Redelings Nachspielzeit

Fußball-Zeitreise, 25.8.1930 Als ein Selbstmord Schalke 04 erschütterte

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Ernst Kuzorra im Jahr 1985.

(Foto: imago sportfotodienst)

Der 25. August 1930 ist der Tag, an dem der Mythos FC Schalke 04 geboren wurde. An diesem Tag sperrte der Westdeutsche Spielerverband Akteure wie Fritz Szepan und Ernst Kuzorra von seinen Wettbewerben aus - mit dramatischen Folgen.

Es ging ums Geld. Damals vor 90 Jahren. Auf Schalke und in ganz Fußball-Deutschland. Keine irren Summen, sondern eher großzügigere Aufwandsentschädigungen. Doch am Ende ging es schlicht auch um eine Sache, die erst 33 Jahre später mit der Gründung der Fußball-Bundesliga in Deutschland endgültig geklärt und beendet wurde: Der fließende Übergang vom Amateurstatus zum Profi. Der 25. August 1930 ist ein erster tiefer und notwendiger Einschnitt in diesem langwierigen Prozess gewesen - doch leider hat dieser historische Tag auch einen Toten zu beklagen.

Nur 24 Stunden, nachdem der Westdeutsche Spielerverband (WSV) 14 Schalker zu Berufsspielern erklärt und im gleichen Urteil acht Vorstandsmitglieder des S04 aus dem WSV ausgeschlossen hatte, ertränkte sich der Schalker Kassierer Wilhelm Nier im Rhein-Herne-Kanal. Die Vermutung, dass er dies aus Scham wegen der Verurteilung tat, lag so eindeutig auf der Hand, dass die große Schalker Fangemeinde ihn zu Tausenden zu Grabe trug und er als tragisches Sinnbild dieses ersten Schalker Skandals in die Geschichte einging.

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Doch die königsblaue Familie stand nicht nur wegen dieses Selbstmords unter Schock. Das Urteil des WSV, aus den bisherigen Amateuren kurzerhand Berufsspieler zu machen und diese deshalb für alle Wettbewerbe zu sperren, kam so überraschend, dass niemand im Verein darauf vorbereitet war. Vor allem empfanden nicht nur die Schalker selbst dieses Urteil als unfair und unverhältnismäßig.

Der Mythos vom Malocher

Lange schon war das bestehende System aus den Fugen geraten. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich der Fußball zu einer echten Marke entwickelt. Die Stadien waren voll und so drängten Firmen in die Vereine, denn mit dem Fußball ließ sich gut werben. Und so verfügten die Klubs plötzlich über Geld, für das sie offiziell keine Verwendung hatten. Wenigstens die Spieler durften von diesem finanziellen Batzen nichts abhaben, denn der DFB hinkte den aktuellen Entwicklungen weit hinterher.

Die Akteure auf dem Platz waren laut der Statuten immer noch reine Amateure, die zwar eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten durften, den Fußball jedoch nicht als Job ausüben konnten. Und genau diese Situation führte zu absurden Szenarien. So malochte der große, spätere Schalker Meisterspieler Ernst Kuzorra offiziell unter Tage, doch rund um den Schalker Markt wusste jeder Fan: "Auf die Kohle, die der Ernst Kuzorra hochgeholt hat, konnze kein Funt Ärpsen heiß kriegen."

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Heute weiß man: Bereits seit Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts arbeiteten nicht nur bei den Königsblauen die Spieler weitgehend nicht mehr in körperlich anstrengenden Berufen. Die Klubs hatten ihre Akteure in Jobs untergebracht, die es den Spielern ermöglichten, auch regelmäßig an Trainingseinheiten teilzunehmen. Neben dem Lohn für ihre offizielle Tätigkeit erhielten die Spieler damals auch "Spesenbeiträge".

Schalke droht auseinanderzubrechen

Und genau diese Beiträge wurden den Schalkern zum Verhängnis, weil sie laut WSV viel zu hoch ausfielen. Wörtlich hieß es im Untersuchungsbericht der Spruchkammer des Westdeutschen Spielerverbands: "Die eingehende Prüfung der Kassenbücher mit den dazu gehörigen Belegen … hat im weitesten Maße Verstöße gegen die Amateurbestimmungen erwiesen."

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Für Schalke stellte sich die Lage in den Jahren 1930 und 1931 dramatisch dar. Der Klub drohte wegen des harten Urteils des Westdeutschen Spielerverbands auseinanderzubrechen. Die beiden Starspieler und späteren königsblauen Legenden Ernst Kuzorra und Fritz Szepan hatten in diesen trüben Tagen wenig Hoffnungen, dass sich die Situation schnell klären ließe und so unterschrieben die beiden lukrative Vorverträge bei Vienna Wien in Österreich.

Doch nach fast einem Jahr des zähen Ringens konnten alle gesperrten Spieler des S04 mittels eines Gnadengesuchs wieder auf den Platz zurückkehren. Auch Szepan und Kuzzora waren am 1. Juni 1931 beim ersten Spiel nach dieser langen, tragischen Zeit in einer Freundschaftspartie gegen Fortuna Düsseldorf vor rekordverdächtiger Kulisse wieder mit dabei.

Der Mythos FC Schalke 04 war geboren. Die unglaubliche Erfolgsgeschichte, die nun folgte, mit sechs deutschen Meisterschaften in neun Jahren, fußte auch auf diesem denkwürdigen wie dramatischen 25. August 1930.

Quelle: ntv.de