Paderborn plötzlich im VorteilWoran hat et jelegen, lieber VfL Wolfsburg?
Vor dieser Relegation war der SC Paderborn 07 der klare Außenseiter. Nach dem zähen 0:0 in Wolfsburg ist der Bundesliga-Aufstieg aber greifbar nah. Beide Trainer sind nach dem ersten Spiel dennoch zufrieden.
Dieter Hecking wollte die Dinge abermals nicht so stehen lassen. Das ganze Gerede von den Marktwerten sei nun wirklich Quatsch. Es nervt den Trainer des VfL Wolfsburg extrem, dass sein akut abstiegsbedrohtes Team immer wieder auf das Geld reduziert wird. Wenn der Kader so herausragend sei, findet er, warum müsse man dann gegen den aufmüpfigen Zweitligisten SC Paderborn 07 um den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga spielen. Und weiterhin mächtig zittern. Denn nach dem 0:0 im ersten Relegationsduell liegt das bessere Blatt eigentlich in den Händen des großen Außenseiters aus Ostwestfalen.
"Unsere Ausgangslage hat sich verbessert. Jetzt haben wir ein Endspiel. Das haben wir uns erarbeitet", sagte Sport-Geschäftsführer Sebastian Lange vor der zweiten Partie am Montagabend in Paderborn (20.30 Uhr, Sat.1 und Sky sowie im Liveticker bei ntv.de). "Wir wissen aber, dass wir nach wie vor klarer Außenseiter sind. Die Qualität, die Wolfsburg von den Einzelspielern hat, ist unglaublich." Aber die setzte sich am stimmungsvollen Mittellandkanal abermals nicht durch. Nach besserem Start der Paderborner übernahm der VfL die Spielkontrolle, hatte viel Ballbesitz, aber keinen Ertrag. Nur eine Topchance hatte Heckings Team, in der 32. Minute, als Adam Daghim aus kurzer Distanz an Dennis Seimen scheiterte.
Paderborn bestraft Wolfsburgs Leichtsinn fast
"Wir müssen sauberer spielen. Wir hatten in der Endphase zu leichte Ballverluste, das darfst du dir nicht erlauben", bemängelte Hecking. Filip Bilbija hätte das beinahe bestraft (84.), weil aber Denis Vavro und Joakim Maehle den Ball gemeinsam stark vor der Linie wegbekamen, blieb es beim torlosen Remis. Die viele Nickeligkeiten am Ende und vermehrtes Zeitspiel der Gäste brachten Hecking schließlich noch auf die Palme. Nach dem Spiel redete er wütend auf Schiedsrichter Benjamin Brand ein und verkündete später in aller Milde: Wenn seine Mannschaft in Paderborn führen würde, würde man das wahrscheinlich ähnlich machen.
Was Hecking derweil noch aktiv von seinen Spielern einforderte: "Wir müssen aus dem Ballbesitz mehr kreieren." Vor allem mehr gefährliche Abschlüsse. 17 Mal schossen die Wolfsburger, es waren 16 harmlose Versuche. Die letzte Entschlossenheit fehlte irgendwie. "Warum wir heute nicht All in gegangen sind? Weil es zwei Spiele sind!" befand er. "Im Vorfeld habe ich gesagt: Es werden zwei enge Spiele. Einige haben darüber gelächelt und gesagt: Das darf doch gar nicht sein bei den Marktwerten. Schönen Abend noch!"
Den hatten vor allem die leidenschaftlich verteidigenden Paderborner. "Erst mal fühlt sich das für den Moment gut an", sagte Trainer Ralf Kettemann. "Wir fahren jetzt zu uns nach Paderborn in unser kleines Schmuckkästchen. Es braucht die gleichen Zutaten, die wir heute gezeigt haben." 2014 und 2019 hatten es die Ostwestfalen schon mal in die Bundesliga geschafft - jeweils als Direktaufsteiger. Nun wollen sich die Ostwestfalen als vierter Zweitligist seit der Wiedereinführung der Relegation 2008/09 durchsetzen.
"Brutale Leidenschaft"
Vor allem defensiv überzeugte Paderborn in Wolfsburg. Die Stabilität in der Verteidigung, die im Saisonendspurt der 2. Bundesliga etwas verloren gegangen war, fand Paderborn zum richtigen Zeitpunkt wieder. Die individuelle Klasse der Wölfe fiel kaum ins Gewicht. Kettemann bescheinigte seinen Spielern nicht zu Unrecht eine "brutale Leidenschaft". Einen Wermutstropfen gab's aber noch: Außenverteidiger Jonah Sticker fing sich in den letzten Minuten zwei Karten ein und wird nun im Rückspiel mit Gelb-Rot-Sperre fehlen.
Die Wolfsburger, seit dem Aufstieg 1997 fester Bestandteil der Bundesliga, hatten den Klassenerhalt bereits in der Vergangenheit zweimal über die Relegation geschafft. Bei den bisherigen Teilnahmen verwehrte man Eintracht Braunschweig (2017) und Holstein Kiel (2018) den Aufstieg. Auch die allgemeine Bilanz spricht für den Erstligisten: Seit 2008/09 wird die Relegation wieder ausgespielt, lediglich dreimal setzte sich der Zweitligist durch. Und noch eine Bilanz dürfte dem VfL Mut machen. Auswärts ist die Mannschaft viel stärker als daheim.
