Olympia

Kein Plan von "Cool Runnings"Jamaikas neue Bob-Helden faszinieren Olympia

16.02.2026, 14:54 Uhr
imageVon Anja Rau & Tobias Nordmann, Cortina
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Shane Pitter und Junior Harris träumen ganz groß. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Kein Schnee, kein Eis, nicht mal eine Bobbahn. Auch den Film "Cool Runnings" kennt Shane Pitter nicht. Das Unwissen hält den jungen Jamaikaner nicht davon ab, sich als Bobfahrer zu probieren. Ein waghalsiger Versuch, der ihn zu Olympia bringt.

Bob? Eiskanal? Shane Pitter wusste nicht so recht, was dieser Mann da von ihm wollte. 2021 war es, als er und seine Freunde angesprochen wurden, ob sie nicht für Olympische Spiele trainieren wollen würden. Der damals 20-jährige Pitter war Leichtathlet, machte Weitsprung und Sprint. Klar kannte er Olympische Spiele - schließlich sind vor allem die jamaikanischen Sprinter weltberühmt. Usain Bolt, der Weltrekordler über 100 Meter und 200 Meter, Shelly-Ann Fraser-Pryce, die "Pocket Rocket". Ein Traum eines Leichtathleten, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.

"Definitiv war es mein Traum, Olympionike zu werden", sagt auch Pitters Anschieber Junior Harris rückblickend. In der Leichtathletik, als Sprinter. Ein Erbe von Bolt. Das Problem an der Anfrage des Mannes: Dieser suchte jemanden für die Olympischen Winterspiele. Für 2026, für den Bob.

Der Bob als "kleine Kiste"

Pitter hatte keine Ahnung, was ein Bob ist. Obwohl der Film "Cool Runnings" das jamaikanische Bob-Team bei den Winterspielen in Calgary 1988 berühmt gemacht hat. In Jamaika selbst war es bei der Jugend offenbar dennoch nicht angekommen. Pitter erinnert sich in Cortina an die Erklärung: "Eine kleine Kiste, die man den Hügel runterschiebt, dabei schnell rennt, reinspringt und herunterfährt." Es ist die Kiste, die ihm heute das Leben bedeutet. Denn Pitter ist bei den Olympischen Winterspielen - als Bobpilot. Dabei gibt es in Jamaika keinen Schnee, kein Eis und keine Bobbahn.

Das war Pitter egal, er war sofort angefixt, rief sofort, er wolle mitmachen, gab dem Unbekannten, der sich später als Bobfahrer Rolando Reid herausstellte, seine Telefonnummer. Und musste dann ganz ungeduldig warten. "Nach zwei Monaten fragte ich meine Mutter: 'Mama, wird er mich anrufen?' Sie sagte: 'Shane, sei geduldig.' Und dann bekam ich endlich den Anruf. Das war, als meine Reise begann."

Erst Stürze, dann der Sprung ins Nationalteam

Kein Eis, keine Bobbahn, das war den "Cool Runnings" damals schon egal - inzwischen kennt auch Pitter seine "Vorfahren". "Die Jungs motivieren mich wirklich", sagte der heute 26-Jährige kurz vor den Olympischen Spielen bei olympics.com über das Team von 1988. "Selbst als der Schlitten stürzte, nahmen sie ihn auf ihre Schultern und brachten ihn über die Ziellinie. Das hat mich inspiriert, bei diesen Spielen besser abzuschneiden."

Er lernte also Schlitten fahren. Er lernte, was es bedeutet, Bobfahrer zu sein. Er lernte, wie es ist, mit einem Team zu arbeiten. "Ich habe den Push-Wettbewerb unter allen neuen Rekruten gewonnen, dadurch bekam ich die Möglichkeit, nach Lake Placid zu kommen, begann meine Ausbildung und fing als Pilot an", sagte er olympics.com. Es war eine lange Reise, er stürzte und stürzte wieder. Dann sah er sich Point-of-View-Videos anderer Fahrer an, beobachtete, adaptierte. Pitter lernte die Kunst des Bobfahrens, ehe er bereit war für Probetrainings für die Nationalmannschaft.

Er traf schließlich auf seine heutigen Anschieber. Auch sie kommen aus der Leichtathletik - wie bei so vielen Teams sind es Sprinter. Harris, mit dem Pitter im Zweierbob am Start ist, läuft über 100 Meter 10,32 Sekunden, wie er - nicht ohne Stolz - den Journalisten im Cortina Sliding Centre erzählt. Eine Zeit, mit der er in anderen Nationen mindestens in der Staffel international dabei wäre. In Jamaika ist er zu langsam fürs Nationalteam. Und so ist der 21-jährige Anschieber im Bob.

Olympia ist "ein großartiges Gefühl"

Das Training für den Bob mündete in dieser Saison in einem vorläufigen Highlight: Im November gab es für das Team um Pitter den ersten Sieg im North American Cup - dem Pendant zum in Europa zweitklassigen Europacup. Seitdem standen sie acht Mal ganz oben auf dem Treppchen, erzählt Pitter. Im Weltcup durften sie noch nicht an den Start gehen.

Nach den "Cool Runnings" hatten es schon andere Jamaikaner versucht, auch 2018 gab es in Peking ein Team. Was vor vier Jahren hängen blieb, war der Zoff mit Sandra Kiriasis, der deutschen Olympiasiegerin, die als Teamchefin bei der Eröffnungsfeier tanzte - und schnell wegen angeblicher Lügen aus dem olympischen Dorf und dem Team flog. Die beste Platzierung jemals für Jamaika im Bobsport bei Olympia: Platz 14.

Diesmal ist die Stimmung anders. Positiv, enthusiastisch. Pitter und Harris stehen voller Stolz an der Bobbahn, sie werden umringt von einer Traube Journalisten. Alle wollen wissen, wie es den "Exoten" mit den legendären Vorfahren ergeht. Die beiden sind fast so begehrt wie die großen Stars der Szene. Ihre Geschichte fasziniert, alle anderen - und sie selbst.

Und nicht nur stimmungstechnisch, auch sportlich ist es anders. Mica Moore ist bei den Frauen im Monobob dabei - und eben Pitter und seine Anschieber, die sowohl im Zweier- als auch im Viererbob fahren. Moore ist nach zwei von vier Läufen 15. im Monobob, liegt damit sogar einen Platz vor der deutschen Kim Kalicki, aber auch schon 1,86 Sekunden hinter der zur Hälfte führenden Laura Nolte, die auch den Gesamtweltcup in dieser Disziplin gewann. Moore könnte dennoch jamaikanische Geschichte schreiben und die Beste jemals für ihre Nation werden.

Für Pitter läuft es bislang nicht so gut, nach zwei von vier Läufen im Zweierbob ist das Jamaika-Team 23. - liegt schon 3,50 Sekunden hinter dem Führenden, Johannes Lochner. Aber immerhin vor den Teams aus Brasilien, Trinidad und Tobago sowie Israel. Die Platzierung scheint ohnehin zweitrangig. Pitter sagt: "Ich liebe die Bahn." Anschieber Harris ist nach dem ersten Wettkampftag ganz beseelt: "Es war ein großartiges Gefühl, ein starkes olympisches Gefühl, gar kein Druck. Ich bin glücklich und mit meiner Leistung zufrieden."

Die Erben von "Cool Runnings" sind erst einmal stolz, überhaupt dabei zu sein. In Cortina ist alles anders als in ihrer Heimat. Hohe Berge, kein Strand, Schnee, Kälte - und eine Bobbahn. Pitter arbeitet neben dem Sport als Fischer. In Italien lebt er in einer anderen Welt. Die Träume hält das nicht auf, die sind groß: 2030, bei den kommenden Winterspielen in den französischen Alpen, da wollen sie Gold.

Quelle: ntv.de

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