Tod, Tränen und Familien-TraumDie emotionale Olympia-Achterbahnfahrt des Maxim Naumov

Vor einem Jahr brach für Eiskunstläufer Maxim Naumov eine Welt zusammen. Seine Eltern starben bei einem Flugzeugabsturz. Sie waren Eiskunstlauf-Weltmeister und seine Trainer. Trotz Trauer und Schmerz hat sich Naumov nun erstmals für Olympia qualifiziert.
Am 11. Januar 2026 war Maxim Naumov am Ziel. Endlich. "Wir haben es geschafft. Wir haben es wirklich geschafft", sagte der 24-Jährige am Schlusstag der US-Eiskunstlauf-Meisterschaften in St. Louis. Um ihn herum klatschten Freunde, Trainer, Teammitglieder. Denn soeben war Naumov vom US-Verband für die Olympischen Winterspiele in Mailand nominiert worden.
Einen Tag zuvor hatte er bei den nationalen Titelkämpfen Bronze gewonnen. Dann folgten 24 Stunden Ungewissheit, Hoffen, Bangen. Würde der dritte Platz reichen, um erstmals zu den Winterspielen reisen zu dürfen? Er reichte. Jeden Tag, betonte Naumov, hätten seine Eltern und er jahrelang über die Winterspiele gesprochen. Jeden Tag, seitdem er fünf Jahre alt gewesen sei, hätte die Familie den gemeinsamen Traum von Olympia gehabt. Und nun, als dieser große Traum endlich in Erfüllung gegangen war, da konnte er seine Gefühle und Emotionen nicht mit seinen Eltern teilen. Sie nicht umarmen, sich nicht für alles bedanken. Denn Vadim Naumov und Jewgenija Schischkowa waren knapp ein Jahr zuvor bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.
Eltern waren Paarlauf-Weltmeister 1994
"Ich wäre nicht hier ohne die unvorstellbare Arbeit, die Anstrengungen und die Liebe meiner Eltern", sagte Naumov. In Mailand wird der US-Amerikaner die Olympia-Geschichte seiner Familie fortsetzen. Vadim Naumov und Jewgenija Schischkowa gehörten Anfang der 1990er-Jahre zu den besten Paarläufern der Welt. 1992 wurden die Russen in Albertville Fünfte, zwei Jahre später in Lillehammer Vierte. Wenige Monate nach den Winterspielen in Norwegen folgte der Höhepunkt: WM-Gold 1994.
Nach ihrer Karriere zogen beide nach Connecticut an die US-Ostküste. Hier kam 2001 ihr einziges Kind, Maxim, zur Welt. Früh hatten ihm die Eltern die Leidenschaft und die Liebe für das Eiskunstlaufen vermittelt, ihm beigebracht "wie eine Grille hüpfen" und sich "wie ein Tornado zu drehen." Und früh begann auch der gemeinsame Familien-Traum von Olympia. Maxim hat ihn sich nun erfüllt. Allerdings war es eine emotionale Achterbahnfahrt nach Mailand. Hinter ihm liegt ein Jahr voller Schmerz, Trauer und Tränen.
Tragischer Tod bei Rückreise von US-Meisterschaften
Am 29. Januar 2025 befinden sich seine Eltern auf dem Rückweg von den US-Meisterschaften in Wichita/Kansas. Sie wollen zurück nach Boston, wo sie seit vielen Jahren als Trainer beim renommierten Boston Skating Club arbeiten und auch ihren Sohn coachen. Beim Landeanflug auf Washington D.C. kollidiert ihr Flieger etwa 100 Meter über dem Potomac-Fluss mit einem Militärhubschrauber und stürzt ab.
Maxim erfährt von dem Unglück und macht sich zusammen mit einem Teamkollegen auf die achtstündige Autofahrt von Boston nach Washington. Zunächst ist unklar, wie groß das Ausmaß der Katastrophe ist. Immer wieder versucht der Sohn von unterwegs seine Eltern zu erreichen - vergebens. Vor Ort dann die grauenvolle Gewissheit: alle 67 Insassen des American-Airlines-Flugs 5342 sind tot. Unter den Opfern befinden sich auch Vadim Naumov und Jewgenija Schischkowa.
"Wir müssen kämpfen" sei immer das Familien-Motto gewesen, sagt Maxim. Daran hat er sich im vergangenen Jahr immer wieder erinnert, als er vor Trauer mitunter nicht aus dem Bett kam. Oder als er sich vor lauter Schmerz nicht einmal die Schnürsenkel seiner Schlittschuhe zubinden konnte. "Wir müssen kämpfen."
Unterstützung erhält Naumov bei diesem Kampf von Freunden, Teamkollegen, aber auch von Menschen, die er gar nicht kennt. Aus aller Welt bekommt er Mitleid, Zuspruch, aufmunternde Worte. Jede Nachricht, jede E-Mail, jeder Anruf habe ihm "unglaublich viel bedeutet" und ihm geholfen, sagt Naumov. "Danke, an alle."
Emotionale US-Meisterschaften
Als er am 10. Januar 2026 bei den US-Meisterschaften seine Kür läuft, drückt ihm das gesamte Publikum die Daumen, hält bei seinen Sprüngen den Atem an oder die Hände vor's Gesicht. Alle wollen, dass Maxim Naumov sich für Mailand qualifiziert. Dreimal nacheinander war er in den Jahren zuvor Vierter bei den US-Meisterschaften geworden. Das hatte nie gereicht für eine WM oder Olympia. Diesmal muss er mindestens Dritter werden, um eine Chance zu haben, nominiert zu werden.
Nach seiner Kür wartet Naumov erschöpft auf das Ergebnis der Kampfrichter. Er schließt seine Augen, schaut auf den Boden. In den Händen hält er ein Foto, das seine Eltern zeigt, sitzend auf einer Couch. Papa Vadim trägt stolz seinen Sohn auf den Schultern. Maxim ist vielleicht zwei Jahre alt. Seine Eltern seien während der Titelkämpfe bei ihm gewesen, das habe er gespürt, so Naumov.
Als Scott Hamilton am 11. Januar den US-Eiskunstlauf-Kader für die Winterspiele bekanntgibt, hebt der Olympiasieger von 1984 Naumov besonders hervor. Er habe gezeigt, dass er der Situation gewachsen sei, trotz seiner Trauer. Naumovs Traum, so Hamilton, sei auch der Traum "von so vielen von uns gewesen". Nun kämpft Naumov am heutigen Dienstag im Kurzprogramm (18.30/ZDF, Eurosport und im ntv.de-Liveticker) um eine gute Ausgangsposition für die Kür am Freitag (19 Uhr/ARD, Eurosport und im ntv.de-Liveticker).
"Seht, wie weit wir gekommen sind"
Es sind die kleinen, die einfachen Dinge, die mitunter im Alltag untergehen oder als gegeben angenommen werden, die Maxim Naumov nun viel mehr zu schätzen weiß. So sei er zum Beispiel in die US-Meisterschaften mit einem Gefühl von Dankbarkeit gegangen. Dankbar, überhaupt wieder die Gelegenheit zu haben, einen Wettkampf zu bestreiten.
Auch ein Jahr nach dem Tod seiner Eltern könne er all das, was er habe durchmachen müssen, um es überhaupt zu den US-Titelkämpfen zu schaffen, immer noch nicht in Worte fassen, sagt Naumow. Doch nun ist er in Mailand, auf der olympischen Bühne. Auf dem Weg dorthin hat er sich immer wieder Familien-Fotos angeschaut.
Und er hat dabei zu seinen Eltern gesprochen. Über all die Pläne, all den Aufwand, all das, was sie zusammen durchgemacht hätten. "Seht, wie weit wir gekommen sind", hat er ihnen gesagt. "Was wir erreicht haben." Der große, gemeinsame Traum der Drei ist wahr geworden. Er wisse, sagt Naumov, dass seine Eltern auf ihn herunterschauen, lächeln und stolz sein würden. Aber sie würden ihm auch klarmachen: "Maxim, die Arbeit ist noch nicht beendet."