden häuften spanische Profiklubs in den letzten Jahren an. Damit sind die Klubs um ein Vierfaches höher verschuldet als die deutschen Profivereine. Allein 577 Millionen Euro schulden spanische Erstligisten dem Staat an Steuern. Traurige Spitzenreiter in der Schuldentabelle sind Atlético Madrid mit 120 Millionen Euro, Deportivo La Coruna mit 90 Millionen Euro und Real Valladolid mit 45 Millionen Euro.

Jahrelange Misswirtschaft brachte viele Vereine an den Rand des Ruins. In der letzten Saison gaben spanische Vereine im Durchschnitt 77 Prozent ihrer Einnahmen für Spielergehälter aus. Viele Erstligisten träumten vom ewigen Wachstum. Um dieser Misswirtschaft der Vergangenheit entgegenzuwirken, stellten die Klubs der Primera División im Sommer ihre besten Spieler in das Schaufenster des internationalen Transfermarkts. Der Ausverkauf der Liga hat bereits begonnen. Drei der fünf besten Torschützen der vergangenen Spielzeit verließen die Liga. In der letzten Transferperiode machte die spanische Liga einen Transferüberschuss von 105 Millionen Euro.

Anders der FC Barcelona und Real Madrid. Während die Liga einen Sparkurs fährt, investierten die beiden internationalen Aushängeschilder der Primera División hohe Summen in ihre Kader. Symbolisch für die Transferpolitik der zwei größten spanischen Vereine steht der 100-Millionen Euro-Transfer von Gareth Bale zu Real Madrid. Zwar belasten auch Real Madrid und den FC Barcelona Schulden, doch im Gegensatz zum Rest der Liga überschreiten die Schulden der beiden Vereine nicht die jährlichen Einnahmen. Im krisengebeutelten spanischen Fußball konnte Real Madrid in der letzten Saison seine Einnahmen auf über 500 Millionen Euro steigern. Dabei profitieren beide Vereine stark vom Verkauf der TV-Rechte. Durch den dezentralen Verkauf der Fernsehrechte erhalten sie fast die Hälfte des Erlöses.

Doch mittlerweile regt sich bei den kleineren Vereinen Widerstand gegen diese Regelung. Sie liebäugeln mit einer zentralen Vermarktung der TV-Rechte. Besonders vehement für die Umverteilung zugunsten der kleineren Vereine setzt sich einer ein, der gern sämtliche Register zieht - der Präsident des FC Sevilla, José María del Nido.

Quelle: ntv.de