Bobbahn nicht mehr einsatzfähigDas olympische Prestigeprojekt ist bereits massiv zerstört

Das neue Sliding Centre in Cortina wird als Aushängeschild des italienischen Schaffensgeistes gelobt. Keine zwei Wochen nach der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele weist die Strecke aber so große Schäden auf, dass sie nicht mehr einsatzfähig ist.
Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina hat Italien vier Medaillen in den Schlittenwettkämpfen gewonnen. Zwei Mal gab's Gold, zwei Mal gab's Bronze. Ein einmaliges Ergebnis zu dem auch das neue Sliding Centre Eugenio Monti beigetragen habe, hieß es - vor allem seitens der Institutionen.
Die neue Bahn hatte in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufregung und Kritik gesorgt. Eigentlich sollte sie gar nicht gebaut werden. Wollte man doch die bis dato nachhaltigsten Spiele organisieren, wie regionale und nationale Politiker immer wieder beteuert hatten. So nachhaltig, dass sie für zukünftige Veranstaltungen dieser Art als Blaupause dienen sollten. Doch kaum waren der olympische Tross und der Trubel wieder weg, legte sich auch die Euphorie, und so mancher Mangel kam ans Tageslicht.
Wenige Tage nach der Abschlusszeremonie am 22. Februar in Verona machte sich eine Gruppe von Experten auf den Weg, um eine Bestandsaufnahme des neuen Sliding Centre zu machen. Man wollte dabei überprüfen, ob bei den Spielen Schäden an der Struktur entstanden waren. Was nicht ungewöhnlich ist.
Millionenschaden ist entstanden
Was die Fachleute jedoch auffanden überstieg wahrscheinlich um das Mehrfache ihre Erwartungen. Wie die Tageszeitung "Corriere delle Alpi" berichtet, stellten die Experten in ihrem 45-seitigen Bericht Schäden in Höhe von über eine Millionen Euro fest. Und nicht nur das. Die Anlage ist in kurzer Zeit so heruntergekommen, dass die vom 10. bis 12. März vorgesehenen italienischen Bob-, Skeleton- und Schlittenmeisterschaften nicht in Cortina stattfinden können. Die Paralympischen Spiele, die vom 6. und bis zum 16. März stattfinden, sehen zum Glück diese Sportarten nicht vor. Sonst gebe es ein großes Problem.
Die Experten fanden Gelände und Anlage in folgendem Zustand vor: Die öffentliche Bereiche waren extrem verschmutzt. Zudem gab es zum Teil nicht abgesperrte Innenbereiche. Darunter war auch der Kontrollraum im Ankunftsgebäude, wo sich unter anderem Instrumente im Wert von Hunderttausenden Euro befanden, die zerstört worden waren.
Ein detailierter Blick ist verheerend: beschädigte Manometer, Schutzvorhänge, Installationskanäle und Isolierungen; verbogene Rohre, gelockerte oder fehlende Bordwandschrauben, abgerissene Abzweigdosen, eingedrückte Schalttafeln, frei hängende oder durchtrennte Kabel, beschädigte Schutzgeländer, beschädigter Trockenbau und Tore. Es handelt sich also nicht um einen einzelnen Schaden oder um ein paar wenige, sondern um Probleme, die die Struktur und überhaupt die ganze Anlage betreffen.
Das Schicksal der italienischen Rodelbahnen
Die erste Frage die sich stellt: Wie konnte das passieren, beziehungsweise wer hat dieses Chaos verursacht? Darauf gibt es - im Moment zumindest - keine Antwort. Außer der unbefriedigenden, dass es das Schicksal aller Rodelbahnen in Italien zu sein scheint.
Es ist ja so: Anfangs sollte die alte Eugenio-Monti-Rodelbahn wieder zum Einsatz kommen. Sie war für die Olympischen Spiele in Cortina 1956 errichtet worden. Ihr Zustand war aber nach den vielen Jahrzehnten Verwahrlosung so marode, dass dieses Szenario nicht möglich war. Das gleiche Urteil gab es bei der Rodelbahn, die für die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin errichtet worden war. Doch trotz ihrer nur 20 Jahre, war auch sie zu verwahrlost, um sie wieder instand zu setzen.
Für einen Moment spielte die Stiftung Milano-Cortina 2026 mit der Idee auf die Bob-, Skeleton- und Schlittenbahnen in der Schweiz oder in Innsbruck auszuweichen. Am Ende gewann aber der Nationalstolz die Oberhand.
Der Bau kostet fast 134 Millionen Euro
Die alte Eugenio-Monti-Bahn wurde abgerissen und das neue Sliding Centre, wieder der italienischen Bobfahrer-Ikone der 50er- und 60er-Jahre gewidmet, errichtet. Der ursprüngliche Kostenplan belief sich auf 47 Millionen Euro. Eine Pandemie und mehrere Rohstoffsteigerungen später kostete der Bau 133,6 Millionen Euro. Und was die Nachhaltigkeit betrifft, so meinte erst vor kurzem der ehemalige Regionalpräsident des Veneto, Luca Zaia: Für den Bau der Strecke seien zwar 856 Bäume gefällt worden, "wahr ist aber auch, dass 10.000 neu gepflanzt werden." Eine Ansage, an deren Umsetzung aber die wenigsten glauben.
Zurück zur Strecke. Am 4. Februar, also zwei Tage vor dem offiziellen Beginn der Spiele, bezeichnete die regionale Ausgabe der Zeitung "Corriere della Sera" die Bahn als "Kleinod" und schwärmte dann: "Die neue Strecke [...] stellt eine absolute Herausforderung der physikalischen Gesetze dar." Wegen der Länge von 1749 Metern und den darin eingebauten 16 Kurven. Lobende Worte gab es auch zum Thema Nachhaltigkeit. "Das Sliding Centre ist das erste seiner Art weltweit, das kein Ammoniak [zur Kühlung] verwendet", hieß es.
"Das ist die Zukunft unserer Nationalmannschaft"
Auch der Südtiroler Armin Zöggeler, Olympiasieger und Weltmeister im Rennrodeln, meinte mit Blick auf die Bahn: "Das ist nicht nur Zement; das ist die Zukunft unserer Nationalmannschaft, die nach vielen Jahren des Herumziehens wieder ein Zuhause hat."
Die zweite Frage die sich stellt: Wer kommt für die Schäden auf? Darauf scheint die Antwort einfacher zu sein. Die Gemeinde Cortina hatte der Stiftung Milano-Cortina 2026 das Sliding Centre für die Zeit der Olympischen Spiele überlassen, mit dem Einverständnis, dass diese sie am Ende der Gemeinde wieder zurückgeben werde. Und zwar im selben Zustand wie sie übernommen worden war. Die Stiftung Mi-Co 2026 hat versichert, dem in Kürze auch nachzukommen zu wollen.
Und damit sind die Fragen noch nicht am Ende: Wenn in nur ein paar Wochen eine Anlage dieser Art so verwüstet dasteht, wie wird es um das Sliding Centre in der nächsten Wintersaison stehen und generell um die Hinterlassenschaft, beziehungsweise der auch immer wieder hochgehaltenen "Legacy" dieser Spiele? Wer ist für die Instandhaltung verantwortlich? Fragen deren Antworten ein engmaschiges Monitoring erfordern.