Collinas Erben

"Collinas Erben" seufzen Handspiel? Handspiel! Handspiel?

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Jérôme Boateng zeigt Schiedsricher Christian Dingert, was er von dessen Elfmeterentscheidung hält.

(Foto: imago images / Michael Weber)

Fußball? Spektakel? Nein, Handspiel! Auch am und nach dem 32. Spieltag wird in der Bundesliga fast nur über das leidige Thema diskutiert. Der DFB räumt dabei in aller Deutlichkeit Fehler ein. Zur neuen Saison wird die Regel geändert - aber wird dann alles gut?

Auch für den Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten, Jochen Drees, ist der neue Ärger rund um das Thema Handspiel nachvollziehbar. "Grundsätzlich kann ich verstehen, dass man mit der Art, wie im Moment das Handspiel ausgelegt wird, ein Problem hat", sagte er im Aktuellen Sportstudio des ZDF. Zuvor hatte es, nicht zum ersten Mal in dieser Saison, an diesem 32. Spieltag der Fußball-Bundesliga heftige Proteste gegen Auslegung und Anwendung der Regel gegeben: Nach einem Eingriff durch den jeweiligen Video-Assistenten bekam Hannover 96 in München einen Handelfmeter zugesprochen, den selbst Trainer Thomas Doll seltsam fand, während die Spieler von Werder Bremen es nicht fassen konnten, dass der Unparteiische ihnen in der Partie gegen Borussia Dortmund keinen gewährte. Der VfB Stuttgart haderte derweil, dass sowohl der Schiedsrichter als auch der Helfer in Köln das Handspiel eines Berliners im Strafraum nicht einmal bemerkt hatten.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, rückt ob dieser Entscheidungen ebenfalls von seiner Verteidigungslinie ab und erhöht den Druck. "Wir sind irritiert und auch etwas enttäuscht über die unterschiedlichen Entscheidungen in vergleichbaren Situationen", sagte Fröhlich im Interview mit der "Welt". In den Schiedsrichterseminaren sei das Handspiel "ohne Graubereiche" intensiv besprochen worden: "Es wurde ganz klar gesagt, was strafbar ist und was nicht." Als Konsequenz will Fröhlich sich seine Referees zur Brust nehmen: "Wir müssen zielgerichteter an die Schiedsrichter ran, die das Handspiel falsch auslegen und somit negative Referenzfälle liefern, sodass das ganze System in der Öffentlichkeit immer wieder infrage gestellt wird." Unter der Woche hatte Fröhlich noch geurteilt, die Referees setzten die vorgegebene Linie beim Handspiel "insgesamt sehr konsequent und berechenbar um". Daher sei es für ihn unverständlich, "wenn von wirrer Regelauslegung gesprochen wird oder auch davon, dass 'keiner mehr weiß, was Handspiel ist". Das sahen schon da viele Spieler, Trainer, Berichterstatter und Fans anders. Zudem war es durchaus problematisch, von Konsequenz und Berechenbarkeit zu sprechen, wenn bald danach Fehler und Versäumnisse eingeräumt werden müssen.

Boatengs Handspiel war nicht strafbar

So sagte Drees im Sportstudio, das mit einem Elfmeter geahndete Handspiel des Münchners Jérôme Boateng in der Partie gegen Hannover sei aus Sicht der DFB-Schiedsrichter-Kommission nicht strafbar gewesen. Zwar habe der Video-Assistent richtig gehandelt, als er Schiedsrichter Christian Dingert empfahl, sich selbst ein Bild am Monitor zu machen. Denn der Unparteiische hatte überhaupt kein Handspiel wahrgenommen und die Szene deshalb nicht beurteilt – eine Situation, in der es grundsätzlich zu einem On-Field-Review kommen soll, um dem Referee die Möglichkeit zu geben, das Handspiel abschließend zu beurteilen. Aber die Entscheidung hätte Drees zufolge, auch wenn sie in Dingerts Ermessen lag, nicht auf Strafstoß lauten sollen.

Denn als Linton Maina den Ball in den Strafraum der Bayern flankte, drehte sich Boateng weg. Den rechten Arm hatte er dabei angewinkelt und eng am Körper. Zwar befand er sich durch die Drehbewegung schließlich in der Flugbahn des Balles und blockte die Kugel mit dem Oberarm ab, doch man durfte dem Ex-Nationalspieler zugutehalten, dass er versucht hatte, dem Ball auszuweichen und ein Handspiel zu vermeiden. Der Unparteiische sah in der Armbewegung jedoch eine Verbreiterung der Trefferfläche, wie er Boateng gestisch zu vermitteln versuchte. Das quittierte der Münchner, indem er Dingert gut sichtbar den "Vogel" zeigte. Eine Geste, die einen Feldverweis allemal gerechtfertigt hätte, auf den der Schiedsrichter jedoch verzichtete – vermutlich, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

Auch Assistent sah Rekiks Handspiel nicht

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Glück gehabt: Das Handspiel von Karim Rekik blieb unerkannt.

(Foto: imago images / Nordphoto)

In Berlin beförderte Herthas Innenverteidiger Karim Rekik den Ball derweil nach einem Eckstoß für den VfB Stuttgart im Sprung mit ausgestrecktem Arm auf Kopfhöhe aus dem Strafraum. Ein klares, eindeutig strafbares Handspiel, das Schiedsrichter Daniel Schlager jedoch nicht wahrnahm, womit er allerdings nicht der Einzige war. "Es gab seitens der Stuttgarter keinen Protest. Im Stadion und an den Bildschirmen gab es optisch zunächst keinen Hinweis auf ein Handspiel", wird Video-Assistent Günter Perl in der "Bild"-Zeitung zitiert. Da er selbst zudem zeitgleich ein mögliches Foul im Berliner Strafraum überprüft habe, sei ihm und seinem Helfer das Handspiel von Rekik entgangen. Diese Faktoren dürften jedoch "keine Ausrede sein", sagte der frühere Bundesliga-Referee.

Auch Drees räumte ein, es gebe "überhaupt keine Diskussion", dass der VfB Stuttgart einen Elfmeter hätte bekommen müssen. Die Situation sei jedoch unscheinbar gewesen, niemand habe das Handspiel bemerkt, keiner protestiert. Es war also gewissermaßen kein Anfangsverdacht gegeben. Und man leite, so Drees, "die Video-Assistenten nicht dazu an, als Detektive zu arbeiten", sage ihnen also nicht: "Versucht jede Szene zu zerteilen, in kleinsten Teilen zu suchen, ob vielleicht was Strafbares drin ist." Dennoch sei die Fehlentscheidung "auch für uns nur schwer zu erklären" und dürfe "nicht passieren", aber letztlich seien eben "Menschen und keine Maschinen" am Werk. Perl, dem erfahrensten Video-Assistenten von allen, sei "einfach ein Fehler unterlaufen, so wie auch den Spielern mal ein Fehler unterläuft".

Dem Video-Assistenten sieht man keine Fehler nach

Allerdings geht die Bereitschaft, mit solchen Fehlern zu leben, immer stärker zurück, je länger es die Video-Assistenten gibt - selbst wenn Erklärungen wie die von Perl und Drees plausibel machen können, wie der Fehler zustande kam. Aber wenn der Fernsehregisseur etwas entdeckt, das dem Video-Assistenten verborgen geblieben ist, ist Kritik so unvermeidlich wie berechtigt. Gleichzeitig verkehrt sich ein Hilfsmittel für die Unparteiischen so in sein Gegenteil: Wenn der Schiedsrichter in einem Spiel ohne Video-Assistent auf dem Feld etwas nicht wahrnimmt oder falsch beurteilt, sieht man ihm das vielleicht nach, schließlich hat er keine Zeitlupe zur Verfügung. Ist dagegen ein Assistent im Einsatz, wiegt es umso schwerer, wenn auch diesem ein offensichtliches Vergehen durch die Lappen geht.

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Im "Fall Mario Götze" klappte die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR bestens.

(Foto: imago images / DeFodi)

Bei einer Situation jedoch konnte Jochen Drees mit Recht eine gelungene Kooperation zwischen dem Schiedsrichter und dessen Helfer in Köln feststellen: Als dem Dortmunder Mario Götze im eigenen Strafraum der Ball nach einem Eckstoß für Werder Bremen erst an den Oberschenkel und von dort an den völlig normal gehaltenen Arm sprang, riet der Video-Assistent dem Schiedsrichter Marco Fritz zu einem Review. Denn dieser hatte – wie sein Kollege in München – gar kein Handspiel wahrgenommen. Dass der Referee nach seiner Rückkehr auf das Spielfeld anschließend nicht auf Elfmeter erkannte, nannte Drees aus gutem Grund ein "fachlich richtiges Ergebnis". Dem Einwand des Bremer Trainers Florian Kohfeldt, im "Kontext dieser Saison" habe "ein glasklares Handspiel" vorgelegen, begegnete Drees mit dem Argument, der Coach wolle einen solchen Strafstoß auf der anderen Seite gewiss auch nicht gegen sich gepfiffen bekommen.

Der neue Regeltext zementiert die bisherige Praxis

Was bleibt, ist dennoch die unbefriedigende Situation, dass bei Handspielen allzu vielen nicht klar ist, wann sie strafbar sind und wann nicht - und dass sich auch die Unparteiischen bisweilen nicht sicher zu sein scheinen oder auch nach Ansicht der Videobilder eine zumindest fragwürdige Entscheidung treffen. 30 Handelfmeter sind in dieser Spielzeit bislang verhängt worden, mehr als in jeder anderen Bundesliga-Saison. Das hängt mit den Eingriffen der Video-Assistenten zusammen und gleichzeitig mit einer - grundsätzlich nicht von den Referees, sondern von den Verbänden zu verantwortenden - extrem strengen Regelauslegung zum Nachteil der Abwehrspieler.

Eigentlich ist weiterhin einzig die Absicht maßgeblich. Doch die Distanz zwischen Ball und Hand spielt dabei kaum noch eine Rolle, und Bewegungen mit den Armen, die recht eindeutig der Fortbewegung oder dem Halten des Gleichgewichts dienen, werden dem betreffenden Spieler zum Verhängnis, wenn der Arm vom Körper absteht - was manchmal unvermeidlich ist - und es dann zum Kontakt mit dem Ball kommt.

Die Regeländerung beim Handspiel zur kommenden Saison dürfte daran nicht unbedingt etwas ändern, sondern eher die bestehende strenge Praxis zementieren. Denn im neuen Regeltext wird der Position und Haltung der Arme mehr Beachtung geschenkt als der Frage der Absicht, es wird also auch offiziell stärker nach rein technischen Kriterien entschieden. Was den Schiedsrichtern die Arbeit einerseits erleichtern kann, ist andererseits immer noch auslegungsbedürftig, und ob die Neuformulierung auch wirklich Akzeptanz findet, ist fraglich.

Allerdings müssen sich auch diejenigen, die stereotyp eine "klare Regelung" und "weniger Grau" beim Handspiel fordern, fragen lassen, wie denn die Praxis aussehen soll. Schwarz und weiß gäbe es nur, wenn ausnahmslos jedes Handspiel geahndet werden würde. Das würde dazu führen, dass gezielt die Arme und Hände des Gegners angepeilt würden, um Frei- und Strafstöße herauszuholen. Eine fürchterliche Vorstellung.

Quelle: n-tv.de

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