Collinas Erben

"Collinas Erben" stutzen BVB-Freistoß war falsch - und doch richtig

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Foul oder kein Foul? Über das Duell zwischen Sebastiaan Bornauw und Achraf Hakimi wird viel diskutiert.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Beim Spiel von Borussia Dortmund in der Fußball-Bundesliga gegen den 1. FC Köln wird ein falscher Elfmeterpfiff nach einem Eingriff des Video-Assistenten in eine falsche Freistoßentscheidung umgewandelt. Das klingt seltsam, folgt aber der Logik der Regularien.

Gerade einmal elf Minuten waren in der Auftaktpartie des 19. Spieltags der Fußball-Bundesliga zwischen Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln (5:1) gespielt, da ereignete sich eine Szene, die zu einem der größten regeltechnischen Kuriosa in der jüngeren Vergangenheit führen sollte. Bei einem schnellen Angriff der Gastgeber war Achraf Hakimi drauf und dran, mit dem Ball am Fuß in Strafraum einzudringen, als ihn der Kölner Sebastiaan Bornauw durch ein beherztes Tackling stoppte. Schiedsrichter Harm Osmers sah darin ein Foulspiel und entschied, weil er den Tatort innerhalb des Sechzehnmeterraums ausgemacht hatte, auf Elfmeter für den BVB. Während die Kölner protestierten, überprüfte Video-Assistent Tobias Stieler die Situation.

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Seine Elfmeter-Entscheidung zog Osmers nach Hinweis des VAR später zurück.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Anschließend kam es zu einer kurzen Kommunikation zwischen Referee und VAR, dann änderte Osmers seine Entscheidung: Statt des Strafstoßes gab er einen direkten Freistoß für die Dortmunder kurz vor dem Strafraum, außerdem zeigte er Bornauw die Gelbe Karte. Das heißt: Stieler hatte beim Sichten der Bilder festgestellt, dass sich das vom Schiedsrichter wahrgenommene Vergehen außerhalb des Strafraums ereignet hatte. Die nachträgliche Verwarnung ergab sich daraus zwangsläufig: Die Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs durch ein Foulspiel, bei dem der Ball nur knapp verfehlt wird, führt gemäß dem Regelwerk zwar innerhalb des Strafraums nicht zu einer Gelben Karte, außerhalb dagegen schon.

Doch war es überhaupt ein Foul von Bornauw? Vieles spricht dagegen, denn der Kölner Verteidiger hatte bei seiner Grätsche gezielt und kontrolliert zuerst den Ball getroffen - und zwar außerhalb des Strafraums. Erst danach kam es durch die Rutschbewegung zum Kontakt mit Hakimi - innerhalb des Strafraums. Dieser Kontakt war jedoch trotz der Dynamik von Bornauws Einsatz nicht ahndungswürdig. Das muss auch Video-Assistent Stieler so gesehen haben, denn ansonsten hätte er Osmers' Strafstoßentscheidung bestätigt. Aber warum gab es dann den Freistoß und sogar die Gelbe Karte, wenn das Tackling doch sauber war? Und weshalb schaute sich der Unparteiische die Bilder nicht selbst am Spielfeldrand an?

Logisch, aber merkwürdig - und umgekehrt

Die Antwort liegt in den Regularien und Abläufen begründet, an die der VAR gebunden ist: Nach einer Elfmeterentscheidung wird nötigenfalls erst einmal überprüft, ob sich das vom Schiedsrichter wahrgenommene Vergehen tatsächlich im Strafraum ereignet hat. Denn der Ort des Kontakts ist, anders als das Foul- oder Handspiel selbst, eine Schwarz-weiß-Entscheidung - weshalb es auch keines On-Field-Reviews bedarf - und lässt sich normalerweise schnell und zweifelsfrei feststellen. Kommt dabei heraus, dass dieser Ort außerhalb des Strafraums liegt, ist der Check für den Video-Assistenten auch schon wieder vorbei. Denn die Berechtigung von Freistößen wird laut Protokoll nicht geprüft.

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Entscheidend: Das mögliche Foul fand vor dem Strafraum statt.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Osmers muss also gegenüber dem VAR kommuniziert haben, dass er die Aktion, in der Bornauw den Ball traf, als Foulspiel wahrgenommen hat. Und da diese Aktion vor dem Kölner Sechzehnmeterraum stattfand, durfte Stieler nicht mehr tun, als dem Referee mitzuteilen, dass sie sich eben nicht im Strafraum zutrug. Das mag merkwürdig anmuten, ist aber eine Folge davon, dass die Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) eine Grenze setzen mussten, damit das Spiel nicht zu häufig wegen Überprüfungen durch den VAR unterbrochen ist. Aus diesem Grund sind Freistoßentscheidungen genauso wie Eckstoß-, Abstoß- und Einwurfentscheidungen von den Checks und Reviews grundsätzlich ausgenommen.

Eine kleine Änderung in der Regularien könnte helfen

So kam es, dass ein falscher Elfmeterpfiff in eine falsche Freistoßentscheidung samt dazu gehöriger falscher Verwarnung umgewandelt wurde. Aus einer schwerwiegenden Fehlentscheidung wurde also eine weniger gravierende. Einerseits passt das irgendwo so gerade noch zum Grundgedanken, dass der VAR dafür da ist, (nur) potenziell spielverändernde Fehler zu verhindern. Andererseits ist so etwas natürlich unbefriedigend. Ein On-Field-Review hätte hier weiterhelfen können, denn nach dessen Abschluss muss immer die vollständig richtige Entscheidung stehen. Dieses Review durch den Schiedsrichter ist allerdings nicht vorgesehen, wenn es nur um den Ort eines mutmaßlichen Vergehens geht.

Vielleicht wäre es hilfreich, an diesem Punkt in den Regularien nachzubessern und eine Review-Empfehlung zu ermöglichen, wann immer der VAR bei der Überprüfung einer sogenannten faktischen Entscheidung feststellt, dass diese Entscheidung außerdem ein subjektives Element enthält. Schließlich darf der Video-Assistent ja auch zum On-Field-Review raten, wenn sich nach einem klar falschen Freistoßpfiff herausstellt, dass das vermeintliche Vergehen innerhalb des Strafraums stattfand und deshalb eigentlich ein Strafstoß verhängt werden müsste. Verhält es sich umgekehrt, wie es in Dortmund der Fall war, sollte genauso verfahren werden können.

Was sonst noch wichtig war:

  • Collinas Erben

    "Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

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  • Knapp zu ging es auch in der 17. Minute der Begegnung des FC Bayern München gegen den FC Schalke 04 (5:0). Thomas Müller traf beim Spielstand von 1:0 ins Tor der Gelsenkirchener, doch der Assistent an der Seitenlinie hob die Fahne, weil er eine Abseitsstellung wahrgenommen hatte, und der exzellente Schiedsrichter Manuel Gräfe annullierte daraufhin den Treffer. Die Entscheidung wurde vom Video-Assistenten überprüft, das Standbild zeigte schließlich eine schwer zu identifizierende, hauchzarte Abseitsposition von Müller mit dem Schultereck. Prompt bezweifelten in den sozialen Netzwerken viele, dass dieses Bild die Richtigkeit der Abseitsentscheidung belegt. Dabei vergaßen sie allerdings eines: Es widerlegt den Assistenten auch nicht. Und nur darauf kam es an.

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Quelle: ntv.de