Olympia

Ach komm Olympia, wie kitschigIm letzten Zweierbob-Rennen seines Lebens lässt's Lochner gnadenlos krachen

18.02.2026, 01:15 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Cortina
Milano-Cortina-2026-Olympics-Bobsleigh-2-man-Heat-4-Cortina-Sliding-Centre-Cortina-d-Ampezzo-Italy-February-17-2026-Johannes-Lochner-of-Germany-and-Georg-Fleischhauer-of-Germany-celebrate-after-winning-the-gold-medal
Johannes Lochner und Georg Fleischhauer krönten ihre Laufbahn - im letzten Zweierrennen ihres Lebens. (Foto: REUTERS)

Johannes Lochner war so oft Zweiter. Er war so oft an Francesco Friedrich verzweifelt. Im letzten Zweier-Bobrennen seiner Karriere lässt er aber alles das hinter sich - und holt tatsächlich noch Olympia-Gold.

Zwei Jahre ist es her, da entschied Johannes Lochner, dass er am 22. Februar 2026 zum letzten Mal ein Bobrennen fahren wird. Der so oft geschlagene Starpilot aus Berchtesgaden hatte das Schicksal seiner Karriere in die Hände der olympischen Götter gelegt. Jener Götter, die ihm in der Vergangenheit keine fürsorglichen Wegbegleiter gewesen waren. Die Winterspiele, so entschied der "Hansi" damals, seien ein guter Zeitpunkt, um Schluss zu machen. Ganz egal, was dann in Cortina passiert.

Nun war Cortina gekommen. Und Lochner bat die Bobsport-Welt zum letzten Tanz. So hatten es seine Hansi-"Ultras" ausgerufen, die zur Strecke gekommen waren. Ganz richtig ist das nicht. In Wahrheit tanzte der "Hansi" an diesem Dienstag nur im Zweierbob zum letzten Mal. Die Königsdisziplin, die Kiste mit vier Mann, steht erst am Wochenende an. Am 22. Februrar. Aber erstmal war das Hier und das Jetzt. Und wenn in diesem Moment alles vorbei gewesen wäre, dann wäre es vermutlich auch gut gewesen.

Die Götter geben endlich ihren Segen

Gold hatte Lochner gemeinsam mit seinem hünenhaften Anschieber Georg Fleischhauer gewonnen. Zum ersten Mal überhaupt war er Olympiasieger geworden, nach den katastrophalen Spielen von Pyeongchang, wo ihm als Favorit rein gar nichts gelang, und nach den Spielen von Peking vor vier Jahren, als er wieder mal an seinem ewigen Rivalen Francesco Friedrich gescheitert war. Es war die verdammte Story seines Lebens. Nun aber standen sie, Lochner und Fleischhauer, im strahlenden Olympia-Licht. Und wie sie das genossen. "Hansi wäre einer der erfolgreichsten Bobfahrer aller Zeiten, wenn nicht dummerweise Francesco Friedrich gleichzeitig dagewesen wäre", sagte Bundestrainer René Spies in der ARD. Diesen Triumph "gönnen wir ihm alle sehr". Auch Friedrich würdigte den "verdienten Sieg, er war das ganze Jahr besser, ganz einfach. Das muss man anerkennen".

Noch bevor ihr Schlitten im entscheidenden vierten Durchgang ausgebremst hatte, rissen die beiden die Arme hoch. Als das Gerät endlich stoppte, flogen sie förmlich heraus. Sie waren endlich im siebten Bobhimmel angekommen. Die goldene "Bromance" wurde mit Küsschen begossen. Was hatten sie für diesen Erfolg alles gegeben. Sie hatten sich wieder und wieder aufgerafft, trainiert und getüftelt. Beides ist ein unverzichtbares Zusammenspiel. Wer schnell rennt, wer gut lenkt und wer die besten Kufen hat, der wird am Ende oben stehen. Dieser Schinderei gaben nun auch die Götter endlich ihren Segen.

Dauerrivale Friedrich verneigt sich

Es wäre aber auch ein Drama gewesen, wenn auch die letzten Olympischen Spiele ungekrönt geblieben wären. Lochner hatte diesen Winter alle in Grund und Boden gefahren. Sechs von sieben Weltcups hatte er gewonnen, er hatte die Trainings dominiert und lebte in der Gewissheit, dass nichts passieren kann. Dass der Einzige, der seinen Triumph verhindern kann, er selbst ist. Nicht Francesco Friedrich, der erstmals "nur" Silber gewann. Und auch sonst keiner. Der sächsische Titan, vierfacher Olympiasieger und 18-facher Weltmeister, erwies seinem Nachfolger noch in der Rinne die große Ehre und nahm ihn herzlich in die Arme. Es war die würdige Ouvertüre einer schier unendlichen Umarmungssequenz. Die Eltern von Lochner und Fleischhauer waren da, dazu die Frau von "Hansi". Die Familie wurde auf den letzten Metern für alles belohnt. Geht's denn kitischiger? Geht's denn schöner?

In diesen Momenten der Anerkennung, der Glückwünsche, vielleicht auch der Gönnung, waren die alten Geschichten ganz weit weg. Der Streit um Anschieber, um Abwerbeversuche gegen angebliche Absprachen, um Know-how-"Spionage" war ganz weit weg. In Cortina verzwergte sich die ewige Rivalität, die die beiden besser und besser machte, und im Schlepptau auch noch den Bronzemedaillen-Gewinner Adam Ammour groß werden ließ, auf das denkbar kitschigste Ende einer großen Karriere. Einmal Gold ist drin, ein zweites könnte noch folgen. Wieder heißen seine Konkurrenten Friedrich und Ammour. Und wenn es am Wochenende dann wieder in den Kanal geht, dann wird es enger zugehen. Eine solch gigantische Machtdimension, wie sie Lochner im "kleinen" Bob auf die Bahn gezaubert hatte, wird es nicht geben, vermutet Friedrich. Vielleicht hofft er das auch nur.

"Oh scheiße"

Lochner und Fleischhauer wussten in den goldenen Momenten in Cortina gar nicht so recht, wie ihnen geschieht. Vor dem vierten Lauf wurde im hünenhaften Anschieber der Gedanke immer präsenter, dass er nur noch einmal 55 Sekunden Genuss im Rücken seines Piloten erleben würde. "Da habe ich dann schon gedacht: oh scheiße, nicht dass mir die Tränen kommen", bekannte Fleischhauer. Er, der ehemalige Top-Hürdenlaufer, war Lochners großes Pfund am Start. Im Schlitten regelte dann der Mann aus Bayern. Er kam wieder herausragend gut durch die Bahn, trotz kleiner Banden-Touchierungen. Im letzten Lauf flog er dem Ziel entgegen. Es war eine Fahrt für die Ewigkeit. "Ich habe das brutal genossen," erzählte er in der Mixed Zone. Und brachte dann noch ein Wort über die Lippen, das an diesem Abend als Überschrift genug gewesen wäre: "endlich".

Der Spaß im Schlitten ist für ihn vielleicht wichtiger als für jeden anderen. "Wenn ich Spaß habe, dann fahre ich sehr schnell", dass hatte er in diesen Tagen häufiger betont. Diesen Spaß fand er zurück, als er entschied, dass nach Olympia Schluss ist. Der Spaß, der gab ihm innere Ruhe. Seine Frau Hannah traf ihn zwischen dem dritten und vierten Durchgang. Lochner und Fleischhauer scherzten, sie wunderte sich nicht. So sei er halt, der "Hansi". Gelassen (geworden) und nicht den Hauch von Zweifel, dass der Traum von Gold tatsächlich abermals platzen könnte. So gemein konnte nicht mal der fieseste Bobsport-Gott sei. Und so schoben sie ein letztes Mal an, sprangen ein letztes Mal in die Kiste und rasten wie auf Schienen durch die Bahn. Als einzige blieben sie unter 55 Sekunden. Als hätte es diese Machtdemonstration noch einmal gebraucht. 1,34 Sekunden trennten ihn letztlich vom Verfolger.

Sonntag folgt dann tatsächlich der letzte Tanz. Und was dann? "Hütte abreißen im Deutschen Haus. Vermutlich dann mit ganz viel Ballermann-Musik." Das Ende der großen, nun vollendeten Karriere ist gekommen. Wird's sogar doppelt goldig, doppelt kitschig?

Quelle: ntv.de

Olympische Winterspiele 2026Wintersport