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Die Medien und ihr Umgang mit Nadja Drygalla Berichten und richten

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Wegen der politischen Gesinnung ihres Freundes dachte Drygalla nach eigenen Angaben zeitweise an eine Trennung.

(Foto: dpa)

Die Olympischen Spiele sind zuende, der Fall Drygalla jedoch noch lange nicht. Der Ruf der Sportlerin ist ruiniert, doch von ihrer Schuld sind längst nicht mehr alle überzeugt. Die Medien kritisieren nun Politik und Sportfunktionäre – dabei haben auch Journalisten versagt.

Olympionikin liebt Nazi. Das war die einzige Information, die mit den ersten Berichten über Nadja Drygallas vorzeitige Abreise aus London nach Deutschland schwappten. Sie schuf das Bild von einer Frau, die den meisten der vielen Fernsehzuschauer vorher nur als eine von mehreren Ruderinnen im Deutschland-Achter aufgefallen war: Blond, hübsch, kräftig, aber letztlich ohne eine eigene Geschichte – bis zu diesem Augenblick.

Genauso ging es auch den meisten deutschen Journalisten. Sie sahen nur die Nachricht und taten, was sie für ihre Pflicht hielten: Sie berichteten, auch n-tv.de hat das getan. Dann begann die tiefere Recherche, neue Details wurden aufgedeckt, Facetten beleuchtet, Suchmaschinen bemüht. Journalistisches Handwerk eben. Nur eben in der völlig falschen Reihenfolge.

Ein Startpunkt für viele Fragen

Denn diese scheinbar explosive Information über Nadja Drygallas Privatleben war eben nicht so offensichtlich berichtenswert wie etwa die deutsche Sensations-Goldmedaille im Beachvolleyball oder die skandalöse Niederlage unserer Florett-Männer im Halbfinale. Sie war nicht einmal besonders neu. Nur eines war sie mit Sicherheit: ein Startpunkt für viele weitere Fragen.

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Drygalla (2.v.l.) sagt: Das olympische Dorf zu verlassen, sei ihre Entscheidung gewesen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ist auch Nadja Drygalla eine bekennende Rechtsradikale? Ist sie Mitglied der NPD oder hat sie bei NPD-Veranstaltungen teilgenommen? Wie steht sie zur Gesinnung ihres Lebensgefährten? Fragen, die man bei einer Tasse Kaffee mit Redaktionskollegen oder einem Glas Bier mit Freunden recht schnell beantworten kann: Klar, wer einen Nazi liebt, liebt auch seine Ideologie.

Doch so einfach dürfen es sich Journalisten eben nicht machen, dafür haben sie in diesem Beruf zu viel Macht, Schaden anzurichten. Vor allem bei Geschichten, die so komplex sind wie die der Nadja Drygalla.

Drygalla lieferte erst spät Antworten

Zunächst gab es fast nur Informationen über das Umfeld von Nadja Drygalla: über ihren rechtsradikalen Freund, der für die NPD sogar bei Wahlen angetreten war; über ihr Ausscheiden bei der Polizei, das auf ihren eigenen Wunsch zustande gekommen war und über ihre Ruderfreunde, die schon lange von ihrer Beziehung wussten.

Doch was die Sportlerin selbst denkt und fühlt hatte im Eifer des medialen Gefechtes niemand erfragt. Hat sie sich mit ihrem Freund über dessen Einstellung gestritten? Hat sie bereut, sich auf den früheren Ruderkameraden eingelassen zu haben? Hat sie die gemeinsame Zukunft von seinem Abschied aus der rechten Szene abhängig gemacht?

Fragen, auf die Drygalla selbst erst sehr spät Antworten lieferte. Dafür wurde sie zwischenzeitlich von Medien sogar kritisiert – von den gleichen Medien, die zuvor erst einmal sämtliche halbgaren Vorwürfe gegen sie in aller Breite vorgetragen hatten, ohne sich für die Sicht der Angeklagten zu interessieren. Und ohne ihr ein Fehlverhalten nachgewiesen zu haben. Außer, den Falschen zu lieben.

Vielleicht erzählt irgendwann mal jemand die ganze Geschichte der Nadja Drygalla. Interessant ist sie nämlich allemal: Eine junge Sportlerin, der von ihrem Land eine große Karriere ermöglicht wird – und die dann trotzdem eine Entscheidung trifft, die so gar nicht dazu passt.

Diese Geschichte zu ergründen sollte eigentlich das Ziel von Journalisten sein. Doch dafür müssten sie Fragen stellen. Und zwar bevor sie die Antworten bereits berichtet haben.

Quelle: n-tv.de

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