FC Bayern wollte ihn für MüllerAls der deutsche "King Bomber Karl" Amerika im Sturm eroberte
Von Ben Redelings
Vor fast fünfzig Jahren ging ein Bergarbeitersohn aus dem westfälischen Lünen rüber in die USA - und eroberte die neue Welt des Soccers im Sturm. Der ehemalige Stürmer von Hertha BSC, Karl-Heinz Granitza, wurde bei den Chicago Sting zu "King Bomber Karl". Zwei Jahre zuvor hatte er noch ein Angebot des FC Bayern München ausgeschlagen!
"Kommt doch mit", sagte Karl-Heinz Granitza an einem Morgen des Jahres 1979 zu Gerd Müller - und ahnte noch nicht, dass der "Bomber der Nation" danach "jahrelang böse" auf den Stürmer der Chicago Sting sein würde. Eigentlich hatten sich die beiden Deutschen an diesem Tag nach dem Spiel ihrer Teams nur zum Frühstück treffen wollen, doch dann hatte ihn Granitza zur Bootsfahrt mit seiner Mannschaft überredet.
Doch die dauerte lange. Sehr lange. Viel zu lange für Gerd Müller, der eigentlich verabredet war. Und als der zornige Ex-Nationalstürmer nach etlichen Stunden endlich wieder zu seinem geparkten Wagen an einem Hotel zurückkehrte, stand sein "Auto mit dem Grillgut im Kofferraum in der prallen Nachmittagssonne". Das Barbecue mit seinen Freunden konnte der Weltmeister von 1974 nun vergessen.
Es ist nur eine von vielen unterhaltsamen Geschichten im neuen und äußerst lesenswerten Buch "King Bomber Karl. Wie der Deutsche Karl-Heinz Granitza mit Beckenbauer, Cruyff und Pelé den Fußball in den USA groß machte" von Stefan Hermanns. Denn was der Bergarbeitersohn aus Lünen in den Jahren von 1978 bis 1984 bei seinem Klub Chicago Sting erlebte, reicht für weit mehr als nur ein Buch.
Es waren die großen Jahre des spektakulären Versuchs, den Fußball in Nordamerika zu etablieren. Am Ende scheiterte der Plan. Doch die "Chicago Tribune" schrieb im Rückblick über den ehemaligen Bundesliga-Stürmer von Hertha BSC: "Wenn jede Franchise der NASL vor acht Jahren einen Granitza gehabt hätte, würde Fußball vielleicht immer noch landesweit im Fernsehen gezeigt werden."
"Wilde Geschichte"
Karl-Heinz Granitza sollte eigentlich im Frühjahr 1978 nur für drei Monate in die USA. Hertha plagten damals mal wieder Geldsorgen und so nahmen sie die grünen Dollarscheine aus Chicago gerne für ihren besten Stürmer. Sportlich war der Abgang ein echter Verlust, doch finanziell komplett unumgänglich. Und Granitza? Den reizte die Aussicht, in den USA einen Klub groß zu machen und vielleicht sogar die Meisterschaft zu gewinnen. Doch richtig Zeit hatte er für seine Entscheidung damals eigentlich sowieso nicht gehabt. Im Gegenteil. Sie fiel von jetzt auf gleich.
Und so beantragten sie seine Einreise in die USA auch mit einer Notlüge: Seine Schwester sei bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Die Wahrheit war, wie es im Buch heißt, allerdings: "Seine Schwestern lebten beide im Ruhrgebiet, keine von ihnen war jemals in den USA gewesen, und beide erfreuten sich, soweit Granitza das wusste, bester Gesundheit." Es sei eine "wilde Geschichte" gewesen, sagt Granitza heute - doch genau diese wilden Geschichten gefielen ihm. Und so startete seine Reise in die USA mit einem ersten Abenteuer. Es sollte nicht das letzte bleiben.
Fußball steckte damals in Nordamerika in den Kinderschuhen - doch man wollte schnell groß werden. Mit aller Gewalt und viel Geld. Doch eigene Stadien hatte man anfangs keine. Und so spielten sie in vorhandenen Baseball- und Footballarenen auf "Kartoffelfeldern", wie Granitza sie nannte: "Dass die Footballfelder schmaler waren als die üblichen Fußballplätze, war noch das geringste Übel. Abenteuerlicher wurde es, wenn die Spiele in einem Baseballstadion stattfanden und man mit dem sogenannten Mound in einer der vier Ecken ein natürliches Hindernis zu überwinden hatte. Der Mound ist der kleine Hügel, von dem aus der Pitcher beim Baseball die Bälle wirft. Erschwerend kommt hinzu, dass es um ihn herum einen Halbkreis aus festem, körnigem Sand gibt. Im Wrigley Field verlief der sogar durch einen der beiden Strafräume. Hier sollen wir spielen? Irre, dachte Granitza."
"Fußball im Kaugummi-Paradies"
Doch es wurde gespielt. Und auch Weltstars wie Pelé, Franz Beckenbauer oder George Best traten unter diesen Bedingungen an. Alle einte der Glaube, dass man es gemeinsam schaffen könnte, den Fußball in den USA und Kanada zu etablieren. Doch trotz aller Bemühungen schaute man in der alten Welt mit Argwohn auf das, was drüben über dem großen Teich passierte. So schrieb der "Kicker" im Jahr 1979 spöttisch: "Fußball im Kaugummi-Paradies blubbert mehr vor sich hin, als dass er rollt, schadet ausgesprochen dem Image, ist mehr Klamauk als Sport und Weltstars würdig."
Das war Karl-Heinz Granitza damals aber alles egal. Unter seinem Spitznamen "King Bomber Karl" stellte er für seinen Klub, den Chicago Sting, Rekord um Rekord auf. Und kurz vor der Einstellung der Liga im Jahr 1984 schrieb er noch einmal NASL-Geschichte. Im Spiel gegen den ewigen und großen Rivalen, der Mannschaft von Franz Beckenbauer in seiner Zeit in den USA, den New York Cosmos, schaffte er das nächste Meisterstück: "Es war Granitzas 100. Assist seit seinem Wechsel in die USA. 100 Tore und 100 Vorlagen, das war noch keinem anderen Spieler der Liga gelungen."
"Ich will nicht nach den Sternen greifen"
Als Karl-Heinz Granitza nach Chicago kam, stand sein Name im Schatten des großen Gerd Müller. Jahre später hatte er sein Vorbild in den USA überholt. Er war selbst ein Phänomen geworden - wie Müller in Deutschland und dem Rest der Welt. Und Granitza hatte alles richtig gemacht, damals im Spätsommer 1976, als der große FC Bayern den erfolgreichen Zweitligastürmer nach München holen wollte, weil sich Gerd Müller verletzt hatte. Doch Granitza sagte damals: "Ich will nicht nach den Sternen greifen." Und ging anschließend lieber nach Berlin zur Hertha.
Heute im Rückblick sagt der 74jährige Bergarbeitersohn aus dem westfälischen Lünen ("Ich habe niemals vergessen, wo ich hergekommen bin. Bis zum heutigen Tag nicht") über seine wilde Zeit drüben in den USA: "Ich war einer der großen Stars in Amerika, das kann mir niemand wegnehmen." Und seine Erinnerungen an Abende an der Theke mit George Best oder Inspektor Columbo (Peter Falk), Talkshows mit Oprah Winfrey und seine Aufnahme im Oktober 2003 in die "National Soccer Hall of Fame" ebenfalls nicht. Genau wie die Zeilen dieses wunderbaren Buchs über einen Mann, der einst auszog, um den Fußball in den USA groß zu machen.
