Collinas Erben

"Collinas Erben" sind empört Das Schalker Verhalten ist inakzeptabel

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Huub Stevens verliert die Nerven und greift Schiedsrichter Sascha Stegemann an.

(Foto: imago images / Eibner)

Der FC Schalke 04 verliert in letzter Sekunde und gibt dem Schiedsrichter die Schuld - zu Unrecht und in erschreckender Art und Weise. Auch die Leverkusener ärgern sich über den Unparteiischen, aber deutlich moderater und aus besseren Gründen, wie sogar der Gegner findet.

Es war sein 68. Einsatz als Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga, und dass es einer seiner schwierigsten war, ist keine sonderlich gewagte Behauptung. Vergessen wird Sascha Stegemann die Begegnung zwischen dem FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt (1:2) jedenfalls nicht so schnell. Vor allem bei zwei heftig umstrittenen Entscheidungen unter Beteiligung des Video-Assistenten, die letzte davon weit in der Nachspielzeit und von spielentscheidendem Charakter, stand der 34-Jährige ungewollt im Mittelpunkt. Außerdem gingen ihn die Gastgeber nach dem Schlusspfiff heftig an, und zu guter Letzt verlangten auch noch die Medien eine Erklärung von ihm. Man braucht als Unparteiischer schon ein gutes Nervenkostüm und ein dickes Fell, um ein solches Erlebnis zu verarbeiten.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Die erste kontroverse Szene ereignete sich nach einer halben Stunde, als dem Schalker Jeffrey Bruma ein Klärungsversuch missriet und er im Nachsetzen seinen Gegenspieler Ante Rebic im eigenen Strafraum erst kurz von hinten an der Schulter hielt und ihn anschließend beim Weiterlaufen im Beinbereich traf. Der Frankfurter kam aus dem Tritt und ging zu Boden. Stegemann ließ jedoch weiterspielen, was den Video-Assistenten Martin Petersen auf den Plan rief. Es kam zum Review am Spielfeldrand, das den Referee gleichwohl nicht dazu bewog, einen Strafstoß zu geben. Er habe "keine Divergenz zwischen meiner Meinung auf dem Spielfeld und dem Bildmaterial" erkennen können, sagte er nach dem Spiel. Daher sei er bei seiner Entscheidung geblieben, die er als "Entscheidung im Ermessensbereich" und als "Graubereichs-Entscheidung" bezeichnete.

Nach Einschätzung des Schiedsrichters war Brumas Einsatz also nicht ursächlich für Rebics Sturz. Eine Interpretation, hinter die man zumindest ein Fragezeichen setzen muss. Denn dass Rebic kaum anders konnte als zu fallen, lag maßgeblich daran, dass Bruma seinen linken Unterschenkel getroffen hatte, wodurch der Frankfurter sich gewissermaßen selbst ein Bein stellte. Anders fiel Stegemanns Entscheidung aus, als er in der fünften Minute der Nachspielzeit ein weiteres Mal an den Monitor an der Seitenlinie eilte. Anlass war ein Handspiel des Schalkers Daniel Caligiuri im eigenen Strafraum, das nicht zu einem Elfmeterpfiff geführt hatte. Für ihn sei "im Gewühl nicht klar erkennbar" gewesen, wie weit die Hand vom Körper abgestanden habe und ob der Arm aktiv in die Flugbahn des Balles bewegt worden sei, sagte der Referee.

Inakzeptabler Angriff auf den Referee

Das Review zeigte: Caligiuri hatte den Ball mit ausgestrecktem Arm aufgehalten. "Nach den geltenden Auslegungsgrundsätzen ist das ein strafbares Handspiel", begründete Sascha Stegemann seinen Entschluss, doch noch auf Strafstoß zu entscheiden. Die Schalker wandten dagegen ein, Caligiuri sei unmittelbar zuvor von David Abraham geschubst worden, nur deshalb sei es überhaupt zu dem Handspiel gekommen. Der Schiedsrichter hielt den Körpereinsatz des Frankfurter Kapitäns jedoch, wie er selbst sagte, für "fußballtypisch" und sah deshalb keine Veranlassung, "das strafbare Handspiel aufzuheben". Eine nachvollziehbare Einschätzung, zumal Caligiuri selbst zuerst versucht hatte, Abraham mit dem Arm aufzuhalten, und seine Armbewegung außerdem nicht erkennbar daraus resultierte, dass er beiseitegeschoben worden war.

Den fälligen Elfmeter verwandelte Luka Jovic in der neunten Minute der Nachspielzeit zum 2:1-Siegtreffer für die Eintracht, danach brachen bei den Schalkern alle Dämme. Hatten sie den Unparteiischen schon nach der Elfmeterentscheidung kollektiv drangsaliert - obwohl dieser noch versucht hatte, die Situation mittels einer persönlichen Erklärung gegenüber Caligiuri zu deeskalieren -, so machten sie für ihn den Gang in die Kabine zu einem regelrechten Spießrutenlaufen. Der Schalker Trainer Huub Stevens schickte seine Spieler zwar schließlich weg, aber nur, um sich anschließend selbst gestikulierend und schimpfend den Referee vorzuknöpfen. Ein solches Verhalten wäre - bei allem Verständnis für emotionale Reaktionen im Abstiegskampf, zumal nach einer Niederlage durch ein Elfmetertor in letzter Sekunde - selbst bei einer Fehlentscheidung nicht hinzunehmen gewesen.

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Schiedsrichter Stegemann wird arg bedrängt.

(Foto: imago images / Team 2)

So aber war es sogar noch befremdlicher; es war erschreckend und gänzlich inakzeptabel, was sich der Schiedsrichter nach einer berechtigten Korrektur bieten lassen musste. Umso bemerkenswerter ist es, dass Sascha Stegemann später dennoch vor die Medien trat, um Stellung zu beziehen und seine Entscheidungsfindung zu erläutern. Die Schalker - die sehr viel Glück hatten, dass es nicht schon nach dem ersten Review einen Strafstoß gegen sie gab - können überdies dankbar sein, dass der Unparteiische über ihre Verbalinjurien hinweghörte. Ansonsten hätte sich zu der Niederlage auch noch die eine oder andere Sperre gesellt. Unwürdig mutet das Verhalten von Trainer Stevens an, der sich - wie sein Hannoveraner Kollege Thomas Doll vor drei Wochen - nicht im Griff hatte. Den Grund für einen Misserfolg den Referees in die Schuhe zu schieben und damit von der eigenen Verantwortung abzulenken, ist eine alte Masche. Aber immer noch so ärgerlich und durchschaubar wie eh und je.

Selbst die Leipziger verstehen die Leverkusener Verärgerung

Einen Handelfmeter nach einer Intervention des Video-Assistenten gab es auch in der Partie zwischen Bayer 04 Leverkusen und RB Leipzig (2:4) - wobei selbst die Gäste den Unmut der Hausherren über die Entscheidung von Schiedsrichter Tobias Welz in der 71. Minute beim Stand von 2:2 nachvollziehen konnten. Der Leipziger Emil Forsberg etwa, der den Strafstoß verwandelte, sagte gegenüber Sky, er müsse sich für den Strafstoß "bedanken", schließlich habe "vielleicht kein Handspiel" von Mitchell Weiser vorgelegen. Sein Trainer Ralf Rangnick sah das ähnlich: "Was soll Weiser machen? Er dreht sich um und bekommt in diesem Moment den Halstenberg-Kopfball an die Fingerspitzen."

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In dieser Szene folgt "vielleicht kein Handspiel" von Weiser.

(Foto: imago images / Chai v.d. Laage)

Tatsächlich konnte man Weiser keine Absicht unterstellen, als er den Ball, den Marcel Halstenberg hinter seinem Rücken in seine Richtung beförderte, mit der Faust leicht streifte. Der Leverkusener hatte die Kugel nach einer Hereingabe der Leipziger zunächst im Sprung verfehlt und sie dann beim Versuch, das Gleichgewicht zu halten, an die Hand bekommen. Der Unparteiische hatte das in diesem Moment augenscheinlich gar nicht wahrgenommen, zumindest reagierte er nicht. Diese fehlende Wahrnehmung veranlasste den Video-Assistenten regelkonform zu der Empfehlung, sich die Szene selbst noch einmal anzusehen - schließlich war das Handspiel noch nicht bewertet worden, und eine Ahndung schied nicht völlig aus.

Warum der Eingriff in Wolfsburg ausblieb

Dass der Unparteiische aus der Review Area mit der Entscheidung aufs Feld zurückkehrte, einen Strafstoß zu verhängen, war dennoch eine Überraschung. Zwar war Mitchell Weisers Arm im Moment der Ballberührung ausgestreckt, allerdings konnte er Halstenbergs Schuss nicht kommen sehen, und seine Armhaltung dürfte deshalb auch nicht dem Versuch geschuldet gewesen sein, den Ball aufzuhalten. Tobias Welz bewertete das in der Review Area jedoch anders, was man durchaus eigenwillig finden kann - auch im Vergleich mit einer Szene aus der Begegnung zwischen dem VfL Wolfsburg und Hannover 96 (3:1).

Da nämlich blieb der Eingriff des Video-Assistenten aus, als der Wolfsburger Robin Knoche den Ball, den Linton Maina an ihm vorbeispielen wollte, nach zwei Minuten im eigenen Strafraum mit dem Arm traf und Referee Benjamin Cortus weiterspielen ließ. Knoche konnte den Ball, anders als Weiser, kommen sehen, er zog den Arm daraufhin erst nach hinten und an den Körper - also aus der Flugbahn des Balles -, um die Kugel schließlich in einer knappen Drehbewegung doch noch mit dem Oberarm zu spielen. Ohne Absicht vermutlich, da gaukelt die Zeitlupe eine bewusstere Handlung vor, als sie in der Echtzeit gegeben war. Umso problematischer wirkt allerdings die Entscheidung in Leverkusen, wo Weiser den Ball nicht einmal im Blick hatte.

Doch bei solchen Entscheidungen im Graubereich ist es auch schwierig, zu einer Linie zu finden, selbst mit Video-Assistenten. Das Handspiel ist dafür geradezu prototypisch. Die Regelpräzisierung in der kommenden Saison verspricht Abhilfe in dieser Hinsicht, aber erst die Praxis wird zeigen, wie gut das funktioniert. Bis dahin gilt, dass es nicht falsch wäre, ein bisschen mehr dem bewährten Grundsatz zu folgen, dass im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden ist.

Quelle: n-tv.de

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