Olympia

Katastrophen-Aktion kostet Medaille0,7 Sekunden für die Ewigkeit: Das Olympia-Drama der Lena Dürr

18.02.2026, 18:15 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Cortina
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Lena Dürr erlebte vor der malerischen Kulisse der Dolomiten ihren Ski-Albtraum. (Foto: dpa)

Lena Dürr kämpft im olympischen Slalom um eine Medaille. Nach dem ersten Durchgang liegt sie auf Rang zwei, doch passiert etwas, das im Zielraum der Tofana-Piste niemand glauben kann. Dürr scheidet am ersten Tor aus.

Lena Dürr hatte gerade die letzte Station ihres zermürbenden Interview-Marathons erreicht, um zu erzählen, was sie schon fünfmal erzählt hatte. Was auch anderthalb Stunden später nicht zu erklären war, was niemand begreifen konnte. Im Hintergrund wurde plötzlich die Musik für die Medaillenzeremonie abgespielt. Dürr unterbrach das Interview und rannte in den zentralen Zielbereich zurück. Sie wollte doch noch an dieser Siegerehrung teilnehmen. US-Gigantin Mikaela Shiffrin hatte den Slalom gewonnen und damit ihren acht Jahre währenden olympischen Fluch furios abgeschüttelt. Sie siegte vor der Schweizerin Camille Rast und der Schwedin Anna Swenn-Larsson. Dürr stand da und kämpfte einmal mehr an diesem Tag mit ihren Gefühlen.

Sie war auf der Olimpia delle Tofana an ihrem großen Traum gescheitert, eine olympische Einzelmedaille zu gewinnen. Silber schien greifbar. Auf dem zweiten Platz hatte sie nach dem ersten Lauf gelegen. Shiffrin war außer Reichweite. Aber ihre Versöhnung mit den Spielen nach dem Drama vor vier Jahren, als sie in Peking als Führende nach dem ersten Durchgang auf Platz vier zurückfiel, war so nah. Knapp 50 Sekunden entfernt.

Doch Dürr schaffte nicht mal eine davon auf dem Weg zum Traum. Nach ungefähr 0,7 Sekunden war sie über die erste Torstange gefahren. Dieses Drama für die Ewigkeit sah aus wie schlechter Scherz. Aber dieser Berg, diese Piste, macht keine Scherze. Dürr war raus, noch ehe sie richtig angefangen hatte. Durch den Zielraum ging ein fassungsloser Kollektiv-Seufzer.

"Katastrophe, worst case", stöhnte sie, als sie sich zu ihrem Interview-Marathon aufmachte und verfiel dann trotzig-verzweifelt dem Konzept der radikalen Akzeptanz: "So ist es jetzt." Und trotzte dem "beschissenen Gefühl". Bei einem FIS-Rennen vor 15 Jahren habe sie vielleicht schon einmal so ein frühes Aus ereilt, "das passiert jedem Slalom-Fahrer mal in seiner Karriere - und dann genau heute!"

Dürr steht reg- und fassungslos im Schnee

So ein Drama. Die ikonische Piste in den Dolomiten schreibt bei diesen Spielen die emotionalsten und tragischsten Geschichten. Hier endete Lindsey Vonns große Laufbahn, hier hielt der olympische Fluch Mikaela Shiffrin bis zu diesem Mittwoch fest in seinen grausamen Krallen. Hier aber feierte auch Italiens Ski-Heldin Federica Brignone eine sensationelle Auferstehung nach schlimmster Verletzung und gewann zweimal Gold. Als finalen Akt fürs Drama hatte sich der Schicksalsberg "Tofana" offenbar Dürr ausgesucht. Sie fuhr direkt über die erste Stange, schwang noch ein zweites Mal, dann stand sie reglos im Schnee. Als schien sie gar nicht zu verstehen, was da gerade passiert war. War sie unkonzentriert? Übermotiviert?

Ob ihr die Verarbeitung des Dramas je gelingen wird? Die 34-Jährige hat wohl ihre letzte Chance auf olympisches Edelmetall in den Schnee gesetzt. Wie schon drei Tage zuvor, als sie im Riesenslalom, ebenfalls als Zweite nach dem ersten Lauf, nach einem Patzer kurz vor dem Ziel noch aus den Podiumsrängen fiel. "In vier Jahren noch mal die Ringe zu sehen, das ist absolut unwahrscheinlich", sagte Dürr, auch wenn sie ihre Karriere fortsetzen will. In Momenten wie diesen werden keine großen Entscheidungen getroffen. Der zwei Jahre ältere Rodler Felix Loch hatte wenige Tage nach seinem olympischen Krampf entschieden, es noch einmal versuchen zu wollen.

Dass Dürr der gleiche Blackout passierte wie Markus Wasmeier als Topfavorit im Super-G 1988 war kein Trost, zumal der Mann vom Schliersee später noch Doppel-Olympiasieger wurde. "Man kann es noch gar nicht realisieren", sagte Dürr nach ihrem nicht zu fassenden Aussetzer. "Man meint, man kriegt nochmal einen Re-Run." Aber die Regeln machen da keine Ausnahme. Fehler ist Fehler, so bitter, so dramatisch das ist. Als sie im Zielbereich ankam, wurde sie von ihren Rivalinnen geherzt. "Es ist schon schön zu sehen, wer alles mit einem mitfiebert und wer es mir alles gönnen würde. Vielleicht ist es auch das, was es ausmacht", erklärte Dürr unter Tränen in einem ZDF-Interview.

Bei der Siegerehrung lehnte sie sich an die Schulter der Schwedin Sara Hector, fand Zuspruch. Das half für den Moment, heilt aber keine Wunden. Und die klafft nun erstmal.

Shiffrin klebt das Pflaster drauf

Shiffrin dagegen klebte endlich ein Pflaster drauf und litt mit ihrer deutschen Rivalin, die ihr eine der liebsten in ihrer Karriere war. Sie ermahnt sich selbst vor dem Start immer wieder, "denk ans erste Tor." Danach geht's ihr nur noch ums Skilaufen, das sie so gut beherrscht, wie kaum eine andere.

Was für olympische Dramen hatte Shiffrin selbst erlebt. In Peking und auch hier. Aus China reiste sie medaillenlos als seelisch tief erschütterte Athletin ab. Sie schleppte das Paket der Verzweiflung, des gigantischen Drucks mit nach Cortina. Ihre Angst vor Olympia war kleiner geworden und wurde nach den ersten Missgeschicken hier wieder größer. Vor dem Slalom, der Disziplin, in der sie eigentlich nicht zu schlagen ist, sprach sie erneut über "Druck". Sie sehe ihn aber als "Privileg", als Ergebnis ihrer Karriere. Ihrer immensen Fallhöhe. Shiffrin ist die erfolgreichste Skifahrerin aller Zeiten. Und endlich wieder versöhnt mit den Ringen, die in den USA noch mehr die Welt bedeuten als anderswo.

Als Shiffrin über die Ziellinie fuhr, reagierte sie fast gar nicht. Sie drehte sich zur Anzeigetafel um, sah die 1 grün aufleuchten und blieb ganz bei sich. Erst nach mehreren Sekunden reckte sie den rechten Arm in die Luft und jubelte. "Ich habe in diesem Moment an alle gedacht, die hier sind und die nicht hier sein können", sagte Shiffrin später bei der Pressekonferenz und kämpfte verzweifelt gegen die Tränen an. Die Amerikanerinnen schreiben an diesem Berg die größten, die emotionalsten Geschichten. Sie sprach sehr aufwühlend und weinend über ihren toten Vater, den sie so gerne dabeigehabt hätte. Er war bereits im Februar 2020 verstorben. Shiffrin kam lange nicht über den Tod hinweg, in Peking hing ihr das noch besonders nach. Mit diesem Moment im Ziel heilte sie ihre zweite Wunde. Es sei der erste Tag, an dem sie akzeptieren könne, dass er nicht mehr da ist.

Bei der Siegerehrung schloss sie die Augen und genoss. Es war ein emotionaler Moment. Auch für Dürr. "Das werde ich in meinem Leben nicht mehr sehen, deswegen musste ich schnell rennen", hatte sie an der letzten Station ihres Interview-Marathons gesagt, verschwand, kam zurück und erzählte zum sechsten Mal, was eigentlich nicht zu begreifen ist.

Quelle: ntv.de

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