Fußball-WM 2018

Droht ein "Festival der Gewalt"? Hooligans wollen Putins WM terrorisieren

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Seit Jahrzehnten sind Aggressivität, Gewalt und Rassismus in russischen Stadien spieltäglich.

(Foto: AP)

Das Hooligan-Problem in Russland ist gewaltig. Trotzdem findet dort die Fußball-WM statt. Bevor das Prestigeprojekt startet, hat Präsident Putin zahlreiche Vorkehrungen veranlasst. Einige Hools drohen dennoch mit exzessiver Gewalt.

Stühle fliegen durch die Luft, Glas splittert. Durch die tränengasgeschwängerten Gassen von Marseille rennen blutüberströmte Männer. Zwei Jahre nach der Fußball-EM in Frankreich sind die Bilder noch präsent. Im Mittelpunkt der tagelangen Randale: Hooligans aus England - und aus Russland. Dort findet mit der WM nun das nächste Fußball-Großereignis statt. Lange vor dem ersten Spiel hat sich der Schatten des Hooliganismus über dem Prestigeprojekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin gelegt. Doch der Kreml-Chef versucht, diesen schlagkräftigen Gegner aus dem eigenen Land mit aller Macht zu bändigen.

"Es spricht einiges dafür, dass es in Russland viele Hooligan-Aktivitäten geben wird", sagt Robert Claus im Gespräch mit n-tv.de. Mit Gewaltexzessen wie in Marseille rechnet der Autor des Buches "Hooligans" aber nicht: "Wahrscheinlicher ist, dass es zu kleineren Übergriffen kommt, von denen es keine großen Bilder gibt." Dennoch bleibe ein Restrisiko: "Solche Turniere haben immer dazu gedient, dass sich die Szenen auch treffen."

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Droht der WM in Russland ein Krieg der Hools?

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Wie diese "Treffen" bei der WM verlaufen werden, glauben russische Hooligans genau zu wissen. In der BBC-Doku "Russia's Hooligan Army" beispielsweise kündigt ein Mann ein "Festival der Gewalt" an, ein anderer tönt: "Man muss nicht reisen, um Spaß zu haben." Bei "Vkontakte", dem russischen Facebook-Pendant, kursieren zahlreiche Gewalt- und sogar Mord-Drohungen, insbesondere an Engländer. Laut britischen Medien alliieren sich russische Hools mit argentinischen Gruppen zum Kampf gegen die Fans aus dem Fußball-Mutterland.

Auch wenn zahlreiche Berichte vor Beginn der WM ein womöglich zu düsteres Bild der russischen Hool-Szene zeichnen und diese mitunter dämonisieren: Vollends realitätsfern sind sie nicht. Seit Jahrzehnten sind Aggressivität, Gewalt und Rassismus in russischen Stadien spieltäglich. Laut Experte Claus haben sich Russen zusammen mit Polen einen Führungsstatus in der international vernetzten Hooligan-Szene erarbeitet: "Sie sind gut organisiert, sehr gewalttätig sowie trainiert und stehen sehr weit rechts." Zudem seien die Hooligan-Szenen teilweise militärisch erfahren - Eigenschaften, die insbesondere russische Hools in Fotos und Videos vor der Heim-WM zur Schau stellen. Laut Claus haben viele von ihnen ein ausgeprägtes Kriegsdenken: "Der Machtanspruch der russischen Hooligan-Szene, gerade Zuhause, ist enorm."

Immenses Abschreckungspotenzial

Droht der WM in Russland also ein Krieg der Hools? "Putin und sein Apparat können kein Interesse daran haben, sich die WM medial von Hooligans kaputtmachen zu lassen", sagt Claus. Während die nordrhein-westfälische Polizei auf das "hohe Gewaltpotential" osteuropäischer Hooligans verweist und deutsche Hools vor WM-Reisen warnt, geben sich die russischen Behörden betont gelassen. "Es sind alle Vorkehrungen getroffen, um die Sicherheit zu gewährleisten", sagte WM-Chef Alexej Sorokin im März.

Die Behörden haben zahlreiche Vorkehrungen getroffen, um dem Hooliganismus Einhalt zu gebieten. So braucht jeder Stadiongast eine sogenannte Fan-ID - eine Karte, die Antragsteller nur nach einem erfolgreichen Sicherheitscheck erhalten. Zudem verschärfte die Duma im Frühjahr vergangenen Jahres den Artikel 20.31 des Verwaltungsgesetzbuches. Seitdem drohen Stadion-Krawallmachern Haftstrafen von bis zu 15 Tagen, Stadion- und/oder Reiseverbote oder Geldstrafen von bis zu 20.000 Rubel (etwa 275 Euro). Der durchscnittliche Bruttomonatslohn beträgt in Russland 36.746 Rubel (knapp 500 Euro). In den vergangenen 14 Monaten, teils also noch vor Beginn des letztlich friedlich verlaufenen Konföderationen-Pokals 2017, hat die Polizei zahlreiche Wohnungen durchsucht und viele Hooligans, unter anderem bei sogenannten Ackermatches, festgenommen. Und um das Abschreckungspotenzial noch zu erhöhen, aktualisiert das Innenministerium regelmäßig eine offen zugängliche, 22 Seiten lange Liste mit Personen, die Stadionverbot haben. Zudem werden in den kommenden vier Wochen Tausende Sicherheitskräfte im Einsatz sein.

Verbindungen in höchste Kreise

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Nach dem erfolgreich veranstalteten Confed Cup wird Putins Null-Toleranz-Politik gegenüber Hooligans von ebenjenen mutmaßlich auf eine harte Probe gestellt.

(Foto: Action Images / Reuters)

Bei der WM-Vorbereitung ist der russische Staat augenscheinlich in Aktionismus verfallen. Laut Claus kaschieren die kurzfristig ergriffenen Vorkehrungen lediglich das russische Gewalt-Problem. Zudem werde die Debatte meist nur unter polizeilichen und repressiven Gesichtspunkten geführt: "Die eigentliche Frage ist doch: Was haben der russische Staat und der russische Fußballverband in den letzten 20 Jahren im Bereich der sozialen und pädagogischen Prävention gemacht?" Für das Mitglied der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" ist die Antwort klar: "Sie haben kaum etwas getan."

Das Problem: Die Grenzen zwischen Politik, Sicherheitsapparat und Hooligans sind nicht immer erkennbar. Bis heute hält sich das Gerücht, viele der Schläger von Marseille hätten den Segen des Kreml genossen. Unmittelbar nach den Krawallen bezeichnete Putin die Gewalt zwar als "Schande", bezweifelte aber die Schuld seiner Landsleute: "Ich verstehe wirklich nicht, wie 200 von unseren Fans mehrere Tausend Engländer zusammenschlagen konnten."

Ebenfalls sarkastisch äußerte sich damals Duma-Vizepräsident Igor Lebedew: Der rechtsnationale Politiker twitterte ein "Weiter so!". Ein Jahr später regte er an, Hooliganismus mit einem festen Regelsatz als Sportart anzuerkennen - Worte eines Mannes, der Mitglied im Vorstand des russischen Fußballverbandes (RFS) ist und Alexander Schprygin als parlamentarischen Mitarbeiter beschäftigte. Der Ex-Chef der Allrussischen Fanvereinigung (VOB) gilt als einer der Rädelsführer der Marseille-Krawalle. Mittlerweile ist die VOB vom RFS suspendiert.

Null-Toleranz-Politik mit Restrisiko

Nach dem erfolgreich veranstalteten Confed Cup wird Putins Null-Toleranz-Politik gegenüber Hooligans von ebenjenen mutmaßlich auf eine harte Probe gestellt. Denn absolute Sicherheit kann selbst der starke Mann im Kreml nicht garantieren. Hooligan-Experte Claus verweist darauf, dass auch die datenschutzrechtlich umstrittene Fan-ID kein Allheilmittel gegen Hooliganismus sein wird. Gemeinsam mit den Repressionen halte sie in erster Linie die Gewalt aus den Stadien fern. Außerhalb könnten Hooligans aber sehr wohl marodieren.

Immerhin: Die Behörden und die Öffentlichkeit gehen nicht so blauäugig in das Turnier wie vor zwei Jahren - und es steht vorerst keine Partie der Russen gegen England auf dem WM-Spielplan. Wie ihr Staatschef wird auch die Mehrheit der 143 Millionen Russen darauf erpicht sein, das eigene Land in gutem Licht erscheinen zu lassen. Selbst wenn dies mit allen Mächten gelingen sollte: Was nach der WM passiert, bleibt ungeklärt. Den Rassismus in der Hooligan-Szene wird das Sicherheitskonzept sicher nicht verdrängen. Als wahrscheinlich gilt, dass der russische Staat die vor und während der WM gesammelten Daten behalten, den Fokus aber nicht mehr allzu stark auf Hooligans richten wird. Auf das womöglich friedliche Festival könnte also eine umso wildere Aftershowparty in den Klubwettbewerben folgen.

Dieser Text ist Teil der großen WM-Multimedia-Reportage von n-tv.de.

Quelle: n-tv.de

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