Fatales Italien-DebakelAls Uli Hoeneß den Traum vom Sommermärchen retten sollte
Von Ben Redelings
Das DFB-Team geht Anfang März 2006 in Italien mit 1:4 unter. Die Stimmung im Land liegt 100 Tage vor dem Start der Heim-WM am Boden. Besonders Bundestrainer Klinsmann steht in der Kritik, Uli Hoeneß zürnt. Durch einen genialen Kniff wendet sich das Blatt.
"Alarm in Deutschland. Hoeneß muss WM retten!" Vor zwanzig Jahren stand die deutsche Fußballwelt still. Knapp 100 Tage vor dem Start der Weltmeisterschaft im eigenen Land hatte die Nationalmannschaft bei einem Testspiel am 1. März in Italien einen katastrophalen Eindruck hinterlassen. Von einer "Hinrichtung" war zu lesen. Fußballfans sprachen nach dieser Nicht-Leistung in Leserbriefen sogar von "Vaterlandsverrat". Worte, die beschreiben, wie sehr die Stimmung in Deutschland am Boden lag. Statt euphorischer Vorfreude machte sich Angst breit. Die Rufe nach einem starken Mann wurden lauter. Und die Medien hatten Uli Hoeneß als Retter in der Not ausgemacht.
"Grinsi Klinsi. Was gibt's da zu lachen?" Es war der Morgen nach dem Desaster von Florenz. 4:1 hatte die italienische Nationalmannschaft eine völlig indiskutabel aufspielende deutsche Elf Anfang März 2006 aus dem Stadion "Artemio Franchi " geschossen - und ein ganzes Land in eine sportliche Schockstarre versetzt. Die "Bild" titelte damals neben dem Foto eines scheinbar immer noch fröhlichen DFB-Coachs erbarmungslos: "Fußball-Deutschland liegt 98 Tage vor der WM am Boden. Und was macht Bundestrainer Jürgen Klinsmann (41)? Grinst und kichert im TV und bei der Pressekonferenz."
"Radikal, dickköpfig, kaum zu Kompromissen bereit"
Anderthalb Jahre zuvor war Klinsmann angetreten, um die Mission Weltmeisterschaft im eigenen Land mit viel frischem Wind nach der Schmach des Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft in Portugal anzugehen. "Radikal, dickköpfig, kaum zu Kompromissen bereit", beschrieb das Magazin "Rund" damals die Art und Weise, wie Klinsmann diesen Weg bestritt - und zeigte dennoch viel Verständnis für die Herangehensweise des Bundestrainers: "Klinsmann wollte die Revolution, den konservativen DFB auseinandernehmen und ihn ohne Rücksicht modernisieren. Für die Verlierer dieser Reformen ist Klinsmann eine Katastrophe. Um den ungeliebten Bundestrainer loszuwerden, ist fast jedes Mittel recht. Ein miserables Länderspiel reicht aus, um 'Grinsi-Klinsi' zum Abschuss freizugeben."
Das war allerdings nicht die ganze Wahrheit. Denn bereits im Herbst war ein "Arbeitskreis Nationalmannschaft" nach einigen weniger überzeugenden Auftritten des DFB-Teams ins Leben gerufen worden und kam nun angesichts der brenzlichen Lage öffentlichkeitswirksam als neue "Taskforce" rund um den Vorsitzenden Uli Hoeneß zusammen. Und tatsächlich polterte der Bayern-Manager gleich kräftig drauflos. Denn Klinsmann war nach dem Debakel sofort wieder nach Hause, in die USA, abgereist. Das war nicht gut angekommen. Auch bei Hoeneß nicht: "Der soll hierherkommen und nicht ständig in Kalifornien rumtanzen und uns hier den Scheiß machen lassen!"
Flick erinnert sich noch 17 Jahre später
Doch das Blatt wendete sich schnell. Denn Hoeneß hatte klug erkannt, dass die Tage des Maulens und Kritisierens vorbei waren. Bis zum Start der WM war es nicht mehr weit hin. Für grundlegende Veränderungen, die schnell wirkten, blieb einfach keine Zeit mehr. Und so stellte Hoeneß die verbalen Spitzen gegen Klinsmann und das DFB-Team augenblicklich ein und mahnte stattdessen an, dass es nur mit einem "Schulterschluss" der gesamten Nation gehe. Er wollte den Stimmungsumschwung. Vor allem wohl auch, weil für einen Wechsel des Bundestrainers nicht nur keine echten Alternativen bereitstanden, sondern auch, weil eine so späte Ablösung viel zu viel (nationalen wie internationalen) Wind aufgeworfen hätte.
Im Rückblick kann man sagen, dass dies eine weise Entscheidung war. Möglicherweise auch durch den kollektiven Zusammenschluss im Land - angestoßen von wichtigen Personen des öffentlichen Lebens - funktionierte der vielfach heraufbeschworene "nationale Kraftakt" und schuf so vermutlich die Basis für ein legendäres wie unvergessenes Turnier. Dass das Fundament ausgerechnet aus den Ereignissen rund um das fatale Debakel der Nationalmannschaft am 01. März 2006 in Florenz errichtet wurde, konnte damals noch niemand ahnen.
Knapp 17 Jahre später erinnerte der damalige Bundestrainer Hansi Flick im Sommer 2023 an diese Zeit: "Damals hat man im März 1:4 in Italien verloren und es war eine wahnsinnig negative Stimmung. Trotzdem ist es ein Sommermärchen geworden." Für ihn selbst sollte es diese magischen Momente bei der Heim-EM 2024 nicht mehr geben. Im Herbst 2023 musste er für Julian Nagelsmann Platz machen. Aber Hansi Flick stand in diesen Tagen ja auch kein "Retter" á la Uli Hoeneß zur Seite.
