Redelings Nachspielzeit

"Karten provozierten die Fans"Als in England theatralische Schiris die Rolle rückwärts erzwangen

21.02.2026, 08:37 Uhr Ben-RedelingsVon Ben Redelings
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Bunte Karten sorgen für schlechte Laune. (Foto: IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive)

Die Fußballwelt staunte, als man in England nach nur vier Jahren Anfang der 1980er-Jahre wieder die gelben und roten Karten abschaffte. Doch die Beschwerden der Trainer waren einfach zu laut geworden. Sie beschuldigten die Schiedsrichter, die Fans unnötig anzustacheln!

"Diese Karten provozierten die Fans!" Alan Mullery, der frühere Nationalspieler und damalige Trainer des FC Brighton, war einer der größten Befürworter für die Abschaffung der gelben und roten Karten in den englischen Ligen. Erst mit einiger Verspätung hatte man sie auf der Insel flächendeckend im Jahr 1976 eingeführt, doch die Teammanager der Klubs waren alles andere als begeistert über die Wirkung des neuen Systems, wie Mullery erklärte: "Ich habe oft größeren Beifall, oder aber Schmährufe beim Vorzeigen der Karten gehört, als für die spielerischen Leistungen der Fußballer. Das war früher anders, als die Schiedsrichter mit ein paar ruhigen Worten die Spieler beschwichtigten, aber auch Zeit hatten zum Überlegen, weil sie ihr Büchlein hervorholen und den Namen notieren mussten. Auch die Reaktion der Zuschauer war nicht so stark."

Während die Schiedsrichter gerne weiterhin mit der damals noch recht neuen Methode gearbeitet hätten, präsentierten Kritiker Zahlen, die belegen sollten, dass die Summe der Verwarnungen mit der Neueinführung deutlich gestiegen sei. So wären in der Saison 1975/76 vor Zulassung der Karten in der 92 Vereine (in vier Divisionen) umfassenden Nationalliga 94 Platzverweise und 2412 Verwarnungen registriert worden. In der Spielzeit 1979/80 seien es dann allerdings bereits 114 Ausschlüsse und 3520 Verwarnungen gewesen.

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"Theatralische Pose" heizt Stimmung auf

Während die Trainer die Schiedsrichter beschuldigten, die Karten allzu häufig "in theatralischer Pose" anzuwenden und damit manch eh schon aufgeheizte Stimmung noch weiter anzustacheln, bemängelten die Unparteiischen eher die "mangelnde Disziplin" auf Seiten der Spieler.

Einig waren sich beide Parteien allerdings darin, dass bei internationalen Partien die Vergabe der Verwarnungen über das System der Karten aufgrund der Sprachbarriere durchaus Sinn machen würde und beibehalten werden sollte. Eine spannende Feststellung - vor allem vor dem Hintergrund, dass damals gerade der nordirische Verband so seine ganz eigenen Erfahrungen ohne die gelben und roten Karten gemacht hatte.

Denn dort war man den englischen Ligen bereits zuvorgekommen und hatte die Karten abgeschafft. Mit zweifelhaften Ergebnissen allerdings. Denn direkt danach war die Zahl der Ausschüsse dramatisch gestiegen - mit einem Zuwachs von unglaublichen 35 Prozent. 23 Spieler waren vom Platz geschickt und 240 verwarnt worden. Doch was noch für viel mehr Diskussionsstoff sorgte: Die Spieler hatten sich darüber beschwert, dass sie auf dem Platz nicht mehr recht wissen würden, ob sie nun verwarnt worden seien oder nicht. Ganz ohne Sprachbarriere. Und so wurden damals schnell erste Stimmen laut, die eine Wiedereinführung forderten.

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"Dann war das Maß voll"

Überraschend war ohnehin, dass ausgerechnet auf der Insel so hartnäckig über das neue System diskutiert und gestritten wurde - schließlich hatte es dort ja im Grunde seinen Ursprung gehabt. Denn es war am 23.06.1966 auf dem Rasen des Londoner Wembleystadions, als der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein nach einer kniffligen Situation endgültig die Nase voll hatte und unmittelbar nach Spielschluss den englischen Schiedsrichterbetreuer Ken Aston kontaktierte. Der 1,62 Meter kleine Schiri hatte kurz zuvor dem 1,96 Meter langen Argentinier Antonio Rattin verzweifelt versucht, deutlich zu machen, dass er den Platz verlassen müsse.

Doch Rattin ignorierte den deutschen Schneidermeister und ging einfach nicht vom Feld. Erst nach acht Minuten verließ der Argentinier fluchend den Platz. Als Kreitlein nach 90 Minuten abpfiff - England hatte mit 1:0 gewonnen -, mussten ihn sieben Bobbys vor den erregten Südamerikanern beschützen. Der Schiri: "Ich hatte Rattin nach einem Foul an Bobby Moore auf Englisch verwarnt: One more and you go. Als er danach eine abfällige Geste zu mir machte, war das Maß voll."

Aston und Kreitlein waren einer Meinung: Es musste endlich etwas geben, das Zuschauern, Spielern und Offiziellen unmissverständlich zeigte, welche Entscheidungen der Schiedsrichter auf dem Spielfeld getroffen hatte. Etwas mit Signalwirkung. Und wie es der Zufall so wollte, hatte der englische Betreuer am Vorabend geschlagene zwei Stunden für den Heimweg aus dem Stadion benötigt und dabei an manch roter Verkehrsampel gestanden.

Deutscher zeigt erste Karte

Kreitlein war sofort begeistert von Astons Vorschlag, Verwarnungen mit gelben und Platzverweise mit roten Karten zu ahnden. Und am Ende wurde es - nach einer über dreijährigen Umsetzungsphase - tatsächlich genauso gemacht.

Im englischen Fußball hatte man sich allerdings schnell wieder an das Spiel ohne Karten gewöhnt, doch zur Saison 1987/88 forderte das International Football Association Board, dass zur Vereinheitlichung das neue System der Verwarnungen wieder eingeführt werden sollte. Übrigens: Einem Deutschen, dem Schiedsrichter Kurt Tschenscher, war damals die Ehre vorbehalten, die allererste Karte überhaupt zu verteilen. Beim Eröffnungsspiel der WM 1970 zeigte er dem Spieler der UdSSR, Evgeni Lovchev, den gelben Karton.

Quelle: ntv.de

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